Buch der 1000 Bücher
Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Wirtschaft und Gesellschaft
OA 1922 Form Sachbuch Bereich Soziologie
Das »nachgelassene Hauptwerk« von Max Weber ist für Soziologen, Staatslehrer, Historiker und andere Kulturwissenschaftler durch seinen theoretischen (z. B. Theorie der Rationalisierung) und seinen methodischen (Idealtypenbildung) Gehalt wichtiger als irgendein zweites Buch eines deutschen Soziologen, wobei seine Rezeption im Laufe der Jahrzehnte eher zu- als abgenommen hat.
Entstehung: Das erst postum zusammenhängend veröffentlichte Werk hat eine komplizierte Entstehungsgeschichte. Konzipiert wurde es als Teil eines seit 1909 unter Webers redaktioneller Leitung geplanten großen Sammelwerks Grundriß der Sozialökonomik. Die im ersten Teil entwickelte Soziologische Kategorienlehre wurde noch als Teillieferung dieses Werks von Weber selbst zum Druck vorbereitet, erschien aber erst nach seinem Tod 1921. Seine Witwe, Marianne Weber, gab den zweiten, teilweise unvollendeten Teil 1922 aus dem Nachlass heraus; dabei handelte es sich jedoch, wie sie betonte, um Material, welches älter war als jenes des ersten Teils. Die Herausgabe von Wirtschaft und Gesellschaft wurde ab der vierten Auflage von Johannes Winckelmann besorgt, der einige Umstellungen vornahm und es als eigenständiges Werk präsentierte.
Inhalt: Weber intendiert eine »verstehende Soziologie«, die soziales Handeln nicht auf einen objektiv bestimmbaren, sondern auf den von den Handelnden subjektiv gemeinten Sinn zurückführt. Mit diesem Ansatz will er u. a. verstehen, warum es gerade im Okzident zu einer solchen Kulmination von Rationalisierungsprozessen kam, wie sie im Kapitalismus, in der modernen Bürokratie, im parlamentarischen Regierungsmodell oder auch in der harmonischen Musik vorliegt. Zu diesem Zweck entwickelt Weber eine feingliedrige Typologie sozialer Verbände und Handlungsformen. Von zentraler Bedeutung ist seine Herrschaftssoziologie, worin er die drei reinen Typen legitimer Herrschaft entwickelt: rationale Herrschaft gründet auf dem Glauben an die Legalität »gesatzter Ordnungen«, traditionale Herrschaft auf dem Glauben an die Heiligkeit althergebrachter Traditionen, und charismatische Herrschaft auf dem Glauben an die außeralltäglichen Qualitäten einer Person oder Ordnung.
Mit den sorgfältig definierten soziologischen Kategorien konstruiert Weber idealtypische Vergesellschaftungsformen (wie den »Feudalismus«, die »Parteien« oder die »Gemeinde«), und verwendet ein umfangreiches kulturvergleichendes historisches Material zur Illustration dieser Typen; die Idealtypen ihrerseits dienen zur kontrastiven Veranschaulichung der historisch vorgefundenen Formen. Weber vertieft so seine schon früher veröffentlichte These, nach welcher die protestantische Wirtschaftsethik mit ihrem Hang zur Askese für den okzidentalen Rationalisierungsschub verantwortlich war.
Aufbau: Das Werk besteht aus zwei Teilen, die (entsprechend der Entstehungsgeschichte) eine gewisse Redundanz aufweisen. Der erste Teil leistet mit der »Kategorienlehre« die Definitionsarbeit, während im zweiten Teil eine universalhistorische Anwendung der gewonnenen Kategorien stattfindet.
Wirkung: Weber habe, so der Soziologe Ulrich Beck, »die deutsche Soziologie nicht nur begründet, sondern er werde sie wohl auch noch überleben«. Aber während Webers tagespolitische Interventionen schon zu seinen Lebzeiten eine bemerkenswerte Wirksamkeit entfalteten, ist die Bedeutung von Wirtschaft und Gesellschaft in der Fachwelt erst allmählich durchgedrungen. In Westdeutschland wurde das Werk nach 1945 nicht zuletzt durch Rückvermittlung US-amerikanischer Soziologen wieder rezipiert. Heute ist es vor allem für historisch orientierte Sozialwissenschaftler weltweit einer der unverzichtbaren Bezugstexte.
Die Trennung zwischen dem Politiker und dem Theoretiker Weber ist freilich eine künstliche: Die nicht zuletzt infolge seines Einsatzes in der Weimarer Reichsverfassung festgeschriebene starke Stellung des deutschen Reichspräsidenten findet in Wirtschaft und Gesellschaft ihre theoretische Grundierung in der Absage an die »führerlose Demokratie«, die mit einer Herrschaft des »Klüngels« gleichgesetzt wird. So ist auch die Frage erörtert worden, ob das Denken des Demokraten Weber eine Mitschuld am Versinken der Weimarer Republik in die Barbarei getragen habe. R. H.
