Boah, habe ich Ende letzten Jahres Bauklötzchen gestaunt, als im Vorprogramm von New Moon der Teaser von "Wir sind die Nacht" gezeigt wurde. Ehrlicherweise muss man sagen, dass dieser nicht besonders aussagekräftig war, aber die Lust auf mehr war auf jeden Fall sofort da. Leider wurde der Kinostart erst auf Oktober 2010 festgesetzt und so bin ich stattdessen nach einigen Recherchen auf das dazugehörige Buch gestoßen. Und die Lektüre zum Film ist schon so einiges vorher erschien und von niemand geringerem als Wolfgang Hohlbein selbst verfasst worden, ein Autor, der mich schon im Kindesalter mit so tollen Geschichten wie Märchenmond inklusive Fortsetzungen begeistert konnte. Und die Vorfreude auf diesen 600-Seiten-Klopper war riesig - und ich wurde natürlich nicht enttäuscht.
Lena ist 21 Jahre alt und verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Kleinkriminalität - zunächst, denn eines Tages klaut sie leider dem falschen Mann das Portemonnaie aus der Tasche und plötzlich ist nicht nur die Polizei hinter ihr her, sondern auch die russische Mafia. In so richtige Schwierigkeiten gerät sie allerdings erst, als sie ihre Diebestour in die Edeldiskothek "Wir sind die Nacht" führt. Nach einem Zusammentreffen mit einer der Besitzerin des Ladens, Louise, die sie in den Hals beißt, macht ihr Körper eine seltsame Wandlung durch. Und plötzlich ist sie ein Vampir und macht mit Louise, Charlotte und Nora, die ebenfalls dieser Gattung angehören, Berlin unsicher. Einerseits genießt sie ihr neues Dasein, den damit verbundenen Reichtum und die Freiheiten, alles tun zu können, aber auf der anderen Seite vermisst sie ein wenig ihr altes Leben und den Sonnenschein. Und auch ihre Gefühle für Tom, einer der ermittelnden Beamten, der sich an ihre Spur geheftet hat, lässt sie an ihrer Existenz zweifeln und ihren Blutdurst ins Unerträgliche wachsen. Aber auch die Mafia meldet sich zurück und zeigt, dass die vier Mädels nicht die einzigen ihrer Art in der Gegend sind.
Als Leser muss man einiges ertragen und das meine ich nicht negativ. Man kommt nämlich nie so wirklich zu Ruhe und es fällt sehr schwer, das Buch mal kurzzeitig beiseite zu legen. Ständig kommt es zu irgendwelchen Eklats, Schießereien, Verfolgungsjagden mit und ohne Auto, Prügeleien, Explosionen oder anderen Auseinandersetzungen, bei dem der eine oder andere der Sonne ausgesetzt wird und in Flammen aufgeht. Ich war immerzu gebannt, was wohl als nächstes passiert und wenn man dann mal denkt, dass das eben Gelesene nicht mehr zu übertreffen ist, dann hat die Geschichte schon mit neuen Wendungen aufgewartet.
Das Wichtigste, damit ein Buch gut funktioniert, ist meiner Meinung nach, dass es interessante und abwechslungsreiche Charaktere gibt, die nicht über ein Schachbrettmuster von A nach B springen. Lena hat eine schwere Vergangenheit; ihre Mutter ist Alkoholikerin, ihr Bewährungshelfer erpresst sie und es scheint keine richtigen Perspektiven in ihrem Leben zu geben. Tom bildet da eine Ausnahme, denn er scheint trotz ihrer kriminellen Ader und obwohl er Polizist ist, etwas in ihr zu sehen. Auf der anderen Seite sind die vampirischen Drei. Nora ist die Extrovertierte, die ihr Dasein als großen Abenteuerspielplatz sieht, gern Spaß hat und keine Grenzen kennt. Nora hingegen ist eher still, introvertiert und manchmal sogar melancholisch. Louise ist die Anführerin und versucht ständig alles und jeden im Griff zu haben; meistens gelingt ihr das, aber die Gefühle, die sie für Lena hat, lassen diese Maske der Standhaftigkeit immer wieder verrutschen und offenbaren Schwächen. Das Trio hält jedoch zusammen und nimmt Lena sofort in ihre Gruppe auf und obwohl sie gut aufgehoben ist und beschützt wird, fühlt sie sich von ihrer Verwandlung überrumpelt und gelegentlich auch bevormundet (was sie in einigen Szenen etwas quenglig wirken lässt). Bedroht werden die Vier von Stepan und seinem unkontrollierbaren Zögling Anton. Und zu welchen Zwischenfällen es kommt, habe ich ja weiter vorne schon angedeutet.
Ansonsten sind die Gefühle zwischen den Protagonisten sehr authentisch wiedergegeben. Leider ließ die Beziehung zwischen Lena und Tom ein wenig an Tiefgang vermissen, aber der Spielraum der Geschichte umfasst ja nur wenige Tage und außerdem stand nicht unbedingt die Lovestory zwischen den Beiden im Vordergrund, weswegen sich das verschmerzen ließ.
Was den Lesegenuss noch weiter begünstigt hat, war der hervorragende Schreibstil von Hohlbein. Jeder Satz klingt wohldurchdacht und fügt sich bestens in die Geschichte ein. Man merkt, dass da jemand seinem Handwerk nachgegangen ist, der Talent hat. Ein Buch, das in der Muttersprache verfasst wurde, ist zudem viel schöner zu lesen als den Eigenarten von Übersetzern (deren Arbeit ich nicht schlecht reden will) ausgesetzt zu sein.
Fazit:
Was bekommt man geboten? Ein super spannendes, gutgeschriebenes und unterhaltsames Buch. Viele rasante Wechseln, überzeugende Charaktere, packende Dialoge, die lustig, nachdenklich, ernst, usw. sind sowie viele andere Kleinigkeiten komplettieren die Geschichte und machen sie zu etwas Besonderem. Das Rad wird zwar nicht neu erfunden, aber man wird trotzdem überrascht und lernt noch so einiges Neues. Die 600 Seiten sollten einen nicht abschrecken lassen, denn das Buch liest sich locker in wenigen Tagen durch. Wenn man bedenkt, dass "Wir sind die Nacht" lediglich auf Grundlage eines Drehbuches geschrieben wurde, dann ist es eine richtige Meisterleistung. Ich bin begeistert und vergebe aus ganzem Herzen die volle Punktzahl und kann nur eine klare Kaufempfehlung aussprechen.
Zusatz:
Ich hoffe, dass die Verfilmung nach wie vor kommt, denn (Stand: Juli 2010) bisher ist außer dem Teaser nichts Neues an Informationen im Internet zu finden. Kein Trailer, keine Bilder, keine Bekanntgabe der Schauspieler (abgesehen von Karoline Herfurth und ihrem Monolog) oder irgendetwas in die Richtung. Und bis Oktober ist es ja nicht mehr weit...