Nachfolgend eine längere Filmkritik zu "Wo die wilden Kerle wohnen" von mir. Wer zu faul zum Lesen ist, dem sei Eines gesagt: Ein ganz ganz großer Film, unbedingt anschauen!
Der Film 'Wo die wilden Kerle wohnen' von Regisseur Spike Jonze ist nur auf den ersten Blick eine gewöhnliche, deshalb oberflächliche Kinderbuchverfilmung des berühmten Klassikers von Maurice Sendak, in dem der kleine Max (Max Records) durch Probleme daheim auf die Insel der wilden Kerle flüchtet und deren König wird.
Schon im Vorspann des Filmes wird klar, um wen sich der Film dreht: Max, 8 Jahre alt, Schüler, zerstörungswütig, frech aber auch warmherzig und lieb. Die üblichen Logos der großen Filmfirmen sind überkritzelt mit wilden Kerlen oder seinem Namen. Im nächsten Moment jagd der Zuschauer Max aus der Perspektive einer verwackelten Handkamera nach, welcher wiederrum einen Hund verfolgt und sich schließlich wild schreiend auf ihn wirft. Im direkten Gegensatz dazu der liebenswürdige und niedliche kleine Max, der aus Schnee ein Iglu baut und mit den Freunden seiner Schwester eine Schneeballschlacht veranstaltet.
Danach springt Max zwischen diesen beiden Extrema hin und her: Zuerst zerstört er aus Wut das Zimmer seiner Schwester, das er danach mit seiner Mutter wieder weinend und zutiefst bereuend aufräumt. Ihr erzählt er auch eine Geschichte und muntert sie dadurch von ihrem stressigen Beruf auf. Die Stimmung kippt kurze Zeit danach wieder, als seine Mutter ihren neuen Freund nach Hause eingeladen hat und Max bittet, den Tisch zu decken. Er rastet aus, stellt sich auf den Tisch und brüllt zu seiner Mutter: 'Ich fress dich auf!'
Max flieht aus der Wohnung und segelt auf eine Insel, wo die wilden Kerle wohnen. Anfangs nutzt er die Insel zusammen mit den Monstern, die ihn zu ihrem König gemacht haben, als eine Art Abenteuerspielplatz. Schreiend rennnen sie herum, reißen Bäume aus und beschließen, eine neue Festung zu bauen. Es scheint, als würde das von Max versprochene Schutzschild, das Unglück und Trauer abhalte, wirken. KW, die die Gruppe schon verlassen hatte, kehrt zur Freude Carols, Max bestem Freund, immer öfters zur Gruppe zurück. Auch Judith, die Besserwisserin und ihr Mann Ira scheinen besser als zuvor in die Gruppe integriert.
Doch das Glück und die Freude währt nicht lange. Es kommt wieder zu Spannungen und Streit in der Gruppe und Max als König scheint hilflos dagegen zu sein. Carol und KW verfremden sich zusehends. Wie bei seinen Eltern kann und will Max dies nicht verstehen. Er lernt, dass wild sein allein auch kein Problemlöser ist, sondern eher das Gegenteil. So soll laut ihm eine Schlacht mit Dreckklumpen helfen, sich anschließend wieder vertragen zu können. Was anfangs noch als Spaß beginnt, wird jedoch spätestens dann bitterer Ernst, als der von allen respektierte und gemochte Douglas von einem Klumpen verletzt wird, aber die Anderen nicht aufhören, auf ihn zu werfen.
Lösungen findet Max auf die immer größer werdenden Probleme nicht, er gelangt lediglich zur Einsicht, dass menschliche Beziehungen eben kompliziert seien. Dies führt dazu, dass er beschließt, die Insel und die wilden Kerle zu verlassen und nach Hause zu segeln. Zu seiner Verabschiedung kommt auch Carol, mit dem sich Max zuvor zerstritten hatte. Es scheint, als hätte nicht nur Max dazu gelernt, denn auch die wilden Kerle sind zusammengewachsen. Als Max wieder nach Hause kommt, wartet seine Mutter auf ihn und das Essen ist noch warm.
Obwohl der Film ab 6 Jahren freigegeben und die Verfilmung eines Kinderbuchs ist, ist er für Kinder nicht wirklich zu empfehlen. Zu depressiv, zu melancholisch wirkt Max, die Insel und die wilden Kerle selbst, zu nachdenklich stimmend ist selbst das versöhnliche Ende. Gerade aber diese Stimmung macht den Film zu einem Großartigen! Sie lässt tief blicken ins Bewusstsein und in die Gefühlswelt von Max und Kindern generell. Die Ängste, Menschen, die man liebt, könnten sich ändern und einen selbst verlassen. Die Wichtigkeit wahrer Freunde. Die Spiel- und Zerstörungswut, das Unbelastetsein. Und gleichzeitig die Reue und das Schuldgefühl danach.
Möglich wird dieser tiefe Blick aber nur durch den zwölfjährigen Schauspieler Max Records. Die starken und schnellen Wechsel der Gefühlslagen wirken erst durch ihn so echt und real. Wie er in Sekundenschnelle vom wütenden zum traurigen Max wird, kann man wohl authentischer nur im wahren Leben beobachten.
Spike Jonze hat es geschafft, aus einem dünnen Kinderbuch einen großartigen Film zu machen, bei dem alles stimmt. Die verwackelten Handkameraszenen, die Fotografie ähnelnden Aufnahmen und die mit echten Kostümen gespielten, nicht animierten wilden Kerle bringen einen künstlerischen und inspirierenden Aspekt mit in den Film, den man in vielen anderen aktuellen Hollywood-Blockbustern sehnlichst vermisst. Die Filmmusik von Karen O. zusammen mit einem manchnmal schräg kreischenden Kinderchor tun da ihr Übriges.
'Wo die wilden Kerle wohnen' ist ein Film, der nachdenklich stimmt über das eigene Leben und die eigene Kindheit. Doch er ist gleichzeitig auch ein Film, bei dem man sich - kaum aus dem Kinosaal - wünscht, los zu rennen, zu schreien, zu zerstören.
Und Dreckklumpen zu werfen!