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Eddie schreibt den Rest seines Lebens Romane wie "Sechzig Mal", seinen Schlüsselroman über die 60 Mal, die er Marion verführt hat. Ted ist ein gescheiterter Romanschriftsteller, dem die auf Ruths Gute-Nacht-Geschichten basierenden Kindermärchen, wie z.B. "Die Maus, die zwischen den Wänden krabbelt", zu Reichtum und Ruhm verholfen haben. Marion verläßt Ruth, Ted und Eddie und entpuppt sich schließlich als erfolgreiche, unter einem Pseudonym schreibende Schriftstellerin. Von all den vorkommenden Schriftstellern ist Ruth am Ende jedoch die erfolgreichste, dank Ted, der sie frühzeitig in die Kunst des Schreibens eingeweiht hat. Er erzählt ihr nicht nur Märchen, sondern hilft ihr auch dabei, ihre eigenen Geschichten zu erfinden, die die vielen Photos in ihrem Haus erklären, auf denen ihre Brüder zu sehen sind, die in einem Autounfall ein Jahr vor ihrer Geburt ums Leben gekommen sind. Der Schmerz über den Verlust ihrer Söhne ist der Grund für Marions Unfähigkeit, Ruth zu lieben.
Äußerst gelungen ist die Figur der Ruth, Irvings erste weibliche Hauptfigur. In beiden Rollen -- der des phantasievollen Kindes, das in dem Versuch, mit seiner Familie ins reine zu kommen, stark an die Werke Salingers erinnert, und der der Erwachsenen, die die Beweggründe ihrer Mutter zu verstehen oder diese zumindest zu ergründen sucht -- ist sie eine wahre Glanzleistung. Ted ist eine beißend-lustige Karikatur, dessen finstere Art und selbstgerechtes Verhalten in den unmöglichsten Situationen mysteriös und verständlich zugleich wirken. Eddie ist ein liebenswerter Schelm, doch ohne Weichzeichner gezeichnet.
Was für gewaltige Szenen Irving immer wieder zu schaffen vermag! Die Geschichte vom Tod der Jungs ist nicht nur grauenerregend, sie stellt auch auf wirkungsvolle Weise den Charakter Teds dar, der sie erzählt. Der Mordversuch einer abgewiesenen Liebhaberin an Ted ist ebenso rasend komisch wie die VW-die-Marmortreppe-runter-Szene in Owen Meany (die von den Disney-Studios verfilmt wurde), allerdings nicht ganz auf einer Stufe mit der berühmten Episode von "Pension Grillparzer" in Garp und wie er die Welt sah (neu erschienen in einer Jubiläumsausgabe anläßlich des zwanzigjährigen Bestehens des Modern Library Verlags).
Mit seiner Dreistigkeit kommt Irving mit praktisch jeder Szene, die ihm in den Sinn kommt, beim Leser durch: Ruth wird in Amsterdam zufällig Zeugin des Mordes an einer Prostituierten, ein holländischer Detektiv stellt ihr nach (natürlich gerade zu dem Zeitpunkt, als Ruth Marion auf den Fersen ist), und schließlich münden die verschiedenen Handlungsstränge alle in einer Schlußszene, die beinahe mit der Anfangsszene des Buches identisch ist. Erzählt wird die Geschichte im maßlos zufälligen und dennoch absolut realistischen Stil eines Charles Dickens, begleitet von einer reflektierten Scherzhaftigkeit, die an Irvings Mentor, Kurt Vonnegut, erinnert. --Tim Appelo
Eddie schreibt den Rest seines Lebens Romane wie "Sechzig Mal", seinen Schlüsselroman über die 60 Mal, die er Marion verführt hat. Ted ist ein gescheiterter Romanschriftsteller, dem die auf Ruths Gute-Nacht-Geschichten basierenden Kindermärchen, wie z.B. "Die Maus, die zwischen den Wänden krabbelt", zu Reichtum und Ruhm verholfen haben. Marion verläßt Ruth, Ted und Eddie und entpuppt sich schließlich als erfolgreiche, unter einem Pseudonym schreibende Schriftstellerin. Von all den vorkommenden Schriftstellern ist Ruth am Ende jedoch die erfolgreichste, dank Ted, der sie frühzeitig in die Kunst des Schreibens eingeweiht hat. Er erzählt ihr nicht nur Märchen, sondern hilft ihr auch dabei, ihre eigenen Geschichten zu erfinden, die die vielen Photos in ihrem Haus erklären, auf denen ihre Brüder zu sehen sind, die in einem Autounfall ein Jahr vor ihrer Geburt ums Leben gekommen sind. Der Schmerz über den Verlust ihrer Söhne ist der Grund für Marions Unfähigkeit, Ruth zu lieben.
