Jajaja, die Ossis habens versägt, vergeigt, vertrottelt, diese charakterlosen Jammerlappen, allen voran natürlich Wolfgang Thierse. So jedenfalls sieht es der westdeutsche Journalist Wolfgang Herles. Sein Buch bezeichnet er zwar als Polemik. Doch eine Polemik muss Geist haben, will sie ihr kritisches und aufklärendes (nicht aufklärerisches) Potenzial entfalten. Herles Werk lässt diesen Geist jedoch vermissen. Abgesehen von teils schlechten Recherchen gehen hier statt dessen banale Weisheiten wie die über die gescheiterte wirtschaftliche deutsche Einheit (rein formal-juristisch handelte es sich um einen Anschluss der Ex-DDR an das Bundesgebiet, auch daran lag bereits eine Ursache des Scheiterns) und Stammtischvorurteile gegenüber Ostdeutschen eine höchste unselige Verbindung ein. Heraus kommt eine Unverschämtheit, keine Polemik, sondern eine Schmähschrift.
Sicher tragen auch die Ostdeutschen ein Maß an Verantwortung für das Scheitern. Es begann schon im Vorfeld, als aus dem demokratisch-emanzipatorischen "Wir sind DAS Volk" das romantisch-nationalistische "Wir sind EIN Volk" wurde. Nach dem Mauerfall ahnten aufmerksame Beobachter bereits, wohin die Reise gehen würde: Mit vollen Plastiktüten brachte man die Errungenschaften des Kapitalismus über die „Zonengrenze", überdies die friedliche Revolution von den Höhen eines demokratischen Aufbruchs in die Niederungen des praktischen Materialismus herunter.
1990 kam die Wirtschafts-, Sozial- und Währungsunion, die die westdeutschen Sozialsysteme langfristig und die ostdeutsche Wirtschaft in kürzester Zeit ruinierte: Zeugnis eines grandiosen Versagens westdeutscher Wirtschaftswissenschaftler, die vier Jahrzehnte lang in Freiheit forschen durften. Ein paar helle, kritische Köpfe gab es hüben wie drüben. Z.B. Oskar Lafontaine, der einen Stufenplan zur Einheit vorlegte, den man heute als visionär bezeichnen muss, und dafür von der versammelten „Öffentlichkeit" (wahrscheinlich auch von Herles damals) als Staatsfeind Nr.1 und Hochverräter an der nationalen Sache behandelt wurde und noch wird. Im Osten gab es Oppositionelle, die eine wirkliche Vereinigung auf der Grundlage einer neuen gemeinsamen Verfassung wollten, oder die einen „Dritten Weg" für die Ex-DDR vorschlugen. Sie wurden im Westen von allen bekämpft, die fürchten mussten, der „Dritte Weg" könnte ein so attraktives Modell werden, dass die „soziale Marktwirtschaft" als das erkannt würde, was sie ist und als was wir sie gerade erleben: ein Wolf im Schafspelz. Im Osten wurden diese Leute von denen, die an die DM-Tröge drängten, als „Träumer" diffamiert.
Das Scheitern der Einheit muss vor allem als ein Versagen der westdeutschen Eliten gelesen werden. Die Ostdeutschen hingegen bewiesen nach der Wende eine Lernbereitschaft und Flexibilität, wie sie sich die Apologeten der Neoliberalismus nicht besser und devoter wünschen können. Millionen bildeten sich weiter, suchten sich neue Jobs, gründeten Firmen, zogen aus der Heimat fort, weil man dort ihre Betriebe geschlossen hatten - eine Flexibilität, wie sie Westdeutsche nicht einmal ansatzweise zeigen mussten. Herles entgeht diese Vereinigungsleistung offenbar vollständig. Adorno trivial interpretierend kann es für ihn nichts Richtiges im Falschen geben. Das Übel der offiziellen DDR lebt in den Köpfen ihrer ehemaligen Bewohner weiter. Das Böse ist immer und überall. In seinem Buch präsentiert sich Herles als ein Exemplar jener unangenehmen „Besser-Wessis". Es bleibt ein Rätsel, woher er die Chuzpe dafür bezieht.