Wir stillen noch" ist ein Buch, das Müttern Mut machen möchte, ihre Kinder so lange zu stillen, wie diese es brauchen und einfordern - auch wenn das bedeutet, dass sich das Stillen (in welcher Häufigkeit auch immer) über mehrere Jahre (die Rede ist meist von 2-3 Jahren) hinziehen kann. Das Stillen wird hier zum einen als ideale Ernährung angepriesen, zum anderen wird der emotionale Aspekt des Stillens als besonders bedeutsam hervorgehoben. Den Hinweis, dass Kinder in den ersten Jahren ihres Lebens heftigeren und verunsichernderen Umwälzungen als in der Pubertät unterworfen sind und sich zudem nur sehr eingeschränkt mitteilen können, hat mich davon überzeugt, mein Kind auch über das klassische Säuglingsalter hinaus zu stillen, um ihm eine Extraportion Sicherheit, Nähe und Zusage zu vermitteln. Die Autorin verspricht vor diesem Hintergrund rundum glückliche und liebesfähige Kinder, mit denen man seltener oder in abgeschwächterer Form diese furchtbaren Phasen des Quengelns und Klettens, nicht-ins-Bett-gehen-Wollens oder Wutanfälle, Geschwisterneid, etc. erlebt. Unterm Strich habe auch ich den Eindruck, dass mein Kind (mit inzwischen 1,5 Jahren) ausgeglichener und glücklicher ist als andere Kinder.
Positiv:
In dem Buch findet man viele, sehr wertvolle Informationen rund um das Stillen (incl. eigener Gefühlsschwankungen und Sinnkrisen) sowie das (möglichst natürliche) Abstillen, argumentative Unterstützung bei früher oder später auftretenden Widerständen oder gar Anfeindungen seitens der Gesellschaft oder sogar eigenen Familie, und diverse süße Anekdoten mit bereits sprechenden Stillkindern. Das tollste und fast überzeugendste an dem Buch sind die vielen Fotos: Momentaufnahmen von stillenden Müttern in den unmöglichsten" Situationen und Stellungen... die Bilder drücken sehr viel Innigkeit und Witz, so viel Natürlichkeit aus.
Negativ:
Das Buch ist grauenvoll redundant geschrieben und liest sich wie ein endlos schwätzender und Brief an alle Mütter, bei dem immerzu eine pseudotolerante und ideologisch einwandfreie Lebensphilosophie durchschimmert und mitverkauft wird - das nervt!
Im Grunde ist das angegebene Inhaltsverzeichnis völlig überflüssig, weil man in jedem Kapitel, ja sogar in jedem Sinnabschnitt immer wieder bequatscht" wird, wie wichtig und richtig das Stillen und das natürliche Abstillen ist. Auch wenn man (spätestens nach den ersten beiden Kapiteln) diese Meinung teilen mag, ist das ärgerlich für Leute (wie mich), die ein Buch gerne von vorne nach hinten durchlesen, und sich in ihrer knapp bemessenen Zeit trotz immer wieder eingestreuter Neuigkeiten und netter Geschichten nicht langweilen wollen. Aber auch die Kapitelleser werden sich sicher häufiger über die etwas eigenwillige Diskrepanz zwischen Überschrift und erwartetem Inhalt wundern.
Das Buch könnte mit einer besseren (z.B. problemorientierten / mehr themenbezogenen statt chronologischen) Strukturierung des Textes nur halb so lang sein und zumindest sachlicher wirken.
Was ich mir vergeblich zu lesen gewünscht hätte, wären Erfahrungsberichte von Eltern, die es geschafft haben, trotz der vergleichsweise langen, sehr engen Mutter-Bindung, auch den eigenen Bedürfnissen nach Freizeit, Selbstbestimmtheit, Intimität, etc. nachzukommen, besonders wenn keine Großeltern / Geschwister im gleichen Haus oder in derselben Stadt wohnen... Da waren mir die angebotenen Lösungen und Kompromissvorschläge doch zu spärlich und vor allem zu einseitig-persönlich gefärbt. Auch wäre es interessant gewesen, mal ältere oder gar inzwischen erwachsene Stillkinder nach diesem Abschnitt in ihrem Leben sowie ihrer Beziehung / Einstellung zu ihren Eltern zu fragen.
Was darüber hinaus in diesem Buch fehlt, ist meiner Meinung nach die Auseinandersetzung mit der Frage, was eine langzeitstillende Mutter denn eigentlich tragen könnte (Stichwort Stillkleidung, insbesondere Stilltops: Firmen, Adressen, Literatur / Tipps Nähanleitung) und was sie (bevorzugt) essen oder nicht essen sollte (Hinweis auf bewährte stilltaugliche Kochbücher o.ä.).
Was mich etwas geärgert hat (weil ich Monate lang davon betroffen war), ist der bagatellisierende Abschnitt über das Beißen, das ein Kind angeblich nicht oder nur kurz macht, weil die Reaktion der Mutter ja vergleichsweise unmissverständlich ausfällt. Mein Kind hat mich immer wieder gebissen, wenn es zahnte, aufstoßen oder pubsen musste, Brust wechseln wollte oder fertig war, oder wenn ich innerlich abwesend oder abgelenkt war - ich hätte manchmal ausflippen können!
Ich habe mir dieses Buch übrigens gekauft, als mein Kind nach fast 10 Monaten immer noch keinen Brei essen wollte und nur sehr unregelmäßig (zwischen diversen Infekten und Zahnungsphasen) Obst und Gemüse knabberte. Meine Kinderärzte hatten mir schon im 4. Monat einen Ernährungsplan mitgegeben und erklärt, dass die Muttermilch jetzt langsam zu viele Schadstoffe, zu viel Milchzucker (eine ernst gemeinte Erklärung für Blähungen...), zu wenig Eiweiß und Vitamine oder Eisen enthält... Solche Aussagen können einen ja besonders dann wahnsinnig machen, wenn das Kind über Wochen und Monate alles andere außer der Brust verweigert. An dieser Stelle kann ich übrigens das Buch: Mein Kind will nicht essen" von dem spanischen Kinderarzt Gonzales empfehlen, das auf sehr eindringliche Weise erläutert, wie fatal die Abwertung der Muttermilch gegenüber anderen Lebensmitteln für das zukünftige Essverhalten und die Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder ist.
Beide Bücher sind gut geeignet, um die sich aufschaukelnden Spannungen in der Beziehung zwischen Mutter und Kind durch den von außen hineingetragenen Leistungsdruck wieder zu lösen, und Vertrauen in den individuellen Zeitplan der natürlichen Entwicklung zu gewinnen.
Was vielleicht auch andere beruhigt: Mein Kind hat nicht später angefangen, richtig vom Tisch mitzuessen als andere Kinder, sondern hat nur die Breiphase übersprungen und die Flaschenmilch abgelehnt.