Wirtschaft und Gesellschaft
OA 1922 Form Sachbuch Bereich Soziologie
Das »nachgelassene Hauptwerk« von Max Weber ist für Soziologen, Staatslehrer, Historiker und andere Kulturwissenschaftler durch seinen theoretischen (z. B. Theorie der Rationalisierung) und seinen methodischen (Idealtypenbildung) Gehalt wichtiger als irgendein zweites Buch eines deutschen Soziologen, wobei seine Rezeption im Laufe der Jahrzehnte eher zu- als abgenommen hat.
Entstehung: Das erst postum zusammenhängend veröffentlichte Werk hat eine komplizierte Entstehungsgeschichte. Konzipiert wurde es als Teil eines seit 1909 unter Webers redaktioneller Leitung geplanten großen Sammelwerks Grundriß der Sozialökonomik. Die im ersten Teil entwickelte Soziologische Kategorienlehre wurde noch als Teillieferung dieses Werks von Weber selbst zum Druck vorbereitet, erschien aber erst nach seinem Tod 1921. Seine Witwe, Marianne Weber, gab den zweiten, teilweise unvollendeten Teil 1922 aus dem Nachlass heraus; dabei handelte es sich jedoch, wie sie betonte, um Material, welches älter war als jenes des ersten Teils. Die Herausgabe von Wirtschaft und Gesellschaft wurde ab der vierten Auflage von Johannes Winckelmann besorgt, der einige Umstellungen vornahm und es als eigenständiges Werk präsentierte.
Inhalt: Weber intendiert eine »verstehende Soziologie«, die soziales Handeln nicht auf einen objektiv bestimmbaren, sondern auf den von den Handelnden subjektiv gemeinten Sinn zurückführt. Mit diesem Ansatz will er u. a. verstehen, warum es gerade im Okzident zu einer solchen Kulmination von Rationalisierungsprozessen kam, wie sie im Kapitalismus, in der modernen Bürokratie, im parlamentarischen Regierungsmodell oder auch in der harmonischen Musik vorliegt. Zu diesem Zweck entwickelt Weber eine feingliedrige Typologie sozialer Verbände und Handlungsformen. Von zentraler Bedeutung ist seine Herrschaftssoziologie, worin er die drei reinen Typen legitimer Herrschaft entwickelt: rationale Herrschaft gründet auf dem Glauben an die Legalität »gesatzter Ordnungen«, traditionale Herrschaft auf dem Glauben an die Heiligkeit althergebrachter Traditionen, und charismatische Herrschaft auf dem Glauben an die außeralltäglichen Qualitäten einer Person oder Ordnung.
Mit den sorgfältig definierten soziologischen Kategorien konstruiert Weber idealtypische Vergesellschaftungsformen (wie den »Feudalismus«, die »Parteien« oder die »Gemeinde«), und verwendet ein umfangreiches kulturvergleichendes historisches Material zur Illustration dieser Typen; die Idealtypen ihrerseits dienen zur kontrastiven Veranschaulichung der historisch vorgefundenen Formen. Weber vertieft so seine schon früher veröffentlichte These, nach welcher die protestantische Wirtschaftsethik mit ihrem Hang zur Askese für den okzidentalen Rationalisierungsschub verantwortlich war.
Aufbau: Das Werk besteht aus zwei Teilen, die (entsprechend der Entstehungsgeschichte) eine gewisse Redundanz aufweisen. Der erste Teil leistet mit der »Kategorienlehre« die Definitionsarbeit, während im zweiten Teil eine universalhistorische Anwendung der gewonnenen Kategorien stattfindet.
Wirkung: Weber habe, so der Soziologe Ulrich Beck, »die deutsche Soziologie nicht nur begründet, sondern er werde sie wohl auch noch überleben«. Aber während Webers tagespolitische Interventionen schon zu seinen Lebzeiten eine bemerkenswerte Wirksamkeit entfalteten, ist die Bedeutung von Wirtschaft und Gesellschaft in der Fachwelt erst allmählich durchgedrungen. In Westdeutschland wurde das Werk nach 1945 nicht zuletzt durch Rückvermittlung US-amerikanischer Soziologen wieder rezipiert. Heute ist es vor allem für historisch orientierte Sozialwissenschaftler weltweit einer der unverzichtbaren Bezugstexte.
Die Trennung zwischen dem Politiker und dem Theoretiker Weber ist freilich eine künstliche: Die nicht zuletzt infolge seines Einsatzes in der Weimarer Reichsverfassung festgeschriebene starke Stellung des deutschen Reichspräsidenten findet in Wirtschaft und Gesellschaft ihre theoretische Grundierung in der Absage an die »führerlose Demokratie«, die mit einer Herrschaft des »Klüngels« gleichgesetzt wird. So ist auch die Frage erörtert worden, ob das Denken des Demokraten Weber eine Mitschuld am Versinken der Weimarer Republik in die Barbarei getragen habe. R. H.
