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Produktinformation
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Ergebnis ihrer literarischen Feldforschung, in deren Verlauf die Autorin "consultants, coaches, key account managerinnen, programmierer, praktikanten usw." interviewte, ist ein fast ausschließlich aus indirekter Rede bestehender Text, der aus ironischer Distanz die Lebenshaltung von Arbeitsjunkies durchmisst. Ort des Geschehens, oder vielmehr Geredes, ist eine Messe, und der hier besonders spürbare Stress -- "all das short-sleeping, quick-eating und diese ganzen nummern" -- spiegelt sich in den überdrehten Berichten der Protagonisten.
Getrieben scheinen sie alle zu sein: ob nun "die praktikantin", die Schwierigkeiten des Berufseinstiegs beklagt, oder "der partner" gebetsmühlenartig von "harter bwl" und der Notwendigkeit von Entlassungen schwadroniert. Und wenn der "senior associate" über den mit Anglizismen angereicherten Berufsjargon reflektiert und meint, "auch er finde es ganz schön absurd, das ganze wording" kommt die latente Komik zum Vorschein, die dem auf bloßes Funktionieren reduzierten Welt- und Selbstbild innewohnt. Die Belustigung kippt freilich schnell in leises Grauen, wenn etwa die "key account managerin" die Totenstille ihres Handys als Bild der eigenen Unlebendigkeit begreift.
Kathrin Röggla hat schon in ihrem Berlin-Roman Irres Wetter ein genaues Gehör für Idiome und ihnen zu Grunde liegende Mentalitäten bewiesen, und die Gabe, sie in hochbrisante Literatur zu transformieren. Auch wir schlafen nicht überzeugt vor allem durch die formale Virtuosität, mit der aus den phrasenhaften sprachlichen Leerläufen der Karrieristen ein vor innerer Spannung und Überspanntheit vibrierendes Textgebäude komponiert wird: eine subtile Gruselgeschichte, von Gespenstern in Business-Kluft über sich selbst erzählt. --Mathis Zojer -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
In dem Text von Kathrin Röggla, kommen die Leute zu Wort, die Arbeit haben, die mehr als genug davon haben, d. h. nichts anderes mehr haben. Im Klartext heißt das: Sie arbeiten 14 Stunden am Tag, sie schlafen nicht, haben kein Privatleben und empfinden das Runterkommen als das Schlimmste. Es sind eine Key Account Managerin, eine Online-Redakteurin, ein IT-Supporter, ein Senior Associate und ein Partner, die sich hier meist in indirekter Rede als arbeitssüchtig und komplett entfremdet vorstellen. Selbst die Praktikantin, die für Almosen auf der Messe arbeitet, zählt zum Reigen der dem Irrsinn verfallenen Protagonisten der neuen Arbeitswelt.
Hanns Zischler und die Autorin tragen die anfangs als Interviews geplanten, dann montierten Äußerungen bar jeglicher Empathie, fast schon teilnahmslos in der indirekten Rede vor. Die Monotonie und Redundanz der Selbstdarstellung wirkt so umso stärker. Kathrin Röggla wurde für ihre Arbeit -- sie schreibt Prosa, Theaterstücke und Hörspiele -- mehrfach ausgezeichnet. Der Roman Wir schlafen nicht erschien 2004. Der Schauspieler, Regisseur und Publizist Hanns Zischler ist auch als Hörbuchinterpret bekannt.
Fazit: Bestimmt kein gängiger Genuss für die Ohren, aber ein Porträt der kranken Arbeitswelt, die ganz schön an die Nieren geht! Gekürzte Lesung, Spieldauer: ca. 81 Minuten, 1 CD. Mit Booklet. -- culture.text -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Der Arbeitskrieg
Kathrin Röggla stellt in ihrem Gesellschaftsporträt den Arbeitsidentitäten von sechs Menschen unterschiedlichen Alters und Position an die Wand, in dem sie diese auf einer Messe interviewt, wobei der Leser dabei aber nichts von den Fragen mitbekommt. Sie lässt ihre Beispielidentitäten also in direkter Form zu Wort kommen und dokumentiert so die einzelnen Phasen eines armen Angestelltenlebens; die Kamera ist immer auf Seelenhöhe, wirkt hektisch und dokumentarisch - wie im Krieg.
Und es scheint ein Krieg zu sein. Gleich einer Korrespondentin berichtet Röggla von der Rekrutierung der Arbeitssuchenden, von der Front an der die IT-Soldaten kämpfen, von den Identitätsproblemen der jungen Powerpoint-Kadetten und letztendlich auch von den Qualen der verwundeten Guerillakämpfer in den Bürolazaretten.
