Möchten Sie verkaufen? Hier verkaufen
Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die 'Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften' von 1931-1945
 
 
Den Verlag informieren!
Ich möchte dieses Buch auf dem Kindle lesen.

Sie haben keinen Kindle? Hier kaufen oder eine gratis Kindle Lese-App herunterladen.

Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die 'Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften' von 1931-1945 [Broschiert]

Michael Fahlbusch


Erhältlich bei diesen Anbietern.



Produktinformation


Mehr über den Autor

Michael Fahlbusch
Entdecken Sie Bücher, lesen Sie über Autoren und mehr

Besuchen Sie die Seite von Michael Fahlbusch auf Amazon

Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Willige Wissenschaft

Neue Studien zur Wissenschaftspolitik des Nationalsozialismus

Von Christoph Jahr

Wissenschaft und Nationalsozialismus – die Geschichte dieser Beziehung ist in letzter Zeit wieder «aktuell» geworden, nicht zuletzt durch die Debatte um die Rolle der Geschichtswissenschaft bei der Legitimierung, Planung und Durchführung der nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungspolitik (siehe NZZ vom 16. 9. und 18. 12. 98). Während es bisher meist einzelne Personen, Institutionen und Wissenschaftsdisziplinen waren, deren nationalsozialistische Vergangenheit beleuchtet wurde, sind nun drei Bücher erschienen, in denen die Vernetzung verschiedener Forschungsbereiche thematisiert wird.

«AKTION RITTERBUSCH»

Der Freiburger Romanist Frank-Rutger Hausmann hat den bis dato weitgehend unbeachtet gebliebenen «Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften» untersucht, nach ihrem führenden Kopf meist kurz «Aktion Ritterbusch» genannt. Der angesehene Jura-Professor Paul Ritterbusch war nicht nur Rektor der Universität Kiel, sondern bereits 1932 NSDAP-Mitglied geworden. Folgerichtig hat er 1933 aktiv an der intellektuellen Gleichschaltung der Universitäten mitgewirkt. Das Ziel des im Frühjahr 1940 begonnenen «Kriegseinsatzes der Geisteswissenschaften» verkündete Ritterbusch ebenso öffentlich wie unverblümt: Es gehe darum, «die Idee einer neuen europäischen Ordnungen . . . in einer wissenschaftlich unanfechtbaren Weise herauszuarbeiten und als die Wahrheit und Wirklichkeit des Lebens der europäischen Völker zu erweisen».

Die Geisteswissenschaften sollten also – in expliziter Abgrenzung vom «Geist Westeuropas»  – nicht nur ihren Beitrag zur Erringung des Sieges leisten, sondern vor allem die Nachkriegsordnung Europas unter deutscher Hegemonie strukturieren und legitimieren. Jeder Beiträger der verschiedenen Sammelbände und Publikationsreihen wusste folglich genau, was von ihm erwartet wurde und in welchem Kontext seine Forschungsbeiträge standen. Tatsächlich ist die Parallelität zu den Eroberungsfeldzügen der Wehrmacht verblüffend: deutsche Soldaten besetzten fremde Länder, deutsche Wissenschafter besetzten Themen und Begriffe. Ritterbusch rief, und über dreihundert Wissenschafter kamen: ob Altertumswissenschafter, Germanisten, Historiker, Philosophen, Juristen oder Romanisten, die Liste der Beiträger liest sich wie ein «Who's who» der deutschen Wissenschaft. Überzeugte Nationalsozialisten waren ebenso dabei wie Skeptiker und Kritiker aller Schattierungen: die Juristen Ernst Rudolf Huber und Theodor Maunz, die Historiker Helmut Berve und Gerhard Ritter, der Philosoph Hans-Georg Gadamer und der Germanist Friedrich Maurer, um nur einige der bekanntesten Namen zu nennen.

Wie ist nun der ideologische Gehalt der – allerdings nur zum geringen Teil fertiggestellten – Arbeiten zu bewerten? Hausmann kommt zu dem Schluss, dass zwar ein national-konservativer Grundton vorherrschte, jedoch grobe Verstösse gegen die Gebote der Objektivität und Neutralität im allgemeinen vermieden wurden. Insbesondere die Philosophie sowie das Staats- und Zivilrecht fügten sich allerdings sehr weitreichend in die ideologischen Vorgaben des Nationalsozialismus ein, der, wie Hausmann urteilt, «viele und heterogene Gedanken aufnahm, amalgamierte und für sich instrumentalisierte, was bei den Wissenschaftern zu folgenschweren Fehleinschätzungen führte». Fraglich bleibt allerdings, ob die beteiligten Wissenschafter tatsächlich «Fehleinschätzungen» erlagen oder sie nicht recht genau wussten, wem sie mit ihrer Arbeit nolens volens dienten.