Kurzbeschreibung
Weber intendiert eine >>verstehende Soziologie<<, die soziales Handeln nicht auf einen objektiv bestimmbaren, sondern auf den von den Handelnden subjektiv gemeinten Sinn zurückführt. Mit diesem Ansatz will er u. a. verstehen, warum es gerade im Okzident zu einer solchen Kulmination von Rationalisierungsprozessen kam, wie sie im Kapitalismus, in der modernen Bürokratie, im parlamentarischen Regierungsmodell oder auch in der harmonischen Musik vorliegt. Zu diesem Zweck entwickelt Weber eine feingliedrige Typologie sozialer Verbände und Handlungsformen. Von zentraler Bedeutung ist seine Herrschaftssoziologie, worin er die drei reinen Typen legitimer Herrschaft entwickelt: rationale Herrschaft gründet auf dem Glauben an die Legalität >>gesatzter Ordnungen<<, traditionale Herrschaft auf dem Glauben an die Heiligkeit althergebrachter Traditionen, und charismatische Herrschaft auf dem Glauben an die ausseralltäglichen Qualitäten einer Person oder Ordnung. Mit den sorgfältig definierten soziologischen Kategorien konstruiert Weber idealtypische Vergesellschaftungsformen (wie den >>Feudalismus<<, die >>Parteien<< oder die >>Gemeinde<<), und verwendet ein umfangreiches kulturvergleichendes historisches Material zur Illustration dieser Typen; die Idealtypen ihrerseits dienen zur kontrastiven Veranschaulichung der historisch vorgefundenen Formen. Weber vertieft so seine schon früher veröffentlichte These, nach welcher die protestantische Wirtschaftsethik mit ihrem Hang zur Askese für den okzidentalen Rationalisierungsschub verantwortlich war.
Autorenporträt
Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Weber, Max dt. Soziologe * 21.4.1864 Erfurt, 14.6.1920 München Wirtschaft und Gesellschaft, 1921 - 1922 Max Weber ist der deutsche Gründervater der Soziologie und entfaltet in dieser Wissenschaft, aber auch in Nachbardisziplinen wie der Geschichtswissenschaft, bis heute einen immensen Einfluss. Viele seiner Konzepte und Begriffe, wie das Postulat einer "Wertfreiheit" wissenschaftlicher Erkenntnis, die Unterscheidung zwischen "Verantwortungs-" und "Gesinnungsethik", die "Entzauberung der Welt", sind nachhaltig in Alltagsdiskurse eingedrungen. Seine wissenschaftliche Laufbahn brachte Weber noch im 19. Jahrhundert auf juristische und nationalökonomische Professuren in Berlin, Freiburg und Heidelberg. Nach einer durch ein Nervenleiden ausgelösten Lebenskrise sah man ihn 1909 als Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Neben wissenschaftlichen Arbeiten zur Religionssoziologie, zur Wissenschaftstheorie, zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte und zur Sozialpolitik widmete sich Weber nun auch intensiv tagespolitischen Fragen, z.B. der Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg. Auch auf die Entstehung der Weimarer Reichsverfassung nahm Weber entscheidenden Einfluss. Als Weber 1920 an einer Lungenentzündung starb, waren wichtige Teile seines wissenschaftlichen Schaffens unveröffentlicht oder unfertig. Vieles, so auch sein opus magnum, Wirtschaft und Gesellschaft, wurde aus dem Nachlass veröffentlicht. Biografie: H. N. Fügen, Max Weber (rm 50216); D. Käsler, Max Weber: Eine Einführung in Leben, Werk und Wirkung, 1998; M. Weber, Max Weber. Ein Lebensbild, 1926
Weber, Max dt. Soziologe * 21.4.1864 Erfurt, 14.6.1920 München Wirtschaft und Gesellschaft, 1921 - 1922 Max Weber ist der deutsche Gründervater der Soziologie und entfaltet in dieser Wissenschaft, aber auch in Nachbardisziplinen wie der Geschichtswissenschaft, bis heute einen immensen Einfluss. Viele seiner Konzepte und Begriffe, wie das Postulat einer "Wertfreiheit" wissenschaftlicher Erkenntnis, die Unterscheidung zwischen "Verantwortungs-" und "Gesinnungsethik", die "Entzauberung der Welt", sind nachhaltig in Alltagsdiskurse eingedrungen. Seine wissenschaftliche Laufbahn brachte Weber noch im 19. Jahrhundert auf juristische und nationalökonomische Professuren in Berlin, Freiburg und Heidelberg. Nach einer durch ein Nervenleiden ausgelösten Lebenskrise sah man ihn 1909 als Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Neben wissenschaftlichen Arbeiten zur Religionssoziologie, zur Wissenschaftstheorie, zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte und zur Sozialpolitik widmete sich Weber nun auch intensiv tagespolitischen Fragen, z.B. der Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg. Auch auf die Entstehung der Weimarer Reichsverfassung nahm Weber entscheidenden Einfluss. Als Weber 1920 an einer Lungenentzündung starb, waren wichtige Teile seines wissenschaftlichen Schaffens unveröffentlicht oder unfertig. Vieles, so auch sein opus magnum, Wirtschaft und Gesellschaft, wurde aus dem Nachlass veröffentlicht. Biografie: H. N. Fügen, Max Weber (rm 50216); D. Käsler, Max Weber: Eine Einführung in Leben, Werk und Wirkung, 1998; M. Weber, Max Weber. Ein Lebensbild, 1926