Die Botschaft der Neurowissenschafler, menschliches Verhalten werde zum größten Teil vom Unbewussten gesteuert, löst bei Kollegen aus anderen Forschungsgebieten oft schwere Verdauungsstörungen aus. Gründe für dieses Abwehrverhalten gibt es viele. Auch sehr verständliche. Denn als Kinder der Aufklärung, der Vernunft und der Wahrheit empirischer Beweise wirkt zahlenmäßig schlecht Erfassbares meist bedrohend. Zumal moderne Hightechgeräte und wissenschaftlich durchgeführte Experimente den Glauben an den'Homo oeconomicus' zunehmend ins Wanken bringen.
Aber da Aufmerksamkeit inzwischen zu den knappen Gütern gehört und der Verteilkampf um Forschungsgelder immer heftiger wird, kommen selbst Wissenschaftler nicht darum herum, sich mit effizienten Formen der Informationsvermittlung zu befassen. Und Leidensdruck gehört noch immer zu den stärksten Argumenten, sich um Veränderungen zu bemühen. Das weiß auch der Autor dieses Buches, ist er doch Chefredakteur des Monatsmagazins 'Spektrum der Wissenschaft' und der Zeitschrift 'Gehirn und Geist'. Und das wäre es nicht mehr lange, wenn seine Produkte kein Publikum fänden.
'Nie war die Schatztruhe der Vermittlungs- und Dialogformen reicher bestückt als heute', schreibt Carsten Könneker in seiner erstaunlich kurzen Einleitung. Und selbstverständlich will er seine Wissenschaftskollegen dazu animieren, diese Schatztruhe zu öffnen und die passenden Stücke so zu bearbeiten, dass sie möglichst vielen gefallen. Bei seinem Unterfangen setzt er vor allem auf Lernen durch Einsicht, was nach dem Bremer Neurologen Gerhard Roth allerdings eine suboptimale Strategie ist.
Gehen wir von der Annahme aus, die Bereitschaft zum Lernen sei da, liefert Könneker eine überaus präzise Gebrauchsanweisung, wie sich eine wirkungsvolle Kommunikation anpacken ließe. Er beginnt mit den Grundlagen. Und dazu gehören: Kenntnisse der medialen Formen, Zielgruppenanalysen, Erfassen der intendierten Wirkung, die fünf W-Fragen, Reduktion von Inhalten auf die Kürze eines Küchenzurufs, und geschicktes Wecken von Aufmerksamkeit.
Der zweite Teil trägt die Überschrift 'Praxis guter Wissenschaftskommunikation' und umfasst neunzig Seiten, wobei der Einstieg nicht gerade sexy ist. Denn Regeln für gutes Formulieren sind nicht nur langweilig, sondern finden sich in jedem Buch, in dem es ums Schreiben geht. Zur Repetition: Vortragsstil und Schachtelsätze vermeiden, Füllworte und Wiederholungen streichen, kurze Wörter und Verben bevorzugen.
Spannender und wahrscheinlich lehrreicher ist das siebte Kapitel, in dem Carsten Könneker seine Leser dazu ermuntert, sich im Verfassen geeigneter Überschriften zu üben. Und hat man das im Griff, dürften ein leserfreundlicher Vorspann und eine treffende Bildunterschrift ebenfalls zu schaffen sein. Zumal gutes Anschauungsmaterial geboten wird.
Wie erfahrene Könner einen populärwissenschaftlichen Artikel aufbauen und schreiben, erfahren Neugierige im zehnten Kapitel. Weitere Themen sind: Spitzmarke oder Dachzeile, Pullquote, Metaphern und Vergleiche. Und beim Stichwort "Könner" sei die Frage erlaubt, warum Wissenschaftler das Verfassen wichtiger Texte so ungern delegieren. Immerhin erhöhen sie mit ungeschickten oder allzu umständlichen Formulierungen die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Drittmittelantrag abgelehnt wird.
In dritten Teil geht Carsten Könneker näher auf mediale Formen ein, die häufig verlangt werden. Dazu gehören: Meldung, Kommentar, Rezension, Vortrag, Interview, Drittmittelantrag und Fachartikel. Und bevor der Autor mit 10 Thesen zur Zukunft der Wissenschaftskommunikation einen Ausblick wagt, erfährt der Leser noch, was er bei Blogs, sozialen Netzwerken und persönlichen Websites beachten sollte. Im Anhang finden sich: Informationsquellen für Recherchen, Quellenverzeichnis und Stichwortregister.
Gut möglich, dass meine eigenen Erfahrungen in Workshops mit Wissenschaftlern nicht repräsentativ sind. Aber sie führten dazu, die Widerstände gegen das Verkaufen von Informationen konzeptionell stärker zu berücksichtigen als dies in Könnekers Buch der Fall ist. Ob das Kind letztlich Storytelling, Infotainment oder Vermarktung heißt, spielt keine Rolle, solange Emotionen zu seiner Verwandtschaft gehören. Denn wer allzu sehr auf die Sachebene setzt, wird das Publikum wohl nur erreichen, wenn es zum Sitzenbleiben gezwungen wird. Und selbst dann sind die Erfolge oft mäßig.
Mein Fazit: Viele brauchbare Ratgeber für wissenschaftliches Kommunizieren gibt es in deutscher Sprache nicht. Jede Publikation, die sich diesem anspruchsvollen Thema annimmt ist deshalb zu begrüßen. Vor allem wenn sie von Autoren verfasst werden, die in der Praxis stehen und ihre guten Ratschläge selber befolgen. Und gäbe es keine Textpassagen in Orange, wäre sogar das Layout beispielhaft.