Change X
Frank Lehmann spricht gerne Klartext. Täglich kurz vor der ARD-Tagesschau bläht er bei der Börse im Ersten die Backen auf. Immer wirkt er dabei ziemlich aufgeregt. Als ginge es um alles oder nichts. Einmal himmelhochjauchzend, wenn der DAX nach oben klettert, ein andermal zu Tode betrübt, wenn die Talsohle erreicht ist. "Wie die Aktien stehen" hatte er bereits letztes Jahr in Buchform vorgelegt. Jetzt also die ganze Wirtschaft. Was im Trend jener Bücher liegt, die uns neuerdings erklären wollen, was man wissen sollte oder worauf es, wie in diesem Fall, in der Wirtschaft wirklich ankommt.
Wer aber will das eigentlich wissen? Kleinanleger, die sich die Finger verbrannt haben, reiche Erben, denen der kapitalistische Geldstrom plötzlich bis zur Halskrause steht, oder gar politische Hinterbänkler, die mal nachsehen wollen, was in den Chefetagen los ist? Lehmann sagt kein Wort darüber und schreibt einfach munter drauf los. Nach dem Motto: Einmal Wirtschaft und zurück. Ein Schnellkurs mit zahlreichen Daten und Fakten. Als Volkshochschulkurs für Bildungsbürger.
Wer indes vermutet, die Komplexität des Wirtschaftslebens würde hier von einem populären Bestsellerstil niedergewalzt werden, täuscht sich. Denn Lehmann liefert über weite Strecken eine präzise Bestandsaufnahme, zwar nicht immer mit dem aktuellsten Zahlenmaterial versehen, aber kompetent. Kein Wort zu viel und das Ganze in viele kleine Lesehäppchen verpackt. Vor allem aber ist seine Wirtschaftskunde überraschenderweise unaufgeregt, bündelt empirisches Zahlenmaterial mit theoretischem Grundlagenwissen und porträtiert die wichtigsten Denker und Nobelpreisträger fast schon in nüchternem Brockhausstil. Sehr ordentlich.
Aber mit einem Nachteil. Lehmann verschwindet hinter einer Wand aus Lexikonwissen. An vielen Stellen hätte man sich jedoch mehr Diskussion von Standpunkten gewünscht. Ansatzpunkte dafür hätte es genug gegeben. Hat denn nun Joseph Stiglitz mit seiner Theorie der asymmetrischen Informationsmärkte recht, ist Amartya Sen ein Globalisierungsgegner oder nicht, ist Joseph Schumpeters Prinzip der schöpferischen Zerstörung noch zeitgemäß? Zu selten mischt sich der Autor ein. Dann aber meist kräftig und mit erhobenem Zeigefinger. Etwa, wenn er den Dünnbrettbohrern unter den Managementberatern die Leviten liest. Über die Mäusestrategien von Kenneth Blanchard und Spencer Johnson schreibt er gar: "Bauernfängerei nannte man das früher, Erfolgstraining nennt man das heute." Dass diese Bücher in erster Linie PR-Instrumente für Seminare und Vorträge sind, vergisst Lehmann ebenso wenig. "Der Vortragszirkus ist das wirklich große Geschäft, Honorare von mehr als 50.000 Dollar pro Vortrag sind keine Ausnahmen mehr."
Wie gesagt: Wo der Autor die Probleme beim Namen nennt, kommt Leben in sein proseminarähnliches Werk. Die immer weiter auseinanderklaffende Kluft zwischen Arm und Reich brennt ihm offenbar gehörig auf den Nägeln. Vor allem deswegen, weil der Verschuldungsgrad der privaten Haushalte unaufhörlich steigt und auch fast 1,5 Millionen Kinder hierzulande mittlerweile von Sozialhilfe leben. Zugleich wächst der Reichtum in immense Höhen. Das Vermögen der 225 reichsten Menschen entspricht dem Jahreseinkommen der weltweit ärmsten 2,5 Milliarden Menschen. Bestandsaufnahme richtig, aber was tun? Oft rekapituliert Lehmann in solchen Passagen nur die Hilflosigkeit der Wirtschafts- und Sozialpolitik.
"Nur Nichtstun ist gefährlich!" ruft er den Politikern zu. Hätte er mal selbst mehr getan und um den besten Standpunkt gerungen. Manchmal kommt er jedoch forsch aus der Deckung. "Die Grundprinzipien der Gewerkschaften sind heute mehr denn je gefragt. Soziale Gerechtigkeit, menschliche Solidarität, freiheitliche Demokratie und internationale Zusammenarbeit bilden die Grundlage, damit wir die durch die Globalisierung ausgelösten Veränderungen mit einigermaßen heiler Haut überstehen können." Doch sofort zieht sich Lehmann wieder in sein Schneckenhaus zurück. Auch bei den Veränderungen in der Arbeitswelt hätte der Zauderer Lehmann ruhig mehr Gesicht zeigen dürfen. Alles wird zwar feinsäuberlich durchbuchstabiert: das Ende des Normalarbeitsverhältnisses, die neuen Selbstangestellten, die eigentlich Selbstunternehmer heißen, oder die Patchwork-Biografien. Sichtbar wird mehr Risiko statt Sicherheit. Aber auch immer mehr Chancen, mehr aus seinen Möglichkeiten zu machen. Wohin des Weges also? Lehmann traut sich nicht Wegweiser zu spielen. Dennoch ist das Buch ein faktenreiches, solides Grundwerk. Worauf es aber wirklich ankommt, ist jedoch die Debatte über den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft. Die findet woanders statt. Obwohl Lehmann so richtig läge: "Wasser in den Wein kann der mündige Bürger schon vertragen, wenn man es ehrlich meint, offen über die Probleme spricht und über notwendige Veränderungen."
(c)changeX Online-Magazin für Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
Lehmann erläutert kompetent die Lehren berühmter Ökonomen, beschreibt die Wurzeln unseres Wohlstands sowie die wichtigsten Entwicklungen und liefert eine präzise Bestandsaufnahme sowie einen Ausblick auf die Arbeitswelt von morgen.
»TV-Anchormann Frank Lehmann erklärt in ›Wirtschaft – Worauf es wirklich ankommt‹ leicht verständlich und mit Witz die Geschichte und die Richtigkeit der Wirtschaftstheorien, erläutert die Wurzeln unseres Wohlstands, definiert die neue Wirtschaftswelt und deutet an, was morgen in der Arbeitswelt wehtun wird.«
Buchhändler heute
Lehmann formuliert klar und prägnant und hält mit Witz und Ironie stets eine kritische Distanz zum Thema, wobei er sich auch von populären Ideologien nicht vereinnahmen lässt.
»Eine präzise Bestandsaufnahme, [...] kompetent. Kein Wort zu viel und das Ganze in viele kleine Lesehäppchen verpackt. Ein solides Grundwerk.«
Peter Felixberger in der ›Süddeutschen Zeitung‹
Ein Handbuch im Klartext.
Was Lehmann auf dem Kasten hat, zeigt sich dort, wo er mit Leidenschaft zu argumentieren beginnt. Der Wirtschaftsjournalist erweist sich als kluger Kopf.
»Seine scharfsinnigen und dennoch stets humorvollen Kommentare machen aus dieser Lektüre einen Genuss. Ein Buch, das ich jedem und jederzeit empfehlen würde.«
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