Die Vorfreude war riesig und die Enttäuschung entsprechend groß... Ich bin vom Jahrgang 1975 und habe meine Kindheit und Jugend noch in lebendiger Erinnerung. Beim Lesen kam es mir allerdings nicht so vor, als würde ich eine Zeitreise durch meine Kindheit machen, sondern eher, als würde ich die persönliche Kindheit und Jugend des Autoren lesen. Da der Autor männlich ist, wird die Zeit auch fast ausschließlich aus der Sicht eines 1975'er Jungen beschrieben. Als Fasching verkleidete man sich als Cowboy oder Indianer (aber eben niemals als Prinzessin), als Spielzeug gab es nur Autos, oder Autoquartett (aber eben keine Barbie-Puppen, etc.). Auch sonst scheinen sich alle 75'er wohl nur für Fußball, Tennis, Autos,Detektive etc. interessiert zu haben, will man dem Buch glauben. Ich bin ein Mädchen und habe meine Kindheit und Jugend auch wie ein Mädchen erlebt. Demnach war ich sehr enttäuscht, als ich so rein gar nichts über "meine Kindheitserinnerungen" gelesen habe. Erinnerungen an: Regina Regenbogen, Barbie, Rappelkiste, das gute alte grüne Telefon mit Wählscheibe, braune Cordsofas, Ich heirate eine Familie, Patrick Packard, Duran-Duran, Nino de Angelo, Kassetten selber besprechen und Lieder direkt vom Fernseher aufnehmen, indem man den Kassettenreckorder vor den Fernseher stellt und auf "Aufnahme" drückt, Wohnungseinrichtungen in braun, grün und orange, Die Fünf Freunde, Hanni und Nanni, Tina und Tini, Ronja Räubertochter, Momo, Die Schwarzwald-Klinik, Dirty Dancing, Modern Talking, Milli Vanilli, Knight Rider, Brieffreunde per Post, weil es noch kein Internet und keine Handys gab, etc. habe ich vergeblich gesucht. Dafür hat der Autor meiner Meinung nach seine eigene Kindheit beschrieben und seine eigenen Ansichten dargelegt, die ich nicht unbedingt immer teilen konnte. Beispiel: Die Neue Deutsche Welle hat seiner Meinung nach bei "uns" keinen besonders tiefen Eindruck hinterlassen... Da kann er doch aber wohl nur von sich selbst sprechen, oder? Ich für meinen Teil habe die Neue Deutsche Welle geliebt! von Panini gab es lt. diesem Buch nur eine Sorte Sammelalbum: das aktuelle Fußball-Album. Kein Wort darüber, dass Mädchen dafür vielleicht eher z. B. Regina-Regenbogen-Sammelalben hatten... Überhaupt wurden zwar Aufkleber gesammelt - aber eben ausschließlich Fußball-Aufkleber. Kein Wort von Aufklebern wie: ein Herz für Tiere, u.s.w. Außerdem gab es seiner Beschreibung nach nur Aufkleber von Panini in Tütchen zu kaufen. Ich weiß ja nicht, wie es bei euch war, aber in "meiner" Kindheit war es aufregend, ein neues Nutella-Glas zu kaufen, weil sich häufig heiß begehrte Aufkleber im Deckel befanden, ebenso wie zwischen dem Einwickel-Papier diverser Schokoriegel... Kurz: das Buch liest sich als die Kindheit eines Jungen und zwar eines ganz bestimmten Jungen, der 1975 geboren wurde. Das hätte man wirklich ausführlicher, liebevoller, allgemeiner und vor allem für beide Geschlechter schreiben müssen. Viel Geld ausgegeben für die Erinnerungen an die Kindheit eines mir unbekannten Mannes... Schade...