AN DER «VOLKSTUMSFRONT»

Einer anderen Form interdisziplinärer Zusammenarbeit, den «Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften», wendet sich Michael Fahlbusch zu. Als sich infolge des verlorenen Ersten Weltkriegs die vom Grossteil der gesellschaftlichen Eliten ungeliebte Weimarer Republik etabliert hatte und sich zudem durch die Gebietsabtretungen Millionen Deutsche ausserhalb der Reichsgrenzen wiederfanden, war die Identifikation mit «dem Staat» nicht mehr möglich; allein «das Volk» schien noch Kontinuität zu garantieren und zugleich eine erneute Expansionspolitik zu legitimieren. Bereits in der Weimarer Republik versuchte daher die Leipziger «Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung», dieses neue wissenschaftliche Paradigma zu etablieren. Zwar scheiterte die Leipziger Stiftung, doch bereits Ende 1931 begann die Gründungsphase der sogenannten «Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften», die bis 1934 andauerte und die Weimarer Republik mit der NS-Zeit verklammerte.

Gezielt wurden liberale Wissenschafter schon vor 1933 an den Rand gedrängt; nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten stand dem Betätigungsdrang der «völkischen» Wissenschafter nichts mehr im Weg. Diese Forschungsgemeinschaften waren weder Stiftungen noch Vereine, sondern basierten auf jährlich erneuerten Vereinbarungen zwischen dem «Volksbund für das Deutschtum im Ausland» sowie den kulturpolitischen Abteilungen des Reichsministeriums des Innern und des Auswärtigen Amtes. 1944 wurden sie schliesslich in das beständig wachsende SS-Imperium eingegliedert. Rund eintausend Mitarbeiter wirkten in diesem informellen Forschungsverbund mit, dessen inhaltliche Koordination auf jährlichen Treffen der Leiter der Forschungsgemeinschaften mit Vertretern der beteiligten Ministerien stattfand.

Der Erforschung des Grenz- und Auslandsdeutschtums in allen Himmelsrichtungen widmeten sich die Überseeische, die Osteuropäische und die Nordostdeutsche sowie die Südostdeutsche, die Alpenländische und die Westdeutsche Forschungsgemeinschaft, wobei bei den letztgenannten auch Wissenschafter aus Österreich und der Schweiz beteiligt waren. Der Schwerpunkt der Forschungen lag jedoch eindeutig bei der Nordostdeutschen Forschungsgemeinschaft, die allein fast die Hälfte des Gesamtetats aller Forschungsgemeinschaften auf sich vereinigte, die zusammen wiederum mit Abstand über die grössten Finanzmittel aller ausseruniversitären Forschungseinrichtungen verfügten. Tatsächlich kann man mit Fahlbusch von einem «Brain trust» sprechen, der für sich in Anspruch nahm, jene Politik des NS-Regimes wissenschaftlich zu begleiten und zu lenken, die man heute vielleicht als «ethnische Flurbereinigung» bezeichnete.

Das bekannteste Grossprojekt im Umfeld der Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften stellte das «Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums» dar, an dem allein etwa achthundert Forscher mitarbeiten. Diese Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften, daran kann (spätestens) dank Fahlbuschs material- und faktenreicher Untersuchung keinerlei Zweifel mehr bestehen, betrieben bewusste politische Zweckwissenschaft.

Einfluss nehmen wollen und tatsächlich Einfluss ausüben ist freilich zweierlei. Immer wieder schlägt bei Fahlbusch die Tendenz durch, auch dort direkte Zusammenhänge zwischen den volksdeutschen Forschungen und der Vernichtungspolitik zu unterstellen, wo diese allenfalls möglich, aber keineswegs beweisbar sind. Die Tatsache, dass Albert Brackmann, der Leiter der Nordostdeutschen Forschungsgemeinschaft, die Wichtigkeit der von ihm angeregten Arbeiten für den Krieg betonte, beweist für sich genommen nur, dass er an der für Wissenschafter leider keineswegs untypischen Selbstüberschätzung litt. Auch dass die Volkstumsatlanten für das besetzte Polen unmittelbar der Durchführung des Genozids dienten, lässt sich – vorerst zumindest – nicht beweisen. Hier wird noch viel Detailarbeit notwendig sein, um dem äusserst diffusen Bild schärfere Konturen zu verleihen.