Äußerst gelungen ist die Figur der Ruth, Irvings erste weibliche Hauptfigur. In beiden Rollen -- der des phantasievollen Kindes, das in dem Versuch, mit seiner Familie ins reine zu kommen, stark an die Werke Salingers erinnert, und der der Erwachsenen, die die Beweggründe ihrer Mutter zu verstehen oder diese zumindest zu ergründen sucht -- ist sie eine wahre Glanzleistung. Ted ist eine beißend-lustige Karikatur, dessen finstere Art und selbstgerechtes Verhalten in den unmöglichsten Situationen mysteriös und verständlich zugleich wirken. Eddie ist ein liebenswerter Schelm, doch ohne Weichzeichner gezeichnet.
Was für gewaltige Szenen Irving immer wieder zu schaffen vermag! Die Geschichte vom Tod der Jungs ist nicht nur grauenerregend, sie stellt auch auf wirkungsvolle Weise den Charakter Teds dar, der sie erzählt. Der Mordversuch einer abgewiesenen Liebhaberin an Ted ist ebenso rasend komisch wie die VW-die-Marmortreppe-runter-Szene in Owen Meany (die von den Disney-Studios verfilmt wurde), allerdings nicht ganz auf einer Stufe mit der berühmten Episode von "Pension Grillparzer" in Garp und wie er die Welt sah (neu erschienen in einer Jubiläumsausgabe anläßlich des zwanzigjährigen Bestehens des Modern Library Verlags).
Mit seiner Dreistigkeit kommt Irving mit praktisch jeder Szene, die ihm in den Sinn kommt, beim Leser durch: Ruth wird in Amsterdam zufällig Zeugin des Mordes an einer Prostituierten, ein holländischer Detektiv stellt ihr nach (natürlich gerade zu dem Zeitpunkt, als Ruth Marion auf den Fersen ist), und schließlich münden die verschiedenen Handlungsstränge alle in einer Schlußszene, die beinahe mit der Anfangsszene des Buches identisch ist. Erzählt wird die Geschichte im maßlos zufälligen und dennoch absolut realistischen Stil eines Charles Dickens, begleitet von einer reflektierten Scherzhaftigkeit, die an Irvings Mentor, Kurt Vonnegut, erinnert. --Tim Appelo -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Dies ist Irving Light, ein Roman ohne große Grotesken, ohne Bären, Ringer oder Zwerge, und um gut 200 Seiten dünner als der unmittelbare Vorgänger.
Dies ist im Gegensatz zu anderen Irving-Romanen kein Buch, das den Leser durch eine verwickelte Handlung fesselt oder durch absurden Klamaukhumor zu unterhalten vermag; trotz einigen wenigen Clownesken und einer Krimi-Nebenhandlung ist es im Grunde ein sehr stiller, behutsamer Roman über das Scheitern, die Einsamkeit und das Schreiben.
Das könnte ein Grund dafür sein, warum manche eingefleischten Irving-Fans diesen Roman nicht mögen, und warum ihn Leser, für die es der erste Irving ist, schlichtweg nicht verstehen: Um diesen Roman zu mögen -- und es ist neben Garp und Hotel New Hampshire einer der besten, die Irving bisher geschrieben hat -- muss man einerseits Irvings Sinn für Tragik kennen und andererseits bereit sein, ihm eine Entwicklung weg vom Slapstick zuzutrauen.
