Als ich das Buch bei amazon über Verwandte Links"entdeckte, sprach mich sofort der Titel an. Aber nach 50 Seiten war ich erst mal ernüchtert. Auch dieses Buch zeigt nicht, wie es im Titel heißt "DIE Wirklichkeit", es zeigt EINE Wirklichkeit. Und leider nicht MEINE. Der Untertitel hätte es mir sagen können, aber ich sagte mir, Klar, wenn die Angleichung vorbei ist, ist es natürlich eine heterosexuelle Partnerschaft!, und dachte nicht weiter darüber nach.
Ich hatte besonders mich darauf gefreut, endlich in einem Buch auch die Seite der Partnerinnen zu hören. 11 Paare sind interviewt worden. Und sie zeigen eben tatsächlich nur die Wirklichkeit der Transmänner (TM) mit rein heterosexuellen Partnerinnen, die nach den OPs am liebsten im heteronormativen Durchschnitt verschwinden wollen. Bis dato dachte ich nicht einmal darüber nach, dass es diese TM überhaupt gibt, ich kannte ja keine! Ich ging ohne Zweifel davon aus, dass alle TM aus einem lesbischen Umfeld kommen, weil ich es nur so erlebe.
Im Gegenteil wird sich vom Lesbischsein (seitens der Partnerinnen) komplett distanziert, Zitat: "... da hab ich dann (...) gedacht: Mein Gott, jetzt bist du lesbisch oder so, son Scheiß." oder "Weil ich hatte ja auch ganz gro0e Angst, meine Güte, das ist irgendwo halt ne Frau und, bin ich jetzt bisexuell!! Das war halt so, so, so mein! Problem." Und weiter wurden im Gegenteil auch noch von den TM dann sehr abwertende Aussagen über sog. burschikose Lesben (Kesse Väter) gemacht, die den männlichen Auftritt ja nur spielen" würden, etwas, das die TM ganz besonders empörte (btw., über den Ausdruck "Kesser Vater" musste ich lachen, wer sagt denn noch SO etwas, statt "Butch"!). Solche Aussagen sind verletzend, zeigen sie doch, dass 'wir'"wieder mal nirgendwo reinpassen. Obwohl gerade das Kapitel über das Verhältnis zu diesen KV extrem interessant war, d.h. gerade für mich, da ich aus eben diesem von den TM beurteilten Milieu komme, und ich es völlig anders erlebe.
Über diese erste Enttäuschung hinweg fand ich das Buch dann richtig klasse! Ich musste nur beiseite schieben, dass es mich persönlich nicht wirklich betrifft. Besonders gut fand ich
- das Aufzeigen frauenverachtender und männlich-stereotyper Verhaltensweisen seitens mancher der TM, außerdem Aussagen der TM sowie der Partnerinnen (!) über die Rolle der Frau (unglaublich, was da für reaktionäre Äußerungen fielen!), und dass dies vom Autor negativ bewertet wurde
- die Schilderungen, wie das Umfeld und die Familie reagiert haben
- die Schilderungen, wie sich die TM in einem Umfeld von Bio-Männern auf einmal fühlen, werden sie doch nicht mehr als (wenn auch burschikose oder seltsame) Frau gesehen
- und vieles vieles mehr, so viel, dass ich es nicht aufzählen kann.
Aber in dem Buch kommen eben nicht vor (falls man danach suchen sollte):
- die TM, die den Weg gehen über: Lesbe, Butch, Gentleman-Butch, Stone-Butch, Drag King, Trans Boi, TM
- die Partnerschaften, die die Angleichung nicht aushalten, und auseinandergehen (logisch, interviewt man Paare, sind diese natürlich noch zusammen. Trotzdem hätte es ja den ein oder anderen TM geben können, der eine"geplatzte" hinter Beziehung hat)
- die TM, die nach der Einnahme von Testo plötzlich pubertär rum-mackern, denen ihre Beziehung auf einmal zu eng ist, und die die lästige Partnerin erst mal "absprengen", selbst wenn die Partner später wieder zusammen finden
- die TM, die unter dem Einfluss von Testo so aggressiv werden, dass sie ihre Partnerinnen schlagen (aber wer gibt das in einem Interview schon zu)
- schwule TM, die nur ganz kurz gestreift werden
- die TM-Partnerschaften, die plötzlich ein Problem mit dem lesbisch gewachsenen Freundinnenkreis bekommen, der keinen Mann" mehr in ihrer Mitte haben will (auch: Clubs, Veranstaltungen, LFT etc.)
- die Partnerinnen, die auf keinen Fall (oder auch: auf keinen Fall WIEDER) Hete werden wollen, sich aber plötzlich vor der Erkenntnis sehen, anscheinend eine zu sein
- die Partnerinnen, die Dildo und Harness gerne als Bereicherung sehen, sich vor einem Penoid-Aufbau aber ekeln (und das ist ein GROSSES Problem, schließlich geht es um Lesben)
- und und und...
Ohne Frage ist das Buch auch gut zu lesen, obwohl die starre Abschrift der Tonbänder vielleicht gewöhnungsbedürftig ist, wenn man sich durch das Worte-Suchen, das Gestammel und die Ausrufezeichen mitten im Satz quälen muss, und auch als Leser dann schlecht einen Faden findet. Auch das System der kursiven Schrift, die die Fragen von den Antworten abgrenzen soll, ist zuweilen durcheinander geraten und dann verwirrend. Aber dadurch es ist auf jeden Fall authentisch. Trotzdem werde ich weiter suchen müssen, nach einem Buch, das meine Wirklichkeit trifft. Aber das ist sicher nicht die Schuld von Jannik Brauckmann, und daher nur einen Stern Abzug für den vielleicht unglücklich formulierten Titel.