Dabei informiert sie die Welt durch die Augen ihrer Arbeitsjunkies. Wie Bilder von Konzentrationslagern, Massengräbern und Himmelfahrtskommandos ziehen die Eindrücke des Buches am Leser vorbei. Röggla lässt dabei nicht nur alt gediente Veteranen wie Senior Partner zu Wort kommen, sondern auch Frischlinge wie wehrdienstpflichtige Praktikanten die sich das Geld für eine Krankenversicherung nicht leisten können weil sie erst mal umsonst arbeiten müssen.
Von arroganten „düsseldorfigen „Einzelkämpfen zwischen Bewerbung, Profilierung, Konkurrenz und Untergang wird berichtet und von Massenoffensiven auf europäischen Wirtschaftsmessen. Hire und Fire wabbert bedrohlich über den Köpfen dieser Messebesucher und nicht nur die müden KeyAccount-Infanteristen versuchen irgendwie zu überleben. Die Familie fern ab in der Heimat existiert wenn überhaupt nur noch am Telefon. Stattdessen versuchen einige 24Stunden-Fighter sogar ihren konstanten Stresslevel durch mehrere gleichzeitig laufende Beziehungen aufrecht zu erhalten. In der grenzenlosen Egomanie verschwimmt das Gestern im Nebel der ununterbrochenen Sucht nach Perfektion.
Schmerz bedeutet Schwäche
Das Buch verfehlt seine Wirkung sind. Die wenigen anfänglichen Momente der Belustigung verblassen bei persönlicher Betroffenheit schnell und weichen der bitteren Erkenntnis eines verkorksten menschenunwürdigen Angestellten-Systems das nicht Macher sondern Monster schafft. Dieses System wird durch die Monologe der Betroffenen deutlich aufgezeigt. Sie sind Monster einer Welt in der Überstunden selbstverständlich im Kampf um Erfolg und Kohle geworden sind und in der das menschliche Bedürfnis des Schlafes ist nicht mehr existent; mehr noch es kategorisch ausgeklammert wird. Die Truppen der Medien und Wirtschaftswelten stehen im ewigen Wettbewerb der am wenigsten schlafenden. Man kommt aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Um 18 Uhr Feierabend machen gilt als verpönt wenn nicht sogar gleich als völlig unvorstellbar. Das Körpergefühl weicht den immer wiederkehrenden Zyklen von Meetings und Messen und Schmerz bedeutet Schwäche.
Wenn dann von den nackten Zahlen der Krankheitsfälle, Therapieopfern und sogar Toten die Rede ist stellt sich auch beim letzten Leser das nackte Grausen dieses technologischen Krieges ein; der Wahrheitsgehalt spielt dabei deshalb keine Rolle weil man ahnt das die Dunkelziffern noch viel größer sind.
Das Buch ist kein Roman, man könnte es eher als eine Dokumentation bezeichnen. Es wird weder gewertet noch drängt sich ein Fazit der Autorin auf. Jedoch ist der Stil von „wir schlafen nicht" durchaus gewöhnungsbedürftig.
Während Röggla auf knapp 220 Seiten das kollektive Zombietum der heutigen Arbeitsnehmer in einer unverschämt unverblümten Weise entlarvt bekommt man das Gefühl der Text wäre ein einziges Transkript; ohne jedoch die lautlichen Kommentare. Sie hat einfach „mitlaufen lassen". Nichts wirkt beschönigt, überzogen und gewollt reißerisch. Das Buch ist so ehrlich; man könnte brechen.
Der Text lebt nicht
Stilistisch fällt vor allem die konsequente Kleinschreibung aller Wörter auf. Eine zeit- und gedankensparende Art des Schreibens, die nackt, kühl und ohne Individualität ihren konditionierten Workaholics den Spiegel vorhält.
Aber auch das belastende Format der unzähligen Gedankenstriche macht den zweifelhaften Lesegenuss durchaus schwer. Denn oftmals ertappt man sich dabei nur so über den Text zu fliegen. Die Oberflächlichkeit gewinnt, man hat keine Buchstaben an die man sich klammern oder aufreiben kann. Der Text lebt nicht!
Auch das Fehlen eines gewohnten Handlungsstranges oder die detaillierte Darstellung der Charaktere lässt auf sich warten. Zwar versuchen die stichpunktartigen Kapitelüberschriften die Themen irgendwie einzuordnen, doch bis auf den gedanklichen Zwischenstopp der sich dem Leser so bietet, bringen diese Einschnitte wenig. Das Buch ist kühl, so kühl wie die verglasten Bürobaracken der Excel-Sturmtruppen, darüber können auch der rote hochwertige Hardcovereinband und das Lesebändchen nicht hinwegtäuschen.
Was nach der Reportage bleibt ist der wie nach einer Gehirnwäsche einzementierte Wille etwas ändern zu wollen. Doch bereits nach wenigen Gedanken an eine Revolution, die ja bekanntlich ihre Kinder frisst, muss man sich eingestehen dass es wohl in diesem Jahrhundert nicht mehr viel Neues im Westen geben wird.
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