Eine differenzierte Rezension über ein Rosenstolz-Album zu schreiben, ist kein leichtes Unterfangen. Die Fanbase liebt jeden zarten Ton, den AnNa von sich gibt, jede intensive Textzeile voller Doppeldeutigkeit und Lebensweißheit, diejenigen jedoch, die mit Rosenstolz' Musik noch nie etwas anfangen konnten, werden auch mit "Wir sind am Leben" nicht glücklich werden - Rosenstolz sind sich vollkommen treu geblieben, man hört den unverkennbaren Sound, der vor 20 Jahren mit einer kleinen Kassette seinen Anfang nahm und bis heute Hundertausende zu Käufen von Tickets und CDs bewogen hat.
Der erste Dämpfer der neu aufgeflammten Freude folgt beim Blick auf die Tracklist. Bitte? Wirklich nur elf Lieder? Ja, es sind tatsächlich nur 11 Songs und es existiert auch kein Hidden Track, der nach zwei Minuten Stille am Ende des vermeintlich letzten Liedes beginnt, ABER - hier kommt es - die einzelnen Lieder haben eine durchschnittliche Laufzeit von über 4 Minuten; das kürzeste Lied ist "Wir küssen Amok" mit 3:44 Minuten. Jeder Track ist also Rosenstolz pur, jedes Lied eine eigene episch erzählte Geschichte voller Lebensfreude und Wahrheit.
Nach dem ersten aufmerksamen Durchhören möchte man direkt wieder von vorne beginnen. Auch nach ihrem letzten Album "Die Suche geht weiter" und der unfreiwilligen Pause haben AnNa R. und Peter es nicht verlernt, tolle Texte zu schreiben, die mir häufig aus der Seele sprechen und mir bei Problemen (zumeist Liebeskummer) wunderbar helfen konnten. "Wir sind am Leben" bietet elf solcher Songs. Angefangen bei der gleichnamigen Single, die bereits im Radio auf "heavy rotation" lief und den perfekten Opener markiert, werden dem Zuhörer daraufhin mit "Überdosis Glück" und "Lied von den Vergessenen" zwei kraftvolle, energiegeladene Lieder präsentiert, deren Melodien direkt in die Beine wandern - Mitwippen ist angesagt. Generell ist auffällig, dass ein vermehrt "rockigerer" Stil in den Liedern zu finden ist. "Sprachlos" oder "Marilyn" beginnen verhältnismäßig ruhig und entwickeln sich zunehmend zu Power-Songs, die man sofort mitsingen und förmlich leben möchte.
Gut, "Mein Leben im Aschenbecher" hat mir in etwa so gut gefallen wie "Auch im Regen": vielleicht ist es der Kontrast von AnNas und Peters Stimme, der dazu führt, dass sich meine Begeisterung eher in Grenze hält. "Irgendwo dazwischen" (von "Die Suche geht weiter") hat mir trotzdem gefallen. "Mein Leben im Aschenbecher" muss man des Öfteren hören, bevor es eingängig wird. "E.N.E.R.G.I.E" könnte DIE Hymne für Peter (und alle anderen Burnout-Patienten) werden, ein musikalisch gewordener Befreiungsschlag. Die harten Beats untermalen dabei den toll geschriebenen, intelligenten Text.
Zusammen mit "Flugzeug" scheinen Rosenstolz mit "E.N.E.R.G.I.E" einen kleinen Ausflug in den "Schlager" zu machen. Die Melodie von zweitgenanntem Lied ist dabei noch toll, aber bei "Flugzeug" ist mir der "Uffda-uffda"-Rhythmus zu deutlich spürbar. Aber mit der grandiosen Ballade "Irgendwo in Berlin" ist dieses Missfallen sofort wieder vergessen. Das dezente Klavier und AnNas prägnante Stimme sorgen für ein musikalisches Highlight auf diesem Album.
Mit "Beautiful" starten die letzten sechs Minuten des Albums. Auch hier trägt ein ruhiger Ton die Atmosphäre, so dass der Zuhörer direkt in Rosenstolz' neue Welt hineinflüchten kann. Leider wird AnNas Gesang ab ca. vier Minuten durch eine/n Band/Chor unterstützt und damit der letzte Eindruck, den der Zuhörer behält, etwas demoliert, denn dieser Einsatz passt überhaupt nicht zu den vorherigen vier Minuten. Dennoch läuft bei mir "Wir sind am Leben", seit dem ich es gekauft habe, rauf und runter.
Trotz der Gefahr, dass ich mich wiederhole: Das neue Album wird für eingefleischte Rosenstolz-Fans ein neues Kleinod sein, es wird neue Fans hinzugewinnen können, aber es wird Rosenstolz-"Gegner" in ihrer Meinung bestärken.
Rosenstolz sind für mich mit "Wir sind am Leben" die Retter des sich anbahnenden Herbstes. Schöne Texte, schöne Musik, schöne Stimme - denn "Auch im Regen" kann man fröhlich sein.