Thematisiert wird die Konstruktion von Wirklichkeit als semiotische Praxis einer Designtheorie, die von einem weit gefassten Designbegriff ausgeht: Jeder gestaltende Eingriff in die Lebenswelt oder deren Interpretations-Weisen muss hier als Design-Problem aufgefasst werden - unabhängig davon, ob der Agent in traditionellen Begriffen als Ökonom, Pädagoge, Politiker, Designer etc. bezeichnet wird. Fragen der Ressourcen (Ökonomie), der Üblichkeiten (Moral) und der Wahrnehmung (Ästhetik hier im Sinne von Aisthesis) sind dabei stets berührt. Grundsätzlich muss in der Designtheorie zwischen einem eng- und einem weit gefassten Designbegriff in folgendem Sinne unterschieden werden: Beim eng gefassten werden die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mitthematisiert, sondern affirmativ vorausgesetzt. Dieser Designbegriff ist somit kein philosophischer, da er kein Problem mit der Wirklichkeit hat, sondern sie lediglich bedienen will. Bei diesem eng gefassten Designbegriff sind Fragen nach Ästhetik, Ökonomik und Ethik nur in Hinblick auf designpraktische Lösungen gestellt.
Gerhard Schweppenhäuser (Würzburg) führt mit "Das Problem der Wirklichkeit. Gedanken über Realität und Realismus - von Kant bis Luhmann" die Differenzierungen ein, welche Wirklichkeit überhaupt das Ziel von Gestaltung sein könne oder solle. Ausgehend vom Gegensatz des Realismus und des Idealismus bzw. Konstruktivismus wurde der Fokus erweitert, um Medien-Wirklichkeiten und auch virtuelle Welten wie Second Life in den Blick zu bekommen. Die medienphilosophische These vom Verschwinden der Realität, welche vom Hyperrealismus der Simulation ersetzt worden sei, wurde ideologie-kritisch analysiert. Abschließend wurde die Frage der Referenz von Realität in den Massenmedien durch die Systemtheorie nach Luhmann dargelegt - und wie wenig diese beispielsweise in der praktischen Politik zur Kenntnis genommen wird, wo oftmals noch einer Abbildtheorie gehuldigt wird.
Rodrigo Duarte (Belo Horizonte, Brasilien) rekonstruiert in "Das Design und der Schematismus der Produktion" zuerst die historische Genese des Konzeptes Design mit seinen philosophischen und theologischen Aspekten, insbesondere bei Berkeley und Shaftesbury. Zentrales Konzept in diesem Beitrag war dann der Schematismus nach Kant, welcher das Verhältnis von Wahrnehmung und Begriffen beschreibt, sowie später von Horkheimer und Adorno aufgegriffen wurde: Es handelt sich um die Idee, dass die Kulturindustrie die angeborene Schematismusfähig ihrer Konsumenten enteignet, damit sie die Wirklichkeit genauso wahrnehmen, wie es den Interessen des ökonomischen Systems profitabel erscheint.
Thomas Friedrich (Mannheim) interpretiert in "Wirklichkeit und Katastrophe - der sekundäre Katastrophengewinn" das Erdbeben im Lissabon von 1755 aus sozialpsychologischer Perspektive. So war trotz des Elends, ähnlich wie auch bei den Zerstörungen durch Kriege, danach ein Mangel an allem zu verzeichnen. Die anschließenden wirtschaftlichen Wachstumsphasen gründeten also auf der vorhergehenden Vernichtung von Menschen und Sachen. Dieses Paradigma begleitet uns bis in die heutigen Tage, wo die Abwesenheit von Wachstum beklagt wird, obwohl dies weit positiver als Zeichen fehlender Vernichtung gelesen werden könnte. Naturkatastrophen seien nach wie vor die entlastende Variante der Mangelproduktion, da nichts auf eine mögliche Mitschuld hindeute.
Klaus Schwarzfischer (Regensburg) fragt nach "Gestalt-Integration als Super-Code von Ästhetik, Ökonomik und Ethik?" Der theoriebildende Beitrag entwickelt eine quantifizierbare empirische Ästhetik, welche die Probleme der Informationsästhetik nach Max Bense und nach Herbert W. Franke vermeidet. Hierzu wurde der Analyse-Gegenstand um die semantischen und pragmatischen Dimensionen, was auch die Dezentrierung nach Jean Piaget integriert. Die ästhetische Erfahrung wird als rein prozessual und relational verstanden und als das Erleben von Gestalt-Integrationen auf diversen Verarbeitungsstufen beschrieben. Ästhetische Objekte wie Kunstwerke werden obsolet, da nur Prozesse von Um-Codierungen subjektv erlebt werden. Diese evolutionäre Perspektive basiert auf ressourcen-sensitiven Beobachtungen zweiter Ordnung. So besitzt der Ansatz inhärent eine ökonomische und allokations-ethische Relevanz. Die Möglichkeiten wie auch die Grenzen der praktischen Anwendbarkeit wurden aufgezeigt.
