Ich habe vor kurzem Ken Wilber's
Halbzeit der Evolution: Der Mensch auf dem Weg vom animalischen zum kosmischen Bewußtsein für mich entdeckt und fand die Überlegungen darin überzeugend und hilfreich. Als mir also das vorliegende Buch von Habecker und Student vor die Augen kam, war ich rasch motiviert, es kommen zu lassen, nicht zuletzt aufgrund der euphorischen Rezensionen.
Das Buch erwies sich für mich leider als arge Enttäuschung. Was andere Rezensenten als feinsinnig und tiefgründig bezeichen, erscheint mir eher aus der Luft gegriffen und theoretisch. Manchmal werden historische Entwicklungen und Zusammenhänge recht sachlich und leicht fasslich - auf Grundschulniveau - zusammengefasst (z.B. Was ist Wissenschaft, oder: Was hat die Aufklärung für Fortschritte gebracht), dann aber wird über Seiten hinweg eine Typologie ausgearbeitet, ohne dass jemals klar würde, wozu diese denn besonders nützlich sein solle. Typologien "einfach so" sind reichlich sinnleer.
Viele Abschnitte hätten gut in einem religiös-spirituell-philosophischen Ratgeber für jedermann Platz finden können. Wohlgesetzte Formulierungen mit den für solche Schriften typischen abstrakten Wortschaft finden sich quer durch das Buch. z.B. S.101: "Entwicklung ist ein Umfassen und Darüberhinausgehen, ein Transzendieren und Bewahren." Oder dann S. 178: "Es geht im menschlichen Leben offenbar um beides, um das Erwachen oder Aufwachen zum Absoluten und zur letzten Wirklichkeit und um das Aufwachsen oder eine reife erwachsene Haltung zum Relativen." Aha.
Das Buch beginnt mir vier Seiten Werbung in eigener Sache. Unter dem Titel "Stimmen zum Buch" werden kurze Abschnitte mit begeisterten Aussagen von mir weitgehend unbekannten Leuten gebracht. Im Vorwort einer gewissen Susanne Cook-Greuter (wer ist das??) erfährt man, dass es sich eigentlich um eine Werbebroschüre für den "Integralen Methodischen Pluralismus (IMP) Ken Wilber's handelt.
Aha.
Sicher wäre es schön, die ganze Breite menschlicher Forschungsgegenstände in ein einfaches Raster mit 4-8 Kästchen verpacken zu können. Angesichts der multidimensionalen Vielfalt nur schon der Wissenschaftszweige und -teilgebiete entsteht damit aber lediglich ein "Raster des Prokrustes", wo Dinge zusammengeworfen werden, die nicht (jedenfalls nicht für alle Zwecke) so zusammengehören und damit gleich behandelt werden können. Das ist das Kernproblem jeder Klassifizierung: Sie ist nur für einen ziemlich engen Zweck sinnvoll, für alle anderen ist sie dann eher hinderlich und irreführend.
Leider unterlassen es die Autoren auch, aus ihrer Darstellung irgendwelche nachvollziehbaren Schlüsse zu ziehen. Das Schlusskapitel des Buches "Voll in der Welt, frei von der Welt" das mit der Aufforderung endet: "Lebe Dein endliches Selbst und ruhe in der Unendlichkeit" könnte ebenso gut auch ohne die 188 vorangehenden Seiten dargeboten werden, z.B. als einfaches Flugblatt, verteilt zum nächsten Gottesdienst der Kirche Ihrer Wahl.
Steht Falsches oder Dummes in dem Buch? Gott bewahre, das möchte ich keinesfalls behaupten. Man kann die Zusammenhänge so sehen, wie sie beschrieben werden und man kann die Fragen stellen, die gestellt werden. Es bleibt aber offen, WOZU genau diese Aussagen wichtig sein sollen und weshalb genau DIESE Fragen die relevanten sein sollen.
Das Buch hinterlässt mich eher ratlos, und von der in den vorangehenden Rezensionen beschworenen Tiefe und Breite und Klarheit habe ich nichts mitbekommen. Ich kann das Buch so nicht mit gutem Gewissen zur Lektüre empfehlen.