Die Gewichtung von Theorie und Praxisteil beeinflusst die Bewertung stark. Und ob der Leser akademische Formulierungslust schätzt, spielt wohl ebenfalls eine Rolle bei der Vergabe der Sterne. Da ich keine grosse Freude an vielen Fachbegriffen habe und die Einführung neuer Termini meist für überflüssig halte, kommt dieses Buch bei mir nicht so gut weg. Wieso die Autoren von "enaktivem Wissen" sprechen müssen, wenn dafür bereits bekannte Begriffe im Gebrauch sind, ist mir nicht klar. Es sei denn, es handle sich dabei um einen Schlüsselbegriff, der sorgfältig erklärt wird und immer wieder vorkommt. Ist jedoch nicht der Fall.
Wenn heutzutage das Frühstück, die Kinderbetreuung und die Freizeit gemanagt werden muss, scheint es nur logisch, dass wir auch für unser Wissen einen Managementratgeber brauchen. Und über allem steht dann ein Ratgeber für Zeitmanagement, um alle Bereiche unseres privaten und beruflichen Lebens managen zu können. Wer hinter solchen Worten Polemik heraushört, liegt nicht ganz falsch. Denn ich tendiere immer mehr dazu, den Lebensratgebern meine Sympathie zu schenken, die von allzu viel Management abraten und eine Lanze für den gesunden Menschenverstand brechen. Das machen die Autoren dieses Managementbuches sicher nicht.
Nach dem Theorieteil, der mir reichlich kompliziert dünkt, beginnt auf Seite 65 die eigentliche Vorstellung verschiedener Methoden, mit denen wir unser Wissen besser managen können. Auf sechzig Seiten lernt der Leser 15 Methoden kennen, um operative Zielsetzungen besser erreichen zu können. Darunter trifft man neben alten Bekannten wie Mind Mapping oder Feedback auch auf eher Unbekanntes. Unter der Rubrik "Werkzeuge" finden wir 39 Vorschläge für visuelle Metaphern, wobei ich mich wundere, warum die Autoren es eleganter finden, eine Software zu verwenden und den Bleistift liegen zu lassen. Würden sie den zitierten Manfred Spitzer ernster nehmen, hätten sie einen anderen Tipp abgegeben. Sechs Methoden mit strategischer Zielsetzung werden unter der Überschrift "Langfristige Kompetenzenentwicklung" vorgestellt. Bei der Lektüre begleiteten mich wie bei den vorangegangenen Seite guten und schlechte Gefühlen. Viele Ordnungsmuster und Veranschaulichungen überzeugten mich, viele Formulierungen und Unterteilungen fand ich zu kompliziert. Das vierte und letzte Kapitel deutete ich so, dass die Autoren die eigene Skepsis nicht ganz ausräumen konnten, ihr Buch könne die konkrete Praxis des persönlichen Umgangs mit Wissen stark verändern. Denn unter dem Titel "Reflexion, Synergien und Perspektiven" werfen sie die Fragen auf, die mich während der Lektüre dauernd begleiteten. Nur halten sie andere Antworten als ich bereit.
Mein Fazit: Wer es gewohnt ist, locker über Fremdwörter hinwegzulesen und nur das herauszupicken, was er gebrauchen kann, erhält mit diesem Buch ein nützliches Arbeitsinstrument. Ich hätte mir gewünscht, dass die Autoren mehr vom realen Menschen ausgehen und in ihren Überlegungen berücksichtigen, dass wir vor lauter Managen kaum noch Zeit finden, im Leben da zu sein.