FORSCHUNGSGEMEINSCHAFT

Egal, ob es sich um «reine Wissenschaft» oder um politische Zweckwissenschaft handelt: Forschung benötigt Geld, und so richtet Notker Hammerstein seinen Blick auf die bis heute bestehende «Deutsche Forschungsgemeinschaft» (DFG). Diese 1920 als «Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft» gegründete Institution stand zunächst ganz unter dem Einfluss ihrer Gründungsväter, des Chemikers Fritz Haber und vor allem des ehemaligen Preussischen Kultusministers Friedrich Schmidt-Ott. Sie war allein schon deshalb bahnbrechend, weil die Wissenschaftspolitik in Deutschland traditionell Angelegenheit der Länder, nicht des Reiches war. In dem Disput um die Organisationsstruktur setzten sich letztlich die autoritären Vorstellungen Schmidt-Otts durch, während Habers Ideen einer stärkeren Selbstverwaltung nur bedingt zum Zuge kamen. Diese Tatsache erleichterte 1933 die von Schmidt-Ott vollzogene Überführung der DFG in den NS-Führerstaat, während Haber wegen seiner jüdischen Abstammung aus allen Ämtern gedrängt wurde.

Der weitgehende konservative, nationalistische, antiwestliche und bedingt auch antisemitische Grundkonsens sorgte dafür, dass der Grossteil der Wissenschafter keine Anpassungsprobleme gegenüber dem Nationalsozialismus hatte. Schleichend eroberten auch spezifisch nationalsozialistische Themen wie «Volkstum» und «Rasse» einen prominenten Platz in der Forschungsförderung, während für alle nicht direkt vom Terror des Regimes betroffenen Forscher der Schein der Normalität aufrechterhalten blieb. Daran änderte sich zunächst auch wenig, als 1936 Rudolf Mentzel an die Spitze der DFG trat. Er gehörte zu jenen dynamischen, ebenso effektiv wie skrupellos vorgehenden jungen Intellektuellen, die in den zwanziger Jahren ihre geistige Heimat im radikal-völkischen Milieu gefunden hatten und früh zur NSDAP gestossen waren. Unter seiner Ägide wurde die Forschungsförderung zentralisiert und auf die Vorbereitung des kommenden Krieges ausgerichtet. Dazu gehörte es auch, Forscher, die sich nicht offen regimekritisch verhielten, in Ruhe arbeiten zu lassen.

Insofern galt trotz manchen ideologiebedingten Absonderlichkeiten weiterhin der Primat innerwissenschaftlicher Rationalitätskriterien, vor allem in den technisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Unabhängig davon, wie der einzelne Wissenschafter subjektiv zum NS-Regime stand: objektiv hat er es gestützt. Spätestens nach dem Scheitern der «Blitzkriegstrategie» gegen die Sowjetunion 1941 war «Wehrwichtigkeit» das zentrale Kriterium für die Förderung von Forschungsprojekten. Auch hierbei ergänzten sich die Ziele des Regimes und der Forscher aufs beste, denn an kriegswissenschaftlicher Forschung beteiligt zu sein bedeutete den Schutz vor dem Frontdienst. Trotz allen Bemühungen gelang es – zum Glück – nicht, die Forschungssteuerung ähnlich effizient zu gestalten, wie dies vor allem in den USA möglich war.

Alle drei hier vorgestellten Bücher behandeln wichtige Themen und vermitteln neue Erkenntnisse. Trotzdem legt man sie mit unbefriedigendem Gefühl aus der Hand, denn viele weiterführende Gedankengänge werden kaum ausgesprochen, geschweige denn erschöpfend diskutiert. Dies gilt zunächst für Hausmanns Buch über die «Aktion Ritterbusch», das sich durch übertriebene Detailverliebtheit auszeichnet, während beispielsweise modernisierungstheoretische Ansätze zur Bewertung dieser bemerkenswerten interdisziplinären Gemeinschaftsarbeit nicht herangezogen werden; es bleibt bei vagen Andeutungen. Geradezu quälend ist die Lektüre des achthundertseitigen Textes von Fahlbusch, der nirgends analytische Präzision erreicht. Statt dessen werden Fakten in ermüdender Eintönigkeit aneinandergereiht, so dass dieses Buch eher den Charakter eines lexikalischen Nachschlagewerkes erhält. Um als solches nutzbar zu sein, hätte es jedoch eines Sach- und Institutionenregisters bedurft. Herausgekommen ist ein zwar wichtiges und «gewichtiges», aber kein intellektuell gewichtiges Buch.

