„Witching Hour" wurde das dritte Album des Ladytron Quartetts getauft und diesen Namen trägt es zurecht. Der neue Longplayer ist Zeuge einer konsequenten und konsistenten Weiterentwicklung der Band und knüpft an die besten Momente der beiden Vorgänger „604" und „Light and Magic" an. Zu den Ladytron-typischen intensiven und Ausdrucksstarken Synth-Klängen gesellen sich nun zunehmend Elemente des Indie-Pop/Rock ohne jedoch die typische Ladytron-Atmosphäre anzukratzen, die beim Lauschen der beiden Vorgänger unaufhaltsam aus den Boxen bzw. Kopfhören wabert um den Hörer zu fesseln. Sämtliche Stücke bleiben schon nach kurzer Zeit in bester Erinnerung.
Das Album ist von seiner Grundstimmung her zweigeteilt. Im ersten Teil begegnet uns die vertraute Ladytron Coolness, eine Mischung aus stilvoller Melancholie und gelassener, distanzierter Dramatik. In dieser Albumhälfte befindet sich das eingängige, kühle „Destroy Everything you Touch", das die Fußstapfen von „Playgirl" und „Seventeen" ausweitet und „International Dateline" in dem Helen Marnie eine ihrer besten Gesangsleistungen vollbringt. Glücklicherweise hat man sich bei diesem Album von der Stimmverfremdung die oft in „Light and Magic" zu hören war wieder distanziert. Gesanglich wird dieses Album nun klar von Helen dominiert. Dies ist meiner Meinung nach konsequent, da sie die für ein Album tragfähigere, variationsreichere Stimme besitzt und ihren Gesang für dieses Album noch verbessern konnte. Mira Aroyo besingt vollständig in diesem Album nur noch zwei Lieder, was für einige Mira Fans enttäuschend sein könnte. Einen dieser Songs singt sie auf Englisch, „AMTV", den anderen, „Fighting in Built up Areas" auf Bulgarisch, ihrer Muttersprache. Wie auf den beiden Alben zuvor bildet ihre gleichgültig und kühl klingende Stimme einen vorzüglichen Kontrast zur warmen und besänftigenden Stimme von Helen und setzt damit wichtige Akzente.
Nachdem Ladytron häufig emotionale Distanz nachgesagt wurde, strahlt die zweite Hälfte des Albums, trotz zum Teil eher düsterer Themen, viel Wärme aus und offenbart uns eine neue, empfindsamere Seite von Ladytron. Die Gesamtheit von „Witching Hour" deckt damit ein größeres emotionales Spektrum ab als seine Vorgänger.
Dankenswerterweise wurde auch das Ausmaß der Monotonie reduziert, an der einige Stücke des Vorgängers noch litten, wie etwa „Seventeen" und es gibt nur ein Instrumentalstück, „CMYK".
Musikalisch hat Ladytron weniger die tanzbare „Flicking your Switch"-Richtung weiterverfolgt, sondern hat sich mit diesen Album, wenn man die Band einordnen möchte, mehr in die Underground-Szene bewegt, wobei die ursprünglichen Elemente neben den Neuen in befruchtender Koexistenz weiterleben. Diejenigen jedoch, die besonders die tanzbaren „Club"-Elemente von „Light and Magic" zu schätzen wussten, könnten enttäuscht sein.
Fazit: Ein exzellentes Album einer Band die mit jedem Album besser geworden ist, mit besonderem Gefühl für Ästhetik, Gespür für Detail, gegensätzlich, innovativ, sexy, zart, melancholisch und auf den Punkt bringend. Dieses Album ist für mich persönlich eine der besten Veröffentlichungen dieses Jahres.