Irving schreibt immer noch primär Unterhaltungsliteratur, doch ist ihm mit Witwe für ein Jahr ein bewegendes melancholisches Werk gelungen, das im Gegensatz zum durch und durch langweiligen Vorläufer Zirkuskind zu fesseln und zu berühren vermag. In gewisser Weise ist es "Irving neu", und doch ganz unverkennbar Irving.
Typisch für Irving ist seine Erzählweise, die nicht eine gerade Linie aufweist, sondern immer wieder abschweift, sich verzweigt, von einem Thema auf das nächste kommend. Irving erzählt in einem Roman nicht eine Geschichte, sondern er erzählt viele Geschichten. Und für seine Geschichten in der Geschichte ist Irving ja berühmt. Zwar zeigt er das hier nicht ganz so extrem wie in Garp, doch bringt er auch hier einzelne komplette Kapitel der Romane seiner fiktiven Schriftsteller.
Typisch für Irving sind auch die Charaktere, die er für seine Romane entwickelt. Das sind ungewöhnliche Personen, doch mit menschlichen Stärken und Schwächen, mit Eigenarten und mit Problemen. Typisch die zwischenmenschlichen Beziehungen, die oft extrem sind. Der beeindruckendste Charakter des Buches ist für mich nicht die Protagonistin Ruth Cole, sondern mit Abstand die Figur des Eddie O'Hare und danach auch die der Marion Cole, wenn auch diese nur einen kleinen Teil des Romans einnimmt. Erstaunlich ist, daß es für den Leser keine negativen Charaktere gibt. Für alle Personen kann man eine gewisse Sympathie entwickeln, obwohl oder vielleicht gerade weil alle ihre Schwächen und Fehler haben.
Untypischerweise ist das Groteske, das Irving sonst so auszeichnet, hier kaum vorhanden. Kein Ringer kommt im Buch vor, kein Bär oder andere Gestalten, die man in Romanen weniger erwartet, dagegen jede Menge Schriftsteller. Die Irvingschen Absurditäten vermisst man so ein klein wenig. Dagegen sind Kapitelüberschriften wie "Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen", "Eine Onaniermaschine", "Kein Grund zur Panik vormittags um zehn" oder "Besser als mit einer Prostituierten in Paris" doch wieder typisch Irving.
"Witwe für ein Jahr" ist ein eher ruhiger, nachdenklicher Roman, in dem es um Beziehungen geht. Beziehungen zwischen Männern und Frauen, zwischen jungen Männern und alten Frauen, zwischen jungen Frauen und alten Männern, zwischen Kindern und Eltern, zwischen Eltern und ihren toten Kindern, zwischen Schriftstellern und ihren Lesern, zwischen Schriftstellern und ihren Verlegern oder zwischen wildfremden Menschen, die sich zufälligerweise irgendwo über den Weg laufen. Auch ein Roman über Erfolge und Mißerfolge, über Liebe, Einsamkeit und Trauer, über Erwartungen und Sehnsucht, aber - wie man es von Irving kennt - auch über Sex. Und auch beim Sex bietet er jede Menge Variationen wie zum Beispiel mit Berichten aus dem Prostituiertenmilieu. Als Hauptthema des Buches - sofern es ein solches überhaupt gibt - würde ich die "Angst vor der Liebe" bezeichnen.
Der Roman vermag er den Leser leider nur stellenweise wirklich zu fesseln. Einige Abschnitte dagegen sind Langeweile pur. Doch entschädigen geniale Szenen für diese Längen. Der Schreibstil von John Irving ist schwer zu beschreiben. Man muß ihn eigentlich selber erleben. Er ist sehr variabel. Mal detailliert bis in alle Einzelheiten, verschnörkelt und abschweifend. Dann plötzlich wieder in ganz anderem Erzähltempo. Da bekommt man irgendwelche relevanten Tatsachen so ganz nebenbei vorgeknallt, die danach erst langsam aufgearbeitet werden. Der Autor vermag seinen Leser allein mit seinem Schreibstil zu fesseln, doch tut er das zu selten.
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