William Easterly, Ökonomieprofessor und langjähriger Mitarbeiter der Weltbank, ist einer der besten Kenner der westlichen Entwicklungshilfe. Das Urteil, zu dem er in seinem Buch "The White Man's Burden" gelangt, wiegt daher schwer. (Der deutsche Titel "Wir retten die Welt zu Tode. Für ein professionelleres Management im Kampf gegen die Armut" ist eine Kreation des Campus-Verlages, die offenbar den Zweck hat, die vom Autor beabsichtigte Provokation zu unterschlagen). Unverblümt stellt Easterly fest, dass die Bemühungen des Westens, die Armut in der Dritten Welt zu bekämpfen, fast vollständig gescheitert sind.
Innerhalb der letzten fünfzig Jahre brachten die Industrieländer die unvorstellbare Summe von 2,3 Billionen (2.300.000.000.000) Dollar für Entwicklungshilfe auf. Gleichzeitig gelang es ihnen nicht, 12 Cent teure Medikamente zur Verfügung zu stellen, die der Hälfte aller an Malaria erkrankten Kinder das Leben gerettet hätten. Die Industrieländer brachten 2,3 Billionen Dollar für Entwicklungshilfe auf und waren nicht in der Lage, vier Dollar teure Insektennetze zur Verfügung zu stellen, die verhindert hätten, dass Millionen von Kindern an Malaria erkranken. Die Industrieländer brachten 2,3 Billionen Dollar für Entwicklungshilfe auf und konnten nicht verhindern, dass fünf Millionen Neugeborene starben, die beim Einsatz von drei Dollar pro Mutter hätten gerettet werden können.
Dabei ist die Lage in Wirklichkeit noch schlimmer als diese Angaben vermuten lassen. Die westliche Hilfe ist nämlich nicht nur ineffektiv, sondern sogar schädlich. Sie hat die Situation vieler Länder objektiv VERSCHLECHTERT. Statistisch lässt sich belegen, dass Entwicklungshilfe, die ein bestimmtes Maß überschreitet (8 % des Bruttosozialprodukts), das Wirtschaftswachstum des Empfängers VERRINGERT. (Das durchschnittliche afrikanische Land erhielt in den neunziger Jahren Zahlungen im Wert von über 15% seines Bruttosozialprodukts).
Auch der Demokratisierungsprozess litt unter diesen Wohltaten. Paul Biya, der Diktator Kameruns, bestreitet zur Zeit 41% seines Staatsbudgets aus Entwicklungshilfegeldern. Würden die gegenwärtigen Pläne zur Erhöhung der Hilfe realisiert, stiege dieser Anteil auf 55%. Ohne Entwicklungshilfe wäre die Welt um ein paar Diktatoren ärmer.
Stellt man zudem noch in Rechnung, dass Südkorea und Taiwan sich zu industriellen Giganten entwickeln konnten, obwohl sie so gut wie keine Entwicklungshilfe erhielten, müsste man eigentlich zu dem Schluss kommen, dass die Unterstützung für die Dritte Welt eingestellt werden sollte. Nur weil er glaubt, die Ursachen der bisherigen Fehlschläge erkannt zu haben, möchte Easterly sich dieser Forderung nicht anschließen.
Die Entwicklungshilfe hat nicht versagt, so meint er, weil es ihr an Geld oder politischem Rückhalt mangelte, sondern weil ihr Ausgangspunkt falsch war. Über Jahrzehnte hinweg strebte sie danach, die Armut des Südens mit ehrgeizigen Grossprojekten gänzlich zu beseitigen. Diese Haltung beruhte auf der Überzeugung, dass der Weiße Mann die Probleme unterentwickelter Länder besser lösen kann als deren Einwohner. Glaubte er früher, die farbige Menschheit zivilisieren zu müssen, indem er ihre Länder besetzte und selbst verwaltete, so will er heute "Hilfe zur Selbsthilfe" leisten, um damit Wirtschaftswachstum und Demokratie nach seinem Bilde zu erzeugen. Während das Etikett bescheidener wurde, hat sich am Größenwahn, der dahinter steht, nichts geändert.
