Wittgenstein's Poker: The Story of a Ten-Minute Argument Between Two Great Philosophers"Die Geschichte eines Schlagabtausches zweier großer Philosophen von 10 Minuten Dauer" ist der Untertitel dieses Buches, in dem ein Schürhaken eine gewisse Rolle spielt - die doppelte Bedeutung von poker" mag von den Autoren (David Edmonds und John Eidinow) gewollt sein. Es wird von ihnen versucht zu erkunden, was sich in diesen 10 Minuten zwischen Ludwig Wittgenstein und Karl Popper abspielte und warum. Schon die Fakten dieser streitbaren Begegnung sind trotz der großen Anzahl Teilnehmern, Zuhörern und Beteiligten, nicht klar zu ermitteln; wie die meisten Juristen wissen, irren sich Augenzeugen oft ..." so stellt sich das Dilemma in Poppers Worten dar, denn jede Aussage enthält eine Interpretation des Geschehenen.
Der Ausgangspunkt der Untersuchung der Autoren sind die widersprüchlichen Aussagen einiger wichtiger Zeugen der Auseinandersetzung. Fest stehen nur das Datum (Freitag, der 25. Oktober 1946), der Ort (Zimmer 3 am Treppenaufgang H im King's College, Cambridge) und das von vom Gast Popper vorgegebene Thema des Kolloquiums "Gibt es philosophische Probleme?", sowie die Antithese Wittgensteins "Es gibt keine philosophischen Probleme, nur Rätsel". Offen ist zum Beispiel, ob der Schürhaken, den Wittgenstein in der Hand hatte, glutheiß oder kühl war, ob er mit ihm ärgerlich gestikulierte oder ihn als Zeigestab benutzte, oder gar nur mit ihm herumfuchtelte, offen ist ferner, ob Wittgenstein ruhig oder unter Türzuschlagen, nach 10 Minuten den Raum verließ, ob er dies nach einem Wortwechsel mit dem ebenfalls anwesenden Philosophen (Lord) Bertrand Russell oder nach der Attacke Poppers, es sei unmoralisch, einen Gastredner mit einem Schürhaken zu bedrohen.
Fragen über Fragen, die beiden Autoren auf knapp unter 300 Seiten zu erkunden suchen. In ihrem Buch gehen sie den biografischen Elementen beider Antagonisten, dem sozialen Hintergrund und wissenschaftlichen Werdegang, ihren für sie kennzeichnenden Veröffentlichungen und den Eigenheiten des Nachkriegs-Englands im Jahre 1946 nach. Beide waren Wiener, Wittgenstein aus reichem, der Kultur eng verbundenen Elternhaus mit geradezu aristokratischer Lebensführung, Popper hingegen stammte aus einem bildungsbürgerlichen Haushalt bescheidener Lebensführung. In Wittgensteins Familie gab es skurrile, exzentrische Persönlichkeiten mit einer ungewöhnlichen Anzahl von Selbstmorden, von Poppers Familie ist derlei nicht bekannt. Wissenschaftlich waren beide Philosophen zunächst Außenseiter, wenn man den Wiener Kreis um Moritz Schlick als Zentrum der Philosophie beider Heimatstadt betrachtet. Beide, Wittgenstein und Popper waren im Jahre 1946 durch nur eine wesentliche Veröffentlichung bekannt, Wittgenstein durch den schon 1921 veröffentlichten "Tractatus Logico-Philosophicus", Popper durch das gerade erschienene Werk "The Open Society and Its Enemies", dessen Abrechnung mit dem Marxismus und anderen totalitären Regimen ihm eine ungeheure Popularität verschafften, während der esoterische Tractatus nur wenigen, einer bewundernden Gemeinschaft von "Jüngern" bekannt war.
Bewundernswert sind die Hintergrund-Recherchen der beiden Autoren, die ebenso bewandert sind im Wien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie in der geistesgeschichtlichen Bedeutung bei der Philosophen und ihres wissenschaftlichen Umfelds, als auch die äußerst lesbare Darstellung der philosophischen Gedanken und Prinzipien beider Antagonisten. Wir wissen nun sehr genau, worum es bei der Auseinandersetzung vom 25. Oktober 1946 ging, auch wenn wir am Ende immer noch nicht den genauen Hergang der kontroversen Begegnung kennen. Eines scheint jedoch festzustellen, dass die Beschreibung des Vorgangs, die Popper in seinen Erinnerungen in Unended Quest" gibt, fehlerhaft ist, während Wittgenstein es vorgezogen hat, getreu seiner Maxime Wovon an nicht reden kann, soll man schweigen", sich nicht öffentlich zu äußern.