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Die Wirklichkeit des Schriftstellers [Taschenbuch]

Mario Vargas Llosa


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Kurzbeschreibung

1997
Wenige Schriftsteller äußern sich so unverstellt zu ihrem eigenen Werk wie Vargas Llosa; weniger noch formulieren dabei so deutliche Erkenntnisse. Die Direktheit und Freimütigkeit, mit denen er die Elemente seines Lebens freilegt, die für seine Romane Bedeutung erlangten, erlauben dem Leser nicht nur Einblicke in seine literarische persona und in seinen spezifischen Schaffensprozeß; sie ermöglichen auch Einsichten in das Wesen fiktionalen Schreibens allgemein. Als Aufklärer und Selbstaufklärer, der er ist, gibt Vargas Llosa sich und seinen Lesern Rechenschaft über die jeweilige Genese eines Werks, die Inspirationsquelle, die hundertfältigen atmosphärischen und psychologischen Kräfte, die bei diesem Prozeß eine Rolle spielen. Vargas Llosa hielt diese Vorträge vor amerikanischen Studenten, in denen er ohne jede intellektuelle Herablassung die Leidenschaft des Lesens von Literatur zu wecken versucht. Das macht die Lektüre auch für fortgeschrittene Leser zu einem Genuß.

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Lesezeichen

Don Rigoberto und die Wirklichkeit

Zwei neue Bücher von Mario Vargas Llosa

Unter dem Titel «Die Wirklichkeit des Schriftstellers» legt der Peruaner Mario Vargas Llosa bei Suhrkamp acht literaturtheoretische Essays vor, die 1991 in englischer Sprache publiziert wurden. Neben einer Studie über Borges und einem Beitrag zur lateinamerikanischen Chronik steht die eigene schriftstellerische Tätigkeit im Mittelpunkt. Die ästhetische Reflexion nimmt einen breiten Raum ein in Vargas Llosas Romanen und Dramen, die vielfach den Schreibakt inszenieren und ihre eigene Genese zum Thema haben. Die Essays präsentieren sich nun als Einblicke in die Werkstatt des «wirklichen» Schriftstellers. Sechs Romane aus der Zeit zwischen 1963 und 1984 werden in ihrem Entstehungsprozess von der vagen Idee über eine chaotische Erstfassung bis zur definitiven Version vorgestellt. Gleichzeitig zeichnet der Schriftsteller die Entwicklung seiner Poetik nach. Die Niederschrift jedes Romans führt zu bestimmten technischen, thematischen und ästhetischen Erkenntnissen: das Vermischen mehrerer Episoden zu einer einzigen («Das grüne Haus») oder in späteren Texten die Entdeckung des Humors und die Verwendung populärer Gattungen wie Seifenoper und radionovela als parodistische Elemente.

Gemeinsamer Nenner dieser Essays ist das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion. Literatur sollte «eher eine Illusion der Wirklichkeit schaffen als eine objektive und spezifische Kenntnis dessen anbieten, was in irgendeinem Bereich Wirklichkeit ist». Nach Vargas hat der Roman nicht nur die Aufgabe, eine «neue Wirklichkeit» hervorzubringen, sondern auch den fiktionalen Prozess durchschaubar zu machen: «Fiktion ist negativ, wenn sie nicht als Fiktion wahrgenommen wird.» Was den theoretischen Diskurs teilweise widersprüchlich werden lässt, ist die Gleichsetzung des Begriffspaars Wirklichkeit/Fik tion mit dem auch in früheren Essays zentralen Binom Wahrheit und Lüge. Die politischen oder religiösen Ideologien werden als «Fiktionen» und «imaginäre Welten» der «Wirklichkeit» gegenübergestellt, als gehörten Ideologien nicht auch zur Realität.

Am Beispiel von «Maytas Geschichte» erörtert Vargas Llosa den Gegensatz zwischen Autorintention und Rezeption und verwahrt sich gegen eine politische Lektüre dieses Romans, der vielmehr als ein Metatext «über zwei Arten von Fiktion, ideologische und literarische», zu verstehen sei. Die ideologiekritische Funktion, die der Schriftsteller der Literatur zuweist, schliesst aber offenbar individualistische Schattierungen nicht aus. Schreiben und Lesen erscheinen als «Mittel zum Überleben, auch wenn die objektive Wirklichkeit keine Hoffnung mehr bietet». Einen solchen Rückzug ins Private illustriert beispielhaft Vargas Llosas neuestes Werk, «Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto».

Kompendium des Sexus

Der diesen Sommer mit grossem Aufwand lancierte «erotische Roman im vollen, im schönsten Wortsinn» (Verlagswerbung) knüpft bei der 1988 erschienenen Dreiecksgeschichte «Lob der Stiefmutter» an. Don Rigoberto, Geschäftsführer einer Versicherungsgesellschaft in Lima, lebt getrennt von Lucrezia, seiner zweiten Frau, nachdem er deren Beziehung zu seinem frühreifen Sohn Fonchito entdeckt hat, und frönt ganz seiner Liebe zur Kunst. Im ersten Kapitel der «Geheimen Aufzeichnungen» erinnert sich die auf dem Bidet sitzende Lucrezia an die Vorgeschichte und kommt dann zum Schluss: «Es waren so viele Dinge geschehen! Die Bilder kamen und gingen, lösten sich auf, verwandelten sich, verschwammen miteinander, folgten aufeinander, und es war, als würde die flüssige Liebkosung des alerten Wasserstrahls bis in ihre Seele dringen.»