Hans H. Diebner (Frankfurt/Main) wirft mit "Ästhetik und Ethik als Optimalitäts-Probleme in der systemtheoretischen Ressourcen-Ökonomie" einen kritischen Blick auf das von der Kybernetik ausgehende Wirklichkeitsdesign und liefert Evidenz dafür, dass die Kybernetisierung der Gesellschaft und die damit einhergehende hochgradige Selbstreferenzialität Ursache zunehmender Verschwörungstheorien sein könnte. Diese scheint auch und vor allem Design und Kunst in eine paradoxe Situation zu zwingen, die zwischen Macht und Ohnmacht angesiedelt ist. Kybernetisierung sei das Resultat einer gut gemeinten Optimierung sozialer Dynamiken mit technischen Hilfsmitteln, sei aber weniger ein ethisches Problem, sondern vielmehr als ein Problem der Seinsverfehlung (Verdinglichung) zu sehen.
Helmut Orpel (Mannheim) stellt in "Künstlerische Idee und Formgebung in der frühsowjetischen Zeit (1920-1923)" dar, wie die Gestaltung von Artefakten mit der Utopie einer gesellschaftlichen Gestaltung verwoben ist. Dies wird anhand von unterschiedlichen Genres anschaulich gemacht. Die Radikalität des Veränderungs- und damit Gestaltungswillens zeigte sich in Malewitschs Kunsttheorie ebenso wie in Tatlins Architekturstudien. Ausführlich wurde gezeigt, wie sich der Künstler im Spannungsfeld zwischen Freiheit und politischer Zwecksetzung verhalten konnte - und wie beides kommunikative Haltungen wiederspiegelt.
Axel Kolaschnik (Mannheim) thematisiert im Beitrag "Vortäuschung von Ethik unter den ökonomischen Zwängen des Marketing", ob es eine Ethik unter wirtschaftlichen Bedingungen überhaupt gebe. Ausgehend von aktuellen Beispielen der Gier-ist-geil-Haltung von Managern führt er zur Frage, ob die Diskussion um Corporate Social Responibility nur ein kosmetisches Pflaster ist, oder ob mehr dahinter steckt. Denn auch die Konsumenten verwenden die sozialverträglichen und nachhaltigen Produkte teilweise nur zum eigenen Status-Design. Schließlich wurden die Motivationen herausgestellt, welche bei menschlichen Individuen anders geartete Antriebe bezeichnen als bei anonymen Kapitalkonzentrationen, die wir als Unternehmen agieren sehen: Die psychopathologischen Strukturen eines kranken Systems, welche selbiges gleichzeitig stabilisieren und gefährden.
Stefan Dobiasch (Regensburg) grenzt in "Führungsethik und Kommunikationskultur" erst einmal die Sphären von Wirtschaft, Unternehmen und Führung ab, wobei er von aktuellen Manager-Moral-Diskursen in den Medien ausgeht. Die jeweiligen Führungs-Prinzipien weist er als historisch bedingte Mythen der Führung aus. Verschiedene Typen von Kommunikations-Kulturen bilden die Basis, vor der die Voraussetzungen einer Implementierung von dialogischen Strukturen analysiert wurden. Er systematisiert die resultierenden Gesprächsarten und stellte abschließend die möglichen Widerstände bei der Implementierung in der Praxis dar.
Theo Steiner (Karlsruhe) zeigt in "Aroma mit Aura - die Hohe Küche des Ferran Adrià als Kult", dass Essen keine Ansammlung von Dingen ist, sondern ein Kommunikationssystem, wie schon Roland Barthes nachwies. Neu ist aber, dass ein Küchenchef auf molekularer Ebene dieses System gestaltet und dass er zur Documenta eingeladen wird, die weltweit bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Der wissenschaftliche Anspruch und der Kultstatus des Kochs verändern das Kommunikationssystem erheblich, indem ein Mythos zur Utopie verwandelt wird. Diese Kunst ist trotz des Zeitalters seiner Reproduzierbarkeit nicht einfach transportabel wie etwa eine Film-Kopie. Die Rezeption ist daher durch verknapptes Angebot eine stabile Triebfeder dieses Starkultes.
Susanne Hauser (Berlin) befasst sich in "Urbane Ästhetik der Agglomeration" mit dem lange ignorierten Phänomen der Zwischenstadt, wobei die alten Diskursmuster von Peripherie und Zentrum nicht mehr funktionieren. Trotz Dominanz von Industrie und Logistik in diesen Stadtrand-Zonen fehlt identitätsstiftendes Potenzial meist völlig und die Kommunikation erscheint minimiert. Zu fordern und zu fördern seien daher die subjektive Wahrnehmungslust, indem ästhetische und symbolische Überschüsse ermöglicht werden. Unvorhersagbare Aneignungen müssten nicht nur toleriert werden, sondern sogar in Entwurfs- und Planungsprozesse integriert werden. So würden auch identitätsrelevante Kommunikationsprozesse ermöglicht.
Yvonne Thorhauer (Frankfurt/Main) betont in "Design des Raums - ein moralphilosophisches Problem" den Aspekt, dass sich im Raum auch Machtverhältnisse artikulieren. Diese wirken auf die Akteure im sozialen Raum zurück, weil der Raum nach Sartre ein Engagement fördern oder verhindern kann, indem z.B. die Fußläufigkeit als menschliches Maß nicht akzeptiert wird. Eine geeignete Detail-Auflösung für die Analyse und die Gestaltung von Raum ist wichtig wie auch die optimale Feldgröße als Handlungsraum.
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