"Eine Biografie über den neuen Kremlherrscher zu schreiben, war nicht einfach. Man weiß einfach zu wenig über das Leben des langjährigen Geheimdienstmannes." Diese einleitenden und zugleich einschränkenden Worte von Alexander Rahr bezeugen die Problematik, mit der jeder Verfasser eines Putin-Buches zu kämpfen hat. Doch vorweggenommen: In seiner Schilderung der Karriere des russischen Präsidenten hat Rahr das Beste aus den vorhandenen Informationen gemacht.
Ganz im Gegenteil zum kurz zuvor erschienenen russischen Gesprächsband Aus erster Hand, über den Rahr wenig Schmeichelhaftes zu berichten weiß, legte der deutsche Autor die Betonung auf den Politiker Putin und lässt die Privatperson eher außen vor. Herkunft oder Familie werden natürlich behandelt; im Mittelpunkt von Rahrs Band steht jedoch Putins Weg an die Spitze Russlands. Und der liest sich stellenweise wie ein Politkrimi erster Güte. Der Niedergang des Kommunismus, russische Reformpolitik und das Machtstreben des Jelzin-Clans sind die spannenden Rahmenbedingungen von Putins Werdegang und folgerichtig erläutert Rahr diese ausführlich und mit Tiefgang -- ein weiterer Pluspunkt gegenüber dem doch eher oberflächlichen Interviewbuch.
Nicht immer kann Rahr Sachverhalte endgültig klären, da ist auch Putins Geheimdienstvergangenheit, aber der Autor vergibt es sich nicht, dann verschiedene Alternativen aufzuzeigen. Ein weit besserer und informativerer Ansatz als im stillen Autorenkämmerlein einfach eine unbestätigte Variante auszuwählen. Überhaupt nutzt Rahr alle verfügbaren Informationsquellen, von Aussagen Putins über andere Veröffentlichungen bis zum Internet. So entstand eine möglichst ausgewogen angelegte Betrachtung von Putins Lebens zwischen Schulzeit, KGB-Dienst, politischer Lernphase und russischer Präsidentschaft. Eine Biografie, die zugleich ein aufschlussreiches Buch über die jüngste sowjetisch-russische Geschichte ist. --Joachim Hohwieler
Putin kein Unbekannter
Zwei Darstellungen aus deutscher Sicht
Der relativ junge, 48-jährige Wladimir Putin stieg überraschend als ein scheinbar Unbekannter an die Spitze Russlands auf. Die Aura der Anonymität und das Rätseln über seine Herkunft und Absichten dienen dem neuen Präsidenten auch als Machtmittel und zur Stärkung seines Charismas. In Wirklichkeit war jedoch Putin kein unbeschriebenes Blatt und unter den politischen Eliten des In- und Auslandes bereits bekannt, als er im August 1999 als Ministerpräsident ins Rampenlicht trat. Alexander Rahr, ein ausgewiesener Kenner der Machtverhältnisse in der ehemaligen Sowjetunion und im heutigen Russland, geht in seinem Porträt Putins den Wegen und Methoden nach, mit denen er seine Karriere gezielt geplant und kraftvoll vorangetrieben hatte.
Geplanter Aufstieg
Putin nutzte für seinen Aufstieg auch seine aus dem Kreis russischer Politiker herausragenden Kenntnisse des Auslandes, die er als KGB-Mann in der DDR von 1985 bis 1990 gewonnen hatte und die er nachher in offiziellen Delegationen, auf Ferienreisen oder internationalen Konferenzen erweiterte. Es wirkte als Sensation, berichtet Rahr, als an einer Tagung der Hamburger Körber-Stiftung in St. Petersburg im März 1994 ein unbekannter Mann in «scharfem, fast aggressivem Ton» den prominenten deutschen Gästen entgegentrat und forderte, «die berechtigten Interessen des russischen Staates und des russischen Volkes als einer grossen Nation zu achten». Es war Putin, damals Stellvertretender Bürgermeister von St. Petersburg, der bereits vor sechs Jahren die Richtung vorgab, die er als Präsident Russlands verfolgt.
Rahr kennt die Schwierigkeiten einer Biographie von Putin, zumal dieser in einer als Interview publizierten Autobiographie mit dem anspruchsvollen Titel «Aus erster Hand» eine geschönte und auch verschleiernde Selbstdarstellung, vor allem über seine Tätigkeit als KGB- Geheimdienstfunktionär in der DDR anbot. Diese korrigiert und vertieft Rahr kenntnisreich mit Details von der Familie (darunter Beziehungen von Grossvater und Vater zu Stalins Geheimpolizei NKWD), von Schule und Studium und seiner Laufbahn im KGB. Den Aufstieg dieses KGB-Mannes zuerst im demokratischen St. Petersburg unter Sobtschak und dann unter Jelzin in Moskau macht Rahr durch eine kritische Darstellung der Entwicklung in Russland von 1991 bis 2000 verständlich. In verdienstvoller Weise geht er den Erfahrungen und Kenntnissen nach, die sich Putin als Wirtschaftsmanager, «Aussenminister» und Wahlkampfleiter in St. Petersburg aneignen konnte.
Im Kreml, ab 1995, verwaltete er unter dem umstrittenen Borodin zeitweise das Staatsvermögen Russlands, erhielt als stellvertretender Chef der Präsidialverwaltung Kontrolle über die Regionen, leitete den Inlandgeheimdienst FBS und war als Sekretär des Sicherheitsrats auch für die Armee zuständig; er erhielt Einblicke in die inneren Machtstrukturen und in die Sicherheits-, Aussen- und Wirtschaftspolitik, die Putin als Präsident nutzen kann. Vor allem baute er auf diesem Weg nach oben ein eigenes Netz von Vertrauten aus dem KGB und aus St. Petersburg auf, die unter ihm jetzt an den Schalthebeln der Macht stehen. In seiner gründlichen Studie in der leider Quellenangaben und ein Index fehlen weist Rahr auch auf Lücken in der Biographie Putins hin. Die Frage nach der Zukunft Russlands unter diesem Präsidenten lässt der Autor offen.
Der Putin-Kult, dessen Manipulation Rahr aufdeckt, hat einen Vertreter in dem anderen Biographen, Wolfgang Seiffert. Der Jurist und Ökonom, der 1978 aus der DDR in die Bundesrepublik gekommen war und jetzt in Moskau lehrt, interessiert sich zwar mehr für die politischen Richtlinien des neuen Präsidenten, von denen er einige in deutscher Übersetzung zugänglich macht, als für biographische Details, die er einfach der deutschsprachigen Presse (einschliesslich NZZ) entnimmt. Seiffert zeigt eine unkritische Begeisterung von Putins Eintreten für einen «starken Staat» und für die Weltmachtstellung Russlands, er rechtfertigt sogar den Krieg in Tschetschenien und schiebt die Probleme Russlands dem Westen in die Schuhe.
Verbindendes Bier?
Beide Autoren porträtieren Putin aus deutscher Sicht, berufen sich auf nicht immer identifizierte russische Insider, ignorieren aber Kenntnisse und Analysen aus anderen Hauptstädten und Forschungsinstituten, ob aus Paris, London, Washington, Tokio oder anderen. Sie sind fasziniert von Putins Kenntnissen der deutschen Sprache und der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland, seiner Vorliebe für deutsches Bier, ja sogar einem «zweiten, deutschen Wesen» in seiner Brust und erkennen in ihm deshalb einen Freund Deutschlands. Wird hier die alte deutsche Begeisterung für «Gorbi» auf Putin übertragen?
Ernst Kux