Ein solcher Satz lässt alerte Leserinnen und Leser Ungutes erahnen, und in der Tat kommt der Roman ähnlich beliebig wie Lucrezias Erinnerung daher, bemüht sich dabei aber um möglichst originelle Vergleiche oder Querverweise nach dem Prinzip des «es war, als». Alle Register der Erzähltechnik werden gezogen, um der trivialen Handlung – Fonchitos Bemühungen um die Versöhnung Don Rigobertos mit Lucrezia vermittels anonymer Briefe – artifizielle Pointen aufzusetzen. Als grosser Verehrer Egon Schieles arrangiert Fonchito die Nachstellung von dessen Halbakt-Bildern unter Mitwirkung seiner Stiefmutter und von deren Hausmädchen. Umgekehrt gibt eine Orgienszene Anlass zu einem Malakt durch den von Lucrezia imaginierten Schiele. Doch trotz ästhetischer Verbrämung fällt die vermeintlich gewagte Erotik immer wieder in humorige Biederkeit zurück. Zu guter Letzt lässt der Autor den neuverliebten Don Rigoberto nicht nur beim Durchwaten eines Flusses ausrutschen, sondern auch noch den Picknickkorb schwungvoll ins Wasser kippen, «um dem Unfall eine komische Note zu geben», wie der Text präzisiert.

Poetologische Konstrukte

In diesem Kompendium des Sexus dürfen ein Partnertausch, eine versuchte Vergewaltigung, ein bisschen Fetischismus (Füsse) und eine Prise Sodomie (mit Katzen) ebensowenig fehlen wie ein lesbisches Intermezzo Lucrezias mit der Hausangestellten oder eine Koks-Party mit einem an Ejaculatio praecox leidenden Drogenboss. Anhand der algerischen Botschafterin werden die Fortschritte der plastischen Chirurgie bei Brustkrebs eingehend demonstriert («am Ende waren sie perfekter als vorher»); andererseits vernimmt man, dass die Medizin beim Verlust der Männlichkeit nur wenig ausrichten kann, dem verunglückten Motorradfahrer bleibt aber als Trost ein – glücklicherweise nur auditives – skatologisches Plaisir. Die Darstellung von so viel Erotik ist natürlich nicht Selbstzweck, sondern illustriert die Lebensphilosophie des Don Rigoberto, der seinen langweiligen Brotberuf nur ausübt, um sich in komfortabler Umgebung den Künsten und seinen geheimen Aufzeichnungen widmen zu können: «Glücklicherweise war er zu individualistisch, um die Macht zu begehren, galt seine ganze Aufmerksamkeit doch dem Unterfangen, die menschliche Wirklichkeit in Fiktionen neu zu erschaffen.» Damit hätte die Romanfigur auch den Bogen zur Poetik des Autors geschlagen.

Neben den insistenten Hinweisen auf Schieles Leben und Werk manifestiert sich der ästhetische Anspruch des Romans in zahlreichen weiteren Anspielungen auf Malerei und Literatur (von Restif de la Bretonne bis Balthus), meist nach dem Schema «und Don Rigoberto fand den Bezug, den er seit einer Weile suchte: ‹Der Schlaf oder Trägheit und Wollust›, von Gustave Courbet.» Leider geht es nicht immer in dieser Kürze ab. Unter dem Titel «Der Traum ein Leben» nimmt das Intertextualitätsspiel orgiastische Ausmasse an, wird doch 20 Seiten lang eine Trio-Episode in einem mexikanischen Bordell (die zwei Frauen heissen – welch ein Zufall! – Rosaura und Estrella) erbarmungslos mit Calderóns Drama verkuppelt.

Immerhin darf dann der derart geprüfte Leser erleichtert feststellen, dass die prickelnden Szenen des Romans allesamt den Träumen Don Rigobertos entsprungen sind. Nicht nur er ist seinem leitmotivisch wiederholten Prinzip der monogamen Liebe treu geblieben, auch Lucrezia hat ihrem Namen Ehre gemacht und die Trennung von ihrem Mann ohne Fehltritte durchgestanden. Obwohl die Stiefmutter immer noch ein Faible für den cherubinhaften Fonchito hegt, plant die wiedervereinigte Familie eine Reise nach Wien, selbstverständlich «um die Schieles zu sehen und Mozart zu hören». Ob das wohl gutgeht? Wie auch immer; man kann hoffen, dass dieses Abenteuer keine weiteren literarischen Folgen zeitigt.

Peter Fröhlicher -- Neue Zürcher Zeitung

Über den Autor

Mario Vargas Llosa, 1936 in Arequipa/Peru geboren, lebt heute überwiegend in London. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1996.

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