Kohouts Buch gewährt einen Blick hinter den "Eisernen Vorhang" auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Tschechoslowakei der Jahre 1970-78. Es ist aufregend, aufwühlend und oftmals unglaublich in seiner Darstellung der unmenschlichen und entsetzlich-brutalen Methoden des kommunistischen Regimes. Während die Freiheit des Denkens, der Meinung, der Lebensführung im Westeuropa dieser Jahre zur Selbstverständlichkeit, beinahe zur Alltäglichkeit geworden ist, zeigen Kohouts autobiographische Erlebnisse, wie kostbar, fast unerreichbar, diese menschlichen Werte in der CSSR waren. Pavel Kohout, einstiger Vorzeige-Intellektueller der CSSR, wurde als einer der Wortführer des Prager Frühlings 1969 aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen und fast 20 Jahre totgeschwiegen. Dieser Roman, beginnend in den 70ger Jahren, schildert Kohouts persönlichen Kampf für die Freiheit des Denkens, der Meinung und der Lebensführung, zeigt die (vergeblichen) Versuche, all dies friedlich für sein Land durchzusetzen. Doch das Regime reagiert mit Verhaftungen, Erpressung und Anschlägen. Dennoch lassen sich Kohout, seine Frau Jelena Masinova und ihre Mitstreiter, unter ihnen die Schriftsteller Vaclav Havel, Ivan Klima und der Schauspieler Pavel Landovsky-um aus der langen Liste nur einige der vielleicht bekanntesten tschechischen Intellektuellen zu nennen -nicht von ihrem Kampf für die menschlichen Grundrechte abbringen. Unter all den Repressalien und Drohungen seitens des Regimes, verlieren sie niemals die Hoffnung, den Humor und die Lebenskraft, rücken noch näher zusammen und tragen alle-jeder auf seine Weise- zur Entstehung der Charta 77 bei. Dieser Roman ist eine große Nachhilfestunde in der Geschichte der europäischen Teilung, ist ein unbedingtes Muß für jeden, der sich für die Staaten des ehemaligen Ostblocks, ihre Politik und ihre Gesellschaft interessiert, aber auch für diejenigen, die all die Jahre bis zum Wegfall des "Eisernen Vorhangs" in einem demokratischen Land gelebt haben, das in Nachbarschaft zur damaligen Tschechoslowakei liegt, und dennoch nichts oder nur "gefilterte" Informationen über die andere Seite des "Vorhangs" erhielt. Es ist erschreckend zu erfahren, wie wenig die westlichen Staaten gegen das kommunistische Regime ausrichten konnten, wie wenig sie zwangsläufig ausrichten wollten, um nicht selbst zur Zielscheibe des damaligen Ostblocks zu werden. Es ist faszinierend, zu lesen, mit wie großer Charakterstärke es die Menschen um Kohout geschafft haben, ihre Interessen und Ziele zu verfolgen und durchzusetzen, wie groß der Zusammenhalt untereinander auch in Krisenzeiten war. Menschlichkeit steht zwischen den Zeilen dieses Buches. Menschlichkeit, die sich in den kleinen Dingen des Lebens äußert, im Umgang mit dem Anderen, aber auch mit sich selbst.
Ein Wermutstropfen bleibt jedoch: Die Handlung dieses Buch beschränkt sich fast ausschließlich auf das tschechischische Intellektuellenmilieu und gibt so gut wie gar keinen Einblick in die Alltagssorgen und -nöte der "normalen" sprich nicht-intellektuellen Staatsbürger der damaligen CSSR. Kohouts Erlebnisse können daher sicher nicht als exemplarisch angesehen werden und unterliegen einer gewissen Subjektivität. Dennoch läßt sich ohne Schwierigkeiten während der Lektüre erdenken, wie es den "einfachen" Staatsbürgern ergangen sein muß, wenn sie sich nicht mit dem Regime konform gezeigt haben.
Vor dem Hintergrund dieses Buches erkennt man, daß die Freiheit des Denkens und Handelns nichts Selbstverständliches und Alltägliches ist und es es niemals werden sollte.