Zuerst einmal erscheint Harald Walachs Buch sehr unzugänglich: ein Motto, dessen Relevanz anfangs nicht so recht einleuchten mag („Wer eine Erfahrung gemacht hat, hat täuschungsfreie Kenntnis") und eine unübersichtliche 6-seitige Inhaltsangabe. Doch bereits im hervorragenden Vorwort stellt der Autor ungewöhnlich offen seine Vorannahmen und Zielsetzungen hervor und betont, dass es sich um „ein subjektives und auch ein notwendigerweise einseitiges Buch" handelt, was sich beim Durchlesen im Aufbau, in der Schwerpunktsetzung, in der Informationsauswahl und in mehr oder weniger subjektiven Anmerkungen und Kommentaren zeigt.
Der Schreibstil ist schön eloquent und gut verständlich, abgesehen von einigen seltsam anmutenden Formulierungen, wie z.B. dem „rauflustigen Weltbild(es)" des Mittelalters auf S.114 oder dem Hang des Autors, fast jeden theoretischen Ansatz zumindest einmal mit dem Wort „(wirk-)mächtig" zu beschreiben.
Nach dem ersten Teil, der programmatisch-prägnant mit „Das Wesentliche" übertitelt ist und wunderbar kurz und stichhaltig eine Übersicht über postmoderne Wissenschaftstheorie gibt, sowie den Grundgedanken des Autors über eine Wissenschaftstheorie der Psychologie, die sogenannte Komplementarität, vorstellt, folgt ein Crashkurs durch die Philosophiegeschichte, angefangen von der Antike bis hin zu Kant, dessen Gedanken gemäß dem Autor den Dunstkreis für die Entstehung der Psychologie als eigener Disziplin markieren. Dieser Teil ist einer der Glanzstücke des Buches und für jeden zu empfehlen, der verstehen will, wie ein spirituell-religiöses Nachdenken über die Welt zu den Grundfragen der Erkenntnis führt und aus diesen die Philosophie und in der Nachfolge die Wissenschaft erwächst. Jeder Denker und jede Strömung wird prägnant und auf wenige Oberpunkte, das Wesentliche eben, reduziert, so dass es sich leicht merken lässt, Querverbindungen werden gezogen, Gegensätze zwischen Philosophien aufgezeigt, alles überzeugend, beredet und gut verständlich dargestellt unter Berücksichtigung der heutigen Relevanz und untermauert durch viele klare Beispiele.
Auch der Rest des Buches, vor allem die Darstellung über Wissenschaftstheorie, ist sehr gelungen und empfehlenswert.
Der breite Kontext gibt dem Leser ein Gefühl für die Einbettung der Psychologie als junge Wissenschaft in die Wissenschafts- und Philosophiegeschichte und ist auch nötig für das zentrale Anliegen des Autors, die Grundrisse einer Wissenschaftstheorie der Psychologie zu skizzieren, die er von einem „historische(n) Standpunkt" (S.15) erarbeitet.. Das, sowie die Themenauswahl, die nur die Psychologiegeschichte in Deutschland berücksichtigt, und die vielen Querverweise und Kommentare führen jedoch dazu, dass das Buch einen sehr subjektiven Charakter hat. Das erkennt man z.B. daran, dass der Autor einerseits das Übertragen von Wissenschaftstheorien, die die Physik oder Chemie betreffen oder die blinde Übernahme von Methoden aus diesen Disziplinen für nicht fruchtbar hält (z.B. S.15), andererseits aber die „grundlegende Beschreibung der (materiellen) Welt" wie sie in der Quantenmechanik betrieben wird, in ihrer Struktur, „auch auf anderen Ebenen" für wichtig hält (S.64). Diese Ansicht zeigt sich daran, dass Teile dieser Quantentheorie zur Untermauerung seiner Komplementaritätsthese dienen, welche, meiner Meinung nach, eine gute Idee ist, aber überverhältnismäßig viel Platz in dem Buch für sich beansprucht.
Alles in allem handelt es sich bei Harald Walachs „Psychologie, Wissenschaftstheorie, philosophische Grundlagen und Geschichte" um ein sehr, sehr interessantes Buch, das auf Grund seiner weiten Perspektive wohl jedem Psychologiestudenten zu empfehlen ist, und nicht nur dem; das einen relativ unkonventionellen Standpunkt einnimmt, versucht Neues aufzuzeigen, das aber von der dauernden subjektiven Präsenz des Autors überschattet ist, mit der es sich auch auseinander zusetzen gilt.