Diese Einstellung brachte einen ehrgeizigen Plan nach dem anderen hervor, - alle am grünen Tisch entworfen, an einer Vielzahl vager Ziele ausgerichtet, mit horrenden Summen finanziert, mit gewaltigem bürokratischen Aufwand, aber ohne Erfolgskontrollen umgesetzt, und stillschweigend zu den Akten gelegt, nachdem sie an der Realität gescheitert waren. So gelang es den Entwicklungsbürokraten im Laufe der Jahrzehnte sämtliche Fehler sozialistischer Planwirtschaften im kleinen Maßstab zu reproduzieren.
Ein anschauliches Beispiel dafür sind die in jüngster Zeit unternommenen AIDS-Kampagnen. Nachdem die WHO die Ausbreitung von HIV jahrzehntelang verschlief und zuließ, dass sich 29 Millionen Afrikaner damit infizierten, verfolgt sie nun ein Programm, in dessen Rahmen 4,5 Milliarden Dollar ausgegeben werden sollen, um die Lebensdauer von 3 Millionen AIDS-Kranken um ein Jahr zu VERLÄNGERN. Würde man das gleiche Geld für Prävention ausgeben, könnte man bis zu 15 Millionen Menschenleben RETTEN. Diese Politik bedeutet eine Vergeudung knapper Ressourcen und wird dazu beitragen, dass HIV sich weiterhin rasant verbreiten kann.
Easterly zufolge ist die traurige Geschichte kontraproduktiver Verschwendung nur zu beenden, wenn sich die geistigen Voraussetzungen der Entwicklungshilfe ändern. Am Anfang müsse das klare Bewusstsein der eigenen Grenzen stehen: DER WEIßE MANN KANN DIE FARBIGE WELT WEDER RETTEN, NOCH ZIVILISIEREN, NOCH MODERNISIEREN, NOCH DEMOKRATISIEREN. DIE EINZIGEN, DIE DIE ARMUT BESIEGEN KÖNNEN, SIND DIE ARMEN SELBST.
Der Westen könne lediglich versuchen, die schlimmsten Misstände zu lindern, bis sich die Völker des Südens aus eigener Kraft entwickelten. Seine Hilfe werde umso effektiver sein, je konkreter sie ansetze, je mehr sie aus der Kenntnis lokaler Bedingungen erwachse und je mehr sie einer unabhängigen Erfolgskontrolle unterliege. Zu diesem Zweck sollten die allwissenden "Planer" unter den Entwickungsbürokraten durch "Sucher" ersetzt werden, die ständig bereit seien, ihre eigenen Vorstellungen zu hinterfragen und aus neuen Erfahrungen zu lernen. Großprojekte, ehrgeizige Generallösungen und langfristige Szenarien gehörten auf den Müllhaufen. "Idealisten, Aktivisten, Entwicklungshelfer der Welt, ihr habt nichts zu verlieren als eure utopischen Ketten." Das Ziel aller Maßnahmen müsse darin bestehen, Individuen zu helfen, nicht ganze Gesellschaften zu verändern.
Easterlys Vorschläge klingen so überzeugend, dass sie optimistisch stimmen könnten, würde er - freilich ohne sich dessen bewusst zu werden - in seinem Buch nicht selbst die Gründe anführen, die ihrer Umsetzung entgegenstehen. Gemessen an ihrer Wirkung auf das Selbstverständnis des Westens war die Entwicklungshilfe nämlich alles andere als erfolglos. Dem Weißen Mann die Möglichkeit verschafft zu haben, sich als Weltsamariter aufzuspielen, ist eine beachtliche Leistung, die mit 2,3 Billionen Dollar vermutlich nicht zu teuer erkauft wurde.
Erkennt man, dass der eigentliche Adressat der Entwicklungshilfe die westliche Öffentlichkeit war, verwandeln sich all ihre Fehlschläge in märchenhafte Triumphe. Ihre praktische Ineffizienz war kein Betriebsunfall, sondern gehörte zum System. Wer kann den Entwicklungsbürokraten die Misswirtschaft schon verdenken, wenn ihr Geldgeber sich mehr für utopische Visionen als für handgreifliche Resultate begeisterte? Jahrzehntelang erhielt der Kunde wonach er verlangte.
Da es schwer fällt zu glauben, dass die westliche Öffentlichkeit bereit sein könnte, auf ihre Allmachtsphantasien und ihre Rolle als Welterlöser zu verzichten, werden die Armen des Südens wohl auch in Zukunft keine Hilfe erhalten, die diesen Namen verdient.