Prangt der Name eines Lieblingsfilms auf einem Buchcover, ist klar, dass ich es lesen muss. Zumal mir Forrest Gump ebenfalls beisteht, wenn ich Anfänger im Storytelling zur Meisterschaft führen will. Ich kenne also so ziemlich jede Einstellung und jeden Satz dieses wunderbaren Films. Doch wie stark unsere persönlichen Lebensgeschichten die Interpretation von Bildern und Worten beeinflussen, wurde mir bei der Lektüre dieses Buches wieder einmal klar. Die Unternehmensberaterin und Kommunikationstrainerin Renate Schmidt ist in einem völlig anderen Glaubensmodell zu Hause als ich. Sie ist davon überzeugt, dass es benennbare Erfolgskriterien gibt, dass sich diese Kriterien vermitteln lassen und dass Forrest Gump ein gutes Beispiel für ihren Glauben ist. Dabei beruft sie sich auf ihre Lehramtserfahrungen, ihre Beratertätigkeit, ihre Lektüre von Fachliteratur und auf zufriedene Seminarteilnehmer. Aus der Ferne an ihren Erfolgsausweisen zu zweifeln steht mir nicht zu. Zumal es häufig vorkommt, dass der Weg zwar stimmt, aber die Beschreibung nicht dazu passt. Und genau das scheint beim Forrest-Gump-Prinzip der Fall zu sein.
"Das Leben ist eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man trifft." Dieser Satz steht nicht zufällig am Anfang und am Schluss des Films, er beschreibt das Leitmotiv. Forrest Gump definiert und verfolgt keine Lebensziele, hat keine Karrierepläne, formuliert keine Prinzipien. Das einzige, wonach er intuitiv sucht, ist Anerkennung und Liebe. "Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben", ließ Goethe seinen Mephisto zu Faust sagen. Und der Weimarer Dichterfürst hätte seine Freude an Forrest Gump gehabt. "Egal, wo ich hingehe, überall musste ich mich einreihen", sagt der Mann mit dem IQ von 75 seinem Publikum. Und wenn der Vietnamrückkehrer von Kriegsgegnern auf die Bühne geschubst wird, ist dies kein Gag, sondern ein Schlüsselmotiv. Es sind immer die anderen, die seinem Leben eine neue Richtung geben. "Ich habe die Medaille nur, weil ich gemacht habe, was man mir sagte", begründet er seine Heldenehrung. Und wenn auch die Menschen ihren Frieden finden, die an ihren Zielen gescheitert sind, dann entnehme ich daraus, dass es keine allgemein gültigen Prinzipien gibt, die uns zum Glück führen. Würde der Film die von Renate Schmidt extrahierten Verhaltensweisen predigen, dann wäre er kein zeitloses Meisterwerk, das Menschen aller Schattierungen und aller Gesellschaftsschichten berührt. "Ich bin kein kluger Mann, aber ich weiß, was Liebe ist", sagt Forrest Gump. Und daher glauben wir ihm, dass er Jenny nie wehtun würde. Daher gönnen wir ihm die zufälligen Erfolge. Und wir finden es wie Forrest Gump immer wieder "komisch, wie manchmal alles von selbst geht."
Mein Fazit: Obwohl Renate Schmidt betont, sie wolle keinen Ratgeber schreiben, sondern einfach ein Buch, das seine Leser inspiriert, überwiegt letztlich doch der pädagogisch-didaktische Charakter. Ziele definieren und verfolgen, Ängste bekämpfen, mit der kognitiven Verhaltenstherapie persönliche Schwächen beheben, besser kommunizieren und die Vernunft mit den Gefühlen in Einklang bringen. Wer daran glaubt, dass dies erstrebenswert und durch Lektüre eines Buches erreichbar ist, liegt bei Renate Schmidt richtig. Aber Forrest Gump für den Glauben an Erfolgsprinzipien in den Zeugenstand zu rufen, finde ich verwegen und ein bisschen frech.