Adalbert Stifter hat in seinem historischen Roman "Witiko" die Gründung des Königreiches Böhmen im 12. Jahrhundert beschrieben. Da dieses Werk fast 900 dick ist, muss man bei der Wiedergabe des Inhaltes aufpassen sich nicht zu verstricken. Also kurz gefasst: Der "Titelheld" Witiko, beschrieben als treu, tapfer, fromm, der Recht schnell von Unrecht unterscheiden kann und außerdem durch seine Weitsicht und Fürsorge die Bezeichnung "echter Herr" wahrlich verdient, wird von der Geschichte seiner Heimat quasi mitgezogen. Er kämpft immer mutig an vorderster Front, sagt seine Meinung ohne Furcht uns ist immer loyal seinem Herrscher gegenüber. Und das in blutigen Auseinandersetzungen und Bürgerkriegen, die sich alle um die Staatsgründung Tschechiens drehen.
Mehr kann und sollte man eigentlich nicht sagen, schon allein, weil eine wirkliche Geschichte hier gar nicht dahinter steckt. Laut diverser Quellen hat Stifter mehr als 10 Jahre (nimmt man die Planungsphase hinzu, sogar mehr als 20 Jahre!) an diesem Roman gearbeitet und teilweise mutet es an, als würde man auch eben so lange brauchen, um selbigen zu lesen. Jede noch so kleine Kleinigkeit wird von Stifter in vollster epischer Breite erläutert. Das ist anfangs wirklich toll, ein genaueres Bild von Böhmens Landschaften kann man kaum bekommen, aber irgendwann ist es doch zuviel des Guten. Wenn zum Beispiel bei einer Versammlung auch noch der zehnte Mann der sein Wort erhebt von der Haar- und Augenfarbe, über Statur und Kleidung bis zur Feder am Hut auf's allergenauste beschrieben wird, dann geht einem schon die Luft aus. Und das ist ja noch nicht alles: Vieles, was die Handlung in keinster Weise voran führt wird ebenfalls haarklein erwähnt. So darf man dann minutiös lesen, was der gute Witiko denn so treibt, wenn er mal einige Tage auf irgeneinem Gut rastet. Überhaupt sind die Figuren hier alle eher oberflächlich gezeichnet, dem guten Stifter ging es wohl nur darum Landschaften und Geschehnisse bunt und sehr detailgetreu auszumalen.
Das Buch kam mir teilweise wie ein vollgesogener Schwamm vor, der erst zu gebrauchen ist, wenn er ausgewrungen wird. Leider ist ein Buch nur schwerlich auswringbar, aber dennoch möchte ich nicht vergessen zu erwähnen, dass es durchaus auch interessante Daten und Fakten hier zu erfahren gibt. Denn immerhin ist das meiste hier Beschriebene ja geschichtlich verbrieft, nur die Nebenfiguren sollen frei erfunden sein.
So insgesamt 3 Sterne, weil es interessante Ansätze hat, zum größten Teil aber sehr behäbig geschrieben und daher mühsam zu lesen ist. Proust und Musil, die ja nun auch dicke Schinken schrieben mit sehr vielen Details, haben mehr Sterne bekommen, weil die es wirklich gut konnten und man nicht schon voher wusste, das bald wieder eine seitenlange Beschreibung von irgendetwas folgt. Denn genau das weiß man hier ja, der Herzog muss nur wieder eine neue Versammlung einberufen und schon geht es von vorne los...dunkelblaues Kleid...schwarze Feder...roter Bart...