Kalifornisches Strandgut
Kem Nunn geht zerbrochenen Surfer-Träumen nach
Vor vielen Jahren und wahrscheinlich länger, als das Gedächtnis des derzeitigen Buchhandels zurückreicht erschien unter dem etwas einfältigen Titel «Nacht über Surf City» (im Original «Tapping the Source», 1984) ein Roman, in dem ein siebzehn, achtzehn Jahre alter Knabe seine Initiation in die genauso dubiose wie anarchische Surfer-Subkultur Kaliforniens erlebt, an alten Motorrädern herumschraubt, seine grosse Liebe findet und sich mit knapper Not aus dem Geflecht von Sportsgeist, fragwürdigen Idealen und Kriminalität heraushalten kann, das an der Pazifikküste gewuchert hat. Obwohl der Schmöker für Fünfzehnjährige genauso guten Lesestoff bietet wie für deren junggebliebene Väter, wurde Kem Nunn, der Verfasser, hierzulande nicht sehr bekannt was schade ist, da es nicht besonders viele gut geschriebene Abenteuergeschichten gibt. Das könnte sich nun aber womöglich ändern, denn bei DuMont liegt ein neuer Roman dieses Autors in deutscher Übersetzung vor: «Wo Legenden sterben» ein Blick auf die gleiche verschworene Gemeinschaft, aber gewissermassen vom anderen Ende der Zeitleiste her betrachtet, als die Geschichte gealterter Helden und erodierter Lebensentwürfe.
Kem Nunn entwirft ein Gruppenbild von Gescheiterten, die alle ihre unterhaltsameren Anekdoten mit dem Wort «damals» einleiten müssen. Seine Helden sind Anfang Vierzig, haben das Geld verloren, das sie in besseren Jahren machen konnten, leben von Pillen und Bier oder stürzen sich mit jenen steifen Bewegungen in ihr letztes grosses Abenteuer, die für Ex-Berufssportler typisch sind. Und das Schlimmste von allem: Sie wissen selbst am besten, dass sie tief gesunken sind und dass sie niemanden darüber hinwegtäuschen können.
Das gilt vor allem für zwei dieser Wiedergänger: Drew Harmon war einmal der Gott der Surfer-Gemeinde und ist dann in der Versenkung verschwunden, Fletcher war seinerzeit der massgebende Photograph für die Magazine, in denen diese Szene sich feierte. Er bekommt schon lange keine regelmässigen Aufträge mehr und ist überrascht, als ihm angeboten wird, gemeinsam mit Drew an einen verrufenen Ort an der Küste Nordkaliforniens namens «Heart Attacks» zu reisen, um zu dokumentieren, wie dieser Heros die grösste Welle seines Lebens reiten will. Das Unternehmen steht von Beginn an unter keinem guten Stern; eine Handvoll Verlorener macht sich in einem alten Auto auf den Weg in ein unwirtliches Gebiet, wo alle Strassen enden, wo sich haushohe Wellen an spitzen Felsen brechen und der Nebel über dem kalten Wasser die Orientierung erschwert. Ausserdem trauen sie sich gegenseitig nicht über den Weg und verachten sich untereinander für die Niederlagen, die das Leben ihnen zugefügt hat.
Schon beim ersten Foto-Shooting gibt es einen Toten und eigentlich ist das ganze Unternehmen damit auch gescheitert; aber dann schiebt jeder für sich und letztlich nur für sich allein die Grenzen, bis zu denen er gehen will, immer weiter hinaus. Sei es um der jungen undurchschaubaren Frau willen, die mit Drew Harmon zusammen lebt, obwohl sie es für möglich hält, dass er einen Mord begangen hat; sei es, um sich selbst etwas zu beweisen, oder um das blanke Chaos in einem Reservat zu verhindern, dessen Bewohner auf die Neuankömmlinge in ihren knallbunten Neopren-Anzügen ausgesprochen allergisch reagieren. «Heart Attacks» ist am Ende kaum noch ein geographisch präzise zu benennender Punkt an der Küste, sondern die Chiffre einer dunklen Sehnsucht; für manche ein Ort ohne Wiederkehr aber als bittere Pointe auch der Platz, an dem jener Mythos als hohle Fassade wiedergeboren wird, dessen Verblassen sie alle noch einmal hinaus getrieben hat.
Ein paar Boards aus Balsa-Holz und Redwood, ein paar klapprige Fahrzeuge und einige Gewehre das ist die Grundausstattung, mit der Kem Nunn seine Protagonisten an den Abgrund schickt ein paar Autostunden entfernt vom sonnigen Südkalifornien, direkt am Rande der Hochkultur. Und in kürzester Zeit wird alles zu Schrott: die Aussteigerphantasien, die Mythen der Männer, die magischen Rituale der Frauen. Der Ritt auf der Welle ist der eine Augenblick der Freiheit, der jedoch nie von Dauer sein kann; die Suche nach diesem Moment aber ist der Virus, der das Verderben nach sich zieht. Das ist an der Oberfläche die treibende Kraft einer packenden Handlung, die aus lakonischer Distanz erzählt wird und im tiefsten Inneren das ungelöste Rätsel, mit dem der Roman den Leser zurücklässt.
Michael Schmitt