Das Album ist anders als die Meisterwerke 'Californication', 'By the Way' und das epochale Killeralbum 'Stadium Arcadium' (für mich persönlich das beste Album einer Band der letzten 20 Jahre, zusammen mit den 'Use Your Illusion' Alben der Guns and Roses). Es ist eine sehr gute platte, aber für richtige Chili-Fans doch etwas ungewohnt. Die größten Unterschiede sind, dass dieses Album etwas(!) melancholischer geraten ist als die sonst stets gutgelaunten Peppers-Alben (wobei melancholisch hier relativ ist, ein Peppers Album ist ja nie so richtig traurig, in jedem Song schwingt etwas Positives und ein Hauch Kalifornien mit) und dass die Bass Linie erstmals seit langem wieder bei vielen Songs den dominierenden Ton angibt.
Erst einmal die gute Nachricht vorneweg. Viele haben befürchtet, dass die Band ohne John Frusciante nicht funktionieren könne. Gar nicht so abwegig der Gedanke. Frusciante, immerhin vom Rolling Stone Magazin auf Platz 18 in einem Ranking der größten Gitarristen aller Zeiten gewählt und vom BBC 6 Music Poll sogar zu DEM Gitarrengott der letzten 30 Jahre geadelt, war nicht erst seit Stadium Arcadium die treibende kreative Kraft der Band. Er war es, der das Grundgerüste und Details großartiger Songs wie 'Under the Bridge' oder 'Tell Me Baby' komponierte, den Jams der Peppers eine herausstechende, melodische Grundlage gab und den Synthesizer bei den Peppers salonfähig machte. Ein Gitarrenvirtuose, Bastler und Tüftler. Nicht umsonst betitelte der Drummer der Peppers, Chad Smith, Frusciante als besten Musiker, der unter uns weilt. Die Angst war also groß, dass die Peppers ohne John ihr zweites 'One Hot Minute erleben'.
Doch weit gefehlt! Das Album ist nicht im geringsten mit "One Hot Minute" zu vergleichen. Die Scheibe ist richtig, richtig gut, aber doch anders. Zunächst einmal wird deutlich: Frusciantes Ziehsohn Josh Klinghoffer harmoniert mit der Band. Klingt banal, ist aber gerade für die Peppers, die einen Großteil ihrer Ideen durch Jams, den Spaß am Spiel, die Freude an der Musik bekommen, unabdingbar! Aber mehr noch: In der Abwesenheit Frusciantes konnten sich die anderen Bandmitglieder weiterentwickeln, mehr Verantwortung übernehmen und den Funk-Sound alter Tage wiederbeleben und in gewisser Weise neu erfinden.
Chad ist wie immer großartig, Anthony singt auf dieser Scheibe wirklich besser als je zuvor, Flea (der in der Pause zwei Semester Musik-Theorie studierte) spielt sehr klassische und eingängige Basslines und Josh verfeinert diesen Sound mit dezenten, harmonierenden Klängen. Hier ist auch der große Unterschied zu den Alben der Frusciante-Ära zu finden: Josh's Spiel ist subtiler als das von John. Josh sagte kürzlich selbst in einem Interview, dass es ihm vor allem um das Entstehen von Sounds gehe, Soli hingegen fielen ihm eher schwer, vor allem im Vergleich zu Frusciante. Dies hat zur Folge, dass auf diesem Album alle Bandmitglieder zur freien Entfaltung kommen. Die Tracks werden weniger von der Gitarre getragen, viele Stücken beginnen vor allem mit einer dominanten Bassline, viele Melodien werden durch Anthonys Stimme und nicht durch die Gitarre oder die Backing Vocals getragen.
Für den typischen Peppers-Fan mag dies zunächst ungewohnt sein. Johns gestaltete seine Backing-Vocals und das Gitarrenspiel dominanter und melodiös den Ton angebend (Man denke an 'Can't Stop' oder 'Turn It Again'). Joshs Gitarrenspiel lässt sich hingegen eher als avantgardistisch und minimalistisch beschreiben, sein Gesang ist ebenfalls wunderschön, jedoch dezenter als der von John. Josh drückte der Gruppe am Ende mehr und mehr seinen - wunderschönen -Stempel auf und trieb seine Bandmitglieder zu höchstleistungen, Josh lässt die Gruppe hingegen atmen und erlaubt ihnen so, den Gipfel musikalischer Perfektion selbst zu erklimmen.
Besonders nahe an ihren alten Sound kommen die Peppers in 'Annie wants a Baby' heran. Das Lied ist wunderschön, Anthony singt mit unglaublich viel Gefühl und Josh spielt dazu eine Melodie, die direkt in den Gehörgang geht und dort nicht mehr raus will. Ganz zu schweigen von Fleas Bassspiel, dass vom Rhythmus her sehr klassisch und unglaublich eingängig ist.
Ebenfalls unbedingt anzuspielen ist "Ethiopia". Der Song ist in vielen Kritiken schlecht weggekommen, dabei ist er - zurückhaltend ausgedrückt - bombastisch. Die Bassline ist mörderisch catchy, die Drums hämmern auf den Punkt, die Gitarre ist perfekt auf den Song abgestimmt und Anthonys Stimme überzeugt auch hier auf ganzer Linie.
Beide Stücke sind, zusammen mit 'Meet Me at the Corner', vom Stil her am ehesten mit den letzten drei Platten der Peppers vergleichbar. Letzteres ist ein ruhiges, sehr melodisches Lied mit ausgesprochen harmonischem Gitarrenspiel und einem geradezu engelsgleichen Hintergrundgesang von Josh.
Einen absoluten Kontrast zu diesem Song bietet die Power-Single "Monarchy of Roses". Der Song kann einiges und entfaltet seine Wirkung vor allem auf High-End-Systemen. Erst dann kann man die Backing Vocals und die perfekt aufeinander abgestimmten Arrangements wirklich erkennen und genießen. Ebenfalls gigantisch: "Factory of Faith"... einer dieser Songs, die einen auch an einem Montagmorgen aus dem Bett jagen, wie einen Duracell-Hasen aufladen und nicht mehr schlafengehen lassen.
Das Album hat, und das wird mit jedem neuen Hören der Scheibe deutlicher, einige tolle Nummern zu bieten. "Even You Brutus", "The Adventures of Rain Dance Maggie", "Look Around"' Jedes Lied auf dieser Platte steht für sich und ist eine Hörgenuss. Bis auf die kleine Ausnahme von 2, 3 Tracks ist dieses Album ein Ohrenschmaus, die Peppers werden nicht belanglos wie die anderen Altrocker im Club der Musiklegenden, sondern bleiben ihrem Prinzip treu, in erster Linie selbst Spaß zu haben und Spaß zu verbreiten! Dennoch ist dieses Album in Johns Abwesenheit anders geartet. Die gigantischen Soli, die inszenierenden Ideen, die große Portion Rock im Funk fehlen ein wenig auf der Platte. Das macht 'I'm with you' zwar immer noch zu einem herausragenden Musikalbum, für Peppers Fans jedoch ist der neue Sound zumindest am Anfang ein wenig gewöhnungsbedürftig. Lässt man ihn jedoch erstmal in sein Herz, kann diese Scheibe intensive Stärken entfalten und rechtmäßig ihren Platz in der Riege der gigantisch guten Peppers Alben einnehmen.