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Unprätentiös und harmlos geschrieben, messerscharf beobachtet
Anna, die Ich-Erzählerin in „Wir töten Stella“, berichtet in einem einer Beichte ähnelnden Sprachduktus von den Ereignissen, die letztendlich zum Selbstmord der 19-jährigen Stella führten. Offenen Auges, der sich anbahnenden Katastrophe gewahr, unternahm Anna nichts, um Stella zu helfen. Einzig darauf bedacht, ihrem Sohn Wolfgang eine „heile Familie“ vorzuspielen, nimmt sie es hin, dass sie seit Jahren von ihrem Ehemann Richard betrogen wird, der sich nicht einmal die Mühe macht, bei Fehltritten Lippenstiftreste zu entfernen. Richard ist sich der Treue seiner Frau absolut sicher, denn er erpresst Anna mit subtilen Drohungen, die sich gegen den gemeinsamen Sohn Wolfgang richten. Als Stella, die Tochter einer Jugendfreundin Annas, für einige Monate als Untermieterin einzieht, ist es für Richard ein leichtes, das naive Mädchen zu verführen. Doch schon bald verliert er das Interesse und wendet sich neuen Abenteuern zu. Stella verzweifelt und bringt sich um. Dies wird für Wolfgang zum Schlüsselerlebnis, der jetzt wie aus einem Tagtraum erwacht, sich von der Familie lossagt und auf das Internat wechselt, das auch von Stella besucht wurde. Stellas Tod, von der Mutter gleich einem Menschopfer auf dem Altar der Familie dargebracht, wird nicht in der herkömmlichen, vom Hörer erwarteten Weise von Anna beklagt. Sie weist sich Schuld zu, aber ist nicht bereit, Sühne zu tun. Sie bricht nicht aus, sondern schaut tatenlos zu, wie ihr Mann, sein nächstes Opfer schon untergehakt, vorüber geht.
Marlen Haushofers Protagonistin ist eine ambivalente Frauenfigur, die, zerrissen zwischen Rollenanpassung, Selbstaufgabe und unterdrückter Eigenständigkeit, in einer von einem Patriarchen dominieren Welt lebt. Dabei bedient sie sich einfach geschriebener Sätze, deren kühle Diktion in starkem Kontrast zu der geschilderter Katastrophe stehen. In der Lesung durch Elisabeth Schwarz bleiben diese Kontraste zwischen Handlung und Sprache erhalten. Ihre Stimme klingt nicht sanft, verständnisvoll und um Mitgefühl heischend sondern eher kühl, hart und sogar trotzig. Dies führt dazu, dass aus der vermeintlich reuigen Beichte eine trotzige Rechtfertigung wird.
Fazit: Eindringliche Analyse einer Familientragödie, die in schlichtem Kleid beginnt, aber schnell Eigendynamik entwickelt und sich am Ende als handgenähte Designer-Robe heraus stellt.
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