Leider gilt das in gewissem Sinn auch für Hammersteins Studie über die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die durchaus ansprechend geschrieben ist, an entscheidenden Punkten jedoch schlicht um den heissen Brei herumredet. Es ist unerfindlich, warum Hammerstein von einer ganzen «Reihe hier nicht näher zu benennender Forscher» spricht, die daran mitarbeiteten, «den Krieg gegen Polen, dann gegen die UdSSR als Kampf um Lebensraum auch wissenschaftlich zu rechtfertigen». Wer die aktuellen Debatten verfolgt hat, weiss, dass hier unter anderem von Theodor Schieder und Werner Conze die Rede ist – warum also die Zögerlichkeit, Ross und Reiter zu nennen?

Hammerstein bleibt dem alten Bild verhaftet, dass es dem Nationalsozialismus nicht gelungen sei, die deutsche Wissenschaft gleichzuschalten. Doch gerade seine eigene Darstellung zeigt, gegen den Strich gebürstet, ein anderes Bild. In einer Gesellschaft, die durch ein totalitäres Regime auf einen von Anfang an verbrecherischen Krieg ausgerichtet ist, verschwimmt der Gegensatz zwischen «reiner» und «politisierter» Wissenschaft zwangsläufig. Anzunehmen, es könne unter diesen Bedingungen ein «richtiges Leben im falschen» geben, war 1933 bis 1945 illusionär. Wenn Hammerstein mit dem Abstand von über fünfzig Jahren weiterhin an dieser Chimäre festhält, dann zeigt das vor allem, wie verstörend bis heute die Erkenntnis ist, dass Wissenschaft und Rationalität allein nicht vor der Mitwirkung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit schützen.

Kurzbeschreibung

Ein Netzwerk von 1.000 Kulturwissenschaftlern begründeten die Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften, die seit 1931 zu einem - auch von der NS-Forschung bislang unerkannten - Brain trust des Dritten Reiches aufstiegen. Anfangs gefördert durch das Auswärtige Amt und das Reichsinnenministerium, gerieten die in sechs regionalen Großforschungsbetrieben zusammengeschlossenen Wissenschaftler seit 1937 in das Fahrwasser der Volksdeutschen Mittelstelle und ab 1943 endgültig unter die Kontrolle des Reichssicherheitshauptamtes der SS.
Die institutionsgeschichtliche Rekonstruktion dieser politischen Beratergruppe, der hochangesehene Wissenschaftler der Nachkriegszeit angehört hatten, stellt eine Herausforderung an das Vorverständnis über Wissenssysteme im Dritten Reich dar, weil hier das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft, Politik und ihrer Instrumentalisierung in Bevölkerungsplanungen erläutert werden.
Der Autor, Wissenschaftshistoriker und Geograph, lebt in Basel.
Aus dem Inhalt:
- Friedenseinsatz der Volkswissenschaften
- Kriegseinsatz der Volkswissenschaft
- Sicherstellung der Materialien und Nachfolge der VFG seit 1945

Tags

 (Was ist das?)
Bei einem Tag handelt es sich um ein Schlagwort, das zum Produkt passt.
Tags erleichtern allen Kunden die Suche und die Sortierung ihrer Lieblingsprodukte.
 

Eine digitale Version dieses Buchs im Kindle-Shop verkaufen

Wenn Sie ein Verleger oder Autor sind und die digitalen Rechte an einem Buch haben, können Sie die digitale Version des Buchs in unserem Kindle-Shop verkaufen. Weitere Informationen

Kundenrezensionen

Noch keine Kundenrezensionen vorhanden.
5 Sterne
4 Sterne
3 Sterne
2 Sterne
1 Sterne

Kunden diskutieren

Das Forum zu diesem Produkt
Diskussion Antworten Jüngster Beitrag
Noch keine Diskussionen

Fragen stellen, Meinungen austauschen, Einblicke gewinnen
Neue Diskussion starten
Thema:
Erster Beitrag:
Eingabe des Log-ins
 


Aktive Diskussionen in ähnlichen Foren
Kundendiskussionen durchsuchen
Alle Amazon-Diskussionen durchsuchen
   
Ähnliche Foren


Lieblingslisten


Ähnliche Artikel finden


Anhand des Sachgebietes nach ähnlichen Produkten suchen:


Ihr Kommentar