Facebook hat gründlich dafür gesorgt, dass Freunde zum Synonym für Bekannte wurden. Und was Freunde-Sammler nicht schafften, besorgten die Moralisten. Denn die haben mit ihren ideologischen Vorstellungen vom menschlichen Zusammenleben den Begriff "Freundschaft" so eingeschränkt, dass am Schluss niemand mehr übrig bleibt.
Was wir unter einer Freundin oder einem Freund ebenfalls verstehen könnten, formuliert Edelgard Abenstein in ihrem zweiseitigen Vorwort auf geradezu zitierwürdige Weise. Und sie erinnert ihre Leserinnen daran, dass es früher gar nicht so selbstverständlich war, dass Frauen Freundinnen besaßen. Eine Freundin, wie sie in diesem Buch gesehen wird, kann vieles sein: Eingeweihte, Weggefährtin, Seelenverwandte, letzter Zufluchtsort, Kampfgenossin und Liebhaberin. Aber weil Frauen ebenfalls miteinander konkurrieren, gibt es auch unter Freundinnen einen Wettstreit der Talente, wenn die eine der anderen den Rang abzulaufen droht. Edelgard Abenstein schreibt dazu: "Neid auf das Können der anderen, Eifersucht auf diejenigen, die ihr nahe stehen ' auch beste Freundinnen sind gegen niedere Gefühle nicht immer gewappnet, bei aller Verlässlichkeit und zärtlichen Bereitschaft, jederzeit Hilfe zu leisten."
Was die zwölf vorgestellten Freundinnen-Paare vereint und trennt, wird von der Autorin anschaulich beschrieben, indem sie das Wesentliche in Geschichten verpackt und mit geeigneten Zitaten untermauert. Da sich wohl viele dafür interessieren, von wem in diesem Buch ausführlich die Rede ist, gebe ich zumindest die Namen der jeweils Prominenteren bekannt. Nicht aber die ihrer Freundinnen. Denn schließlich möchte ich mit meiner Rezension dazu beitragen, dass dieses Buch ein großes Publikum findet. Vorgestellt werden die Freundinnen von: Paula Modersohn-Becker, Greta Garbo, Hannah Arendt, Coco Chanel, Katherine Mansfield, Rahel Varnhagen, Lou Andreas-Salomé, Djuna Barnes, Virginia Woolf, Susan Sontag, Rosa Luxemburg und Marianne Weber.
So verschieden die zwölf Frauenfreundschaften auch sind, gemeinsam ist ihnen allen, dass es immer wieder zu kurzen oder langen Trennungen kam. Und bei vielen Paaren schwankte das Pendel der Freundschaft zwischen Anbetung und Bitterkeit, zwischen bedingungslosem Dasein für die Freundin und kalter Distanziertheit. Eine Kopie der anderen Persönlichkeit ist keine der 24 Frauen. Viel eher gilt, was die Autorin über Rahel Varnhagen und Pauline Wiesel schreibt. "Rahel und Pauline das ist zweifellos die extravaganteste Freundschaft dieser Zeit. Die eine lebt, die andere denkt, die eine gilt als Schönheit, die andere empfindet sich als reizlos und hässlich, der einen sagt man die Neigung zur Libertinage nach, die andere repräsentiert die ideale Muse. Nur in der Liebe haben beide kein Glück, wobei die eine munter von Affäre zu Affäre hüpft, während die andere in Mutlosigkeit versinkt."
Mein Fazit: Vierundzwanzig Frauen, zwölf Freundschaften und unzählige Variationen, wie sich das Leben ohne zu verzweifeln meistern lässt. Sollte die Lektüre dieses Buches dazu führen, das Wesen einer Freundschaft etwas besser zu erfassen, hat sich der kleine Aufwand bereits gelohnt. Aber man kann die Porträts auch ganz ohne selbsterzieherischen Zweck lesen und sich einfach an den Ausflügen in andere Zeiten und andere Formen des Zusammenlebens freuen. Nur schade, dass Edelgard Abenstein ihren Leserinnen keine Hinweise gibt, welche anderen Bücher ebenfalls über die vorgestellten Frauen, ihr Liebesleben und ihre Freundschaften berichten. Eine ärgerliche Unterlassungssünde.