"Dawn was coming. The Waystone Inn lay in silence, and it was a silence of three parts..."
Nach 3 Jahren des Wartens gibt es endlich eine Rückkehr in das Gasthaus und ein Wiedersehen mit seinem unscheinbaren, rothaarigen Wirt, der dem Chronisten den zweiten Teil der Geschichten um Kvote schildert. Das erste Drittel der Handlung spielt wieder an der Universität, danach nimmt Kvote eine Auszeit und macht sich auf, einen reichen Gönner zu suchen, den er an der Universität wegen seiner fortlaufenden Fehde mit dem adligen Ambrose nicht finden kann. Was ihm dabei widerfährt, macht den größten Teil des restlichen Buches aus.
Die Handlung knüpft an THE NAME OF THE WIND an und wirkt, als sei auch innerhalb der Chronologie der Geschichte kaum ein Tag vergangen. Kvote ist immer noch klamm und leiht sich Geld bei Devi aus, er verfolgt seine Studien und musikalischen Interessen und versucht, Denna näherzukommen, ohne dasselbe Schicksal zu erleiden wie ihre zahlreichen verflossenen Verehrer. Wider besseren Wissens kann er es sich immer noch nicht verkneifen, Ambrose seine Gemeinheiten heimzuzahlen und diesen dabei immer weiter anzustacheln - bis er eine Auszeit an der Universität nehmen muß und sich zu einem bisher unbekannten Gönner aufmacht.
Als Leser wird man in die Handlung förmlich hineingesogen und bekommt das Gefühl, als würde man mit Kvote an einem Tisch in der Wirtschaft sitzen. Auch wenn auf den ersten Blick nicht viel passiert, ist die Geschichte ein purer Genuß zu lesen - wie aus einem Guß, in wunderschöner Sprache, detailreich und manchmal geradezu poetisch.
Im Gegensatz zu vielen anderen epischen Fantasyzyklen gibt es nur einen Handlungsstrang um die Hauptfigur, verteilt auf zwei Erzählebenen, die zwischen der Rahmenhandlung im Waystone Inn und Kvotes Erlebnissen hin- und herwechseln, unterbrochen von Geschichten und Erzählungen, was manchmal ein wenig an die "Geschichten aus Tausendundeiner Nacht" erinnert.
Überraschenderweise werden einige Ereignisse, auf die man neugierig wäre, nicht weiter ausgeführt - so gibt es eine Gerichtsverhandlung und einen Schiffbruch, die nur gestreift werden; dafür nimmt die Handlung an Fahrt auf, als Kvote die Universität hinter sich läßt und nach Vintas zu seinem neuen Gönner reist. Dieser Teil gestaltet sich wie eine klassische Queste und zeigt Kvote von einer neuen Seite, wie er sich in einer neuen Umgebung mit unbekannten Fallstricken zurechtfindet und an seinen Aufgaben - klassischerweise drei - wächst und reift. Wie er den Söldner Tempi aus der Reserve lockt und wie er in dessen kriegerisch geprägten Kultur besteht, gehört zu den Höhepunkten des Buches und läßt einen Gedanken an Schlaf oder andere Nebensächlichkeiten völlig vergessen.
Die fast 1000 Seiten des Buches lesen sich flüssig und ohne Einbrüche, wer allerdings schnelle Action oder abschließende Antworten auf einige Fragen um Denna, Bast oder wie aus Kvote Kote wurde erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein. Dafür gibt es reichlich Entschädigung durch den wunderbar poetischen Schreibstil, die geradlinige Erzählweise, und eine sich entwickelnde und doch weiter Rätsel aufgebende Hauptfigur in einer Geschichte, die auch nach dem Lesen noch nachklingt. Diesen Genuß sollte man sich, wenn man Fantasy mag, nicht entgehen lassen.