Der Titel des Buches führt ein wenig in die Irre, denn es geht in den über 8 Kapitel verteilten 81 großen thematischen Karten und deren Interpretation nicht nur um wirtschaftliche Daten, sondern um allgemeine Informationsvisualisierung. Gürtler zeigt aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen mittels bunter Grafiken aufbereitete statistische Daten, alle in unterschiedlichem Umfang auf Deutschland bezogen.
Im ersten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit der Demografie. Er visualisiert Wanderungsbewegungen, im regionalen, deutschen, europäischen und im Weltmaßstab. So kommen erstaunliche Aussagen für Deutschland zustande: »Das Land, aus dem die meisten Staatsbürger einwanderten (in Relation zur Gesamtzahl seiner Einwohner) war im Jahr 2007 - Luxemburg«. Und umgekehrt: »Der Pazifik-Inselstaat Kiribati verzeichnete 2007 die höchste Abwanderungsquote, gemessen an der Einwohnerzahl.« Man muss nur wissen, wie die Zahlen zu interpretieren sind!
Im zweiten Teil des Buches geht es um Ressourcen und Infrastruktur, also um die unterschiedlichen Energieträger, fossile und alternative. Die Situation und die Auslastung der verschiedenen Verkehrswege werden beleuchtet. Gürtler spricht von der »Entwicklungschance Autobahn«, kann aber trotz gegenteiliger Aussagen nicht schlüssig begründen, warum es keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen gibt.
In »Bildung und Innovation« geht es, wie man erwarten kann, um die Ergebnisse des PISA-Tests, um den Einfluss des Internets und die Forschungsresultate (Patente) in deutschen Unternehmen. Wertschöpfung, BIP sind zentrale Themen. Wobei nicht unbedingt klar wird, welche Bedeutung Facebook auf die reale Wirtschaft hat oder warum Allianz hinter VW weltweit der zweitgrößte Konzern in Deutschland ist, in der Liste der 100 umsatzstärksten Unternehmen aber überhaupt nicht auftaucht. (Bei Eon ist es genau umgekehrt). Aufschlussreich ist eine Anmerkung des Autors in Bezug auf die Fortschrittlichkeit der (Entscheidungsträger bei den) Autobauer/n in Deutschland: »Ingenieure der TH Aachen haben bereits 1973 eine Kombination aus Benzin- und Elektromotor in einen VW-Bus eingebaut und dessen Fahrtüchtigkeit demonstriert. Doch die deutschen Autobauer wollten von der Kreuzung nichts wissen. Heute verdient Toyota viel Geld mit dem Hybridmotor, und die deutschen Konzerne versuchen verzweifelt, den Vorsprung der Asiaten aufzuholen.«
Im 5. Teil »Arbeit und Soziales« zeigen sich in allen Grafiken die bekannten eklatanten Unterschiede zwischen den Ländern im Süden Deutschlands und den neuen Ländern im Osten, auch »wenn der Osten aufholt«. Gürtler zeigt und beschreibt zu allen Choroplethenkarten interessante Ausreißer. Gleiche Tendenzen zeigen sich bei »Geld und Konsum«, wo gerade die europaweiten Karten beeindruckende Unterschiede in der Kaufkraft widerspiegeln. Im vorletzten Kapitel »20 Jahre deutsche Einheit« werden speziell die neuen Länder nochmals genauer unter die Lupe genommen.
Im letzten Buchabschnitt »Deutschland und die Welt« werden Touristen in Deutschland beleuchtet oder die Ausländer im Profifußball (wobei Herr Gürtler zwar neckisch davon schreibt, dass Dietmar Hopp sich einen eigenen Fußballverein gönnt, aber leider ist das nicht die SG Hoffenheim!). Klassische Analysen zum Außenhandel Deutschlands werden in Karten verdeutlicht, aber auch die subjektive Zufriedenheit der Menschen in den unterschiedlichsten Ländern unserer Erde. Abschließend werden noch ökologische Fragen behandelt.
Dem Autor ist ein vielfarbiges Buch gelungen, dass jede Menge Informationen durch geschickte Präsentation in anschaulichen Karten vermittelt, nicht nur aus dem rein wirtschaftlichen Bereich. Die thematischen Karten erinnerten mich auffällig an die vertrauten aus dem guten, alten 'Diercke', wobei ihnen hier aber immer eine erläuternde Textseite gegenübergestellt wird. Und: die Daten selbst sind recht aktuell, meist aus den letzten 5 Jahren. Für alle Grafiken sind die Datenquellen angegeben. Leider fehlt dem Buch ein Glossar und ein Stichwortverzeichnis.
Detlev Gürtler weist beispielhaft auf die erforderliche Interpretation von Zahlen und deren grafischer Darstellung hin, betont die Bedeutung der Datenselektion, die 'richtige' Klasseneinteilung und die sich daraus ergebenden Manipulationsmöglichkeiten. Er selbst unterscheidet in seinen Erklärungen aber leider nicht ausreichend zwischen möglichst objektiver Beschreibung von Sachverhalten und subjektiver Interpretation, die Auslegung bleibt manchmal etwas oberflächlich, bisweilen nicht (ganz) korrekt oder auch ausgesprochen bemerkenswert: »In Leipzig gibt es sogar negative Mieten - die Bewohner werden dafür bezahlt, dass sie dort wohnen.«