Neue Zürcher Zeitung
Von A bis Z upj. Trotz der Digitalisierung der Welt wird zumindest eine Sorte Bücher vom Datenfluss nicht hinweggeschwemmt: die Lexika. Haben sie Erfolg, wird man sie allenfalls digitalisieren. Ein Buch in Händen zu halten wie etwa das kürzlich erschienene Monumentalwerk über «Wissenschafterinnen in und aus Österreich» ist noch immer ein geradezu sinnlicher Akt. Innerhalb weniger Augenblicke erhält man, blätternd, Auskunft über Leben und Lebenswerk von bisher Unbekannten, begegnet dieser oder jener Bekannten. Die Herausgeberinnen Brigitta Keintzel und Ilse Korotin üben sich durchaus nicht in falscher Bescheidenheit: Ausgangspunkt für die Konzeption dieses Lexikons sei es gewesen, «den bisher verschwiegenen oder marginalisierten Anteil von Frauen an der österreichischen Wissenschaftsgeschichte zu recherchieren und darzustellen».
Und dann geht es medias in res; 342 bibliographische Artikel verschaffen Einblick in eine Vielfalt von Erfahrungshorizonten, machen aber auch die «meist subtilen Mechanismen der Marginalisierung» deutlich, die mit der Zuschreibung von «Weiblichkeit» im Wissenschaftsbetrieb verbunden sind. Deutlicher muss man nicht werden. Umso erfreulicher ist das anzuzeigende Werk, das in Grossformat, auf bestem Papier und mit sorgfältigem Druck Lebensläufe und -krisen zur Kenntnis bringt, die es wert sind, zur Kenntnis genommen zu werden. Auf Seite 7 setzt der Band mit Lotte Adametz und Alexandra Adler ein, Seite 836 endet er mit Agnes Zilahi-Beke, einer Individualpsychologin, die zwischen 1924 und 1931 in der «Internationalen Zeitschrift für Individualpsychologie» publizierte. «Wegen ihrer jüdischen Herkunft war A. Z. gezwungen, Österreich nach dem Anschluss zu verlassen.» Da, wo sich ihre Spuren verlieren, endet auch der Band.
Kurzbeschreibung
In dem gross angelegten lexikalischen Nachschlagewerk werden erstmals 350 Wissenschafterinnen in und aus Österreich dokumentiert. Im Zeitraum von der Jahrhundertwende bis zur Nachkriegszeit wird die erste Generation von Wissenschafterinnen an den Universitäten Wien, Graz und Innsbruck vorgestellt, die sich in Österreich habilitieren konnte und Lehrstühle erhielt. Ausführliche Berücksichtigung erhält auch der ausserakademische Bereich auf dem medizinischen, psychologischen und therapeutischen Feld. Bedingt durch die historischen Zäsuren der beiden Weltkriege treten immer wieder Verfolgung, Flucht, Emigration und auch Remigration in das Zentrum der einzelnen Biografien. Die Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu den in Österreich Verbliebenen, nach unterschiedlichen Lebensbedingungen und -chancen liegt nahe. Die von über 90 Autoren aus den einschlägigen Fachgebieten verfassten Beiträge gewähren Einblick in eine faszinierende Vielfalt von Erfahrungshorizonten und Lebensmustern wie auch in das engagierte Erkenntnisinteresse, welches die unterschiedlichen wissenschaftlichen Laufbahnen bestimmte. Dieses frauenspezifische Lexikon revidiert bisher übliche Sichtweisen auf die österreichische Wissenschaftsgeschichte, in denen nach wie vor der weibliche Anteil unterrepräsentiert vertreten ist. Eine Auswahl der behandelten Namen: Adler Alexandra - Individualpsychologin, Psychiaterin / Bachmann Ingeborg - Philosophin, Schriftstellerin / Becker-Donner Etta - Ethnologin / Cremer Erika - Chemikerin / Diez Erna - Archäologin / Endres Stephanie - Sportwissenschafterin / Firnberg Hertha - Wirtschaftshistorikerin, Wissenschaftspolitikerin / Freud Anna - Psychoanalytikerin / Herzfeld Stephanie - Botanikerin / Herzog-Hauser Gertrud - Klassische Philologin / Jahoda Marie - Sozialpsychologin / Lachs Minna - Pädagogin / Lazarsfeld Sophie - Individualpsychologin / Leitmaier Charlotte - Rechtswissenschafterin, Kirchenrechtlerin / Weinzierl Erika - Historikerin / Zaloscer Hilde - Kunsthistorikerin.