Die Autoren sind Experten: Halm Friebe ist Werbeprofi, Sascha Logo ist auch als Rentenexperte talkshowerprobt. Beide wissen um den Markt für eingängige Begriffe - wie die diversen Generationen (Praktikum, Golf, X, Donnersmarck) - und bedienen die Nachfrage. Das ist nicht zu kritisieren: Showbusiness ist eben auch Business. Mit der digitalen Boheme liefern sie einen kapitalen Vierbeiner, der nun fröhlich durchs mediale Dorf getrieben wird, obwohl er bislang nicht viel Gewicht auf die Waage bringt. Die digitale Boheme gewinnt ihre Konturen vor allem in der Abgrenzung zu einem überzeichneten Popanz, dem Angestellten. Dass die digitale Boheme in dieser Anordnung Spiel, Satz und Sieg für sich verbuchen kann, ist keine Überraschung. Dagegen setzen die Autoren ein so unscharfes Idealbild der "digitalen Boheme", dass selbst Robert Lembkes Rateteam am Versuch gescheitert wäre, den einzelnen 'Happy Digit' zu enttarnen.
Die Kurzbiographien der Autoren verzeichnen keine länger als sieben Monate währenden Phasen in Festanstellung. Anders als Angestellte entgingen sie deshalb offenbar dem "Prozess der strukturellen Verblödung" (S. 54), der selbstverschuldet ist, da diese die "gesamte Lebenssituation nach Feierabend mit dem spitzen Bleistift" (S.46) durchkalkulieren. Ehrlich: so schablonenartig steht das da, ein Still-leben nach Kracauers Studie Die Angestellten (1930). Dass offenbar 100 Prozent der befragten Festangestellten im Freundeskreis (S. 14) nicht ins Raster passen, bleibt ein Problem der Empirie, mit dem sich die Autoren nicht weiter belasten. Was nicht passt, bleibt ohnehin draußen vor der Tür. Einen Link zu Studie Die Arbeitslosen von Marienthal (Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel, 1933) sucht man vergeblich.
Die Autoren distanzieren sich verschiedentlich von neuliberalen Positionen, wohl aus ästhetischen Gründen. In der Sache lässt sich das Buch aber nahtlos in wenig egalitäre Argumentationsmuster einfügen. Ausbeutung lässt sich gerade in Arbeitsverhältnissen jenseits der Festanstellung organisieren, in der Regel sogar billiger. Ob es - wie suggeriert - ein Freiheitsgewinn ist, einen Dienstvertrag gegen wechselnde Werkverträge zu tauschen, kann bezweifelt werden. Auch dürfte es vielen Erwerbslosen sauer aufstoßen, wenn die Freiheit vom Normalarbeitsplatz zum emanzipatorischen Projekt verklärt wird. Das ist aber auch egal, denn "wie das im Einzelnen in der Zukunft funktionieren wird, ist uns selbst in vielen Punkten noch unklar" (S. 17). Klar. Dennoch wird weder an mehr oder weniger überlegten Ratschlägen noch an launigen Bewertungen von Menschen und Organisationen gespart. Weniger wäre da mehr gewesen.
Seine Stärken hat das Buch in den Passagen, in denen die Leser(innen) auf eine Reise per Anhalter durch die wunderbare Welt des Web 2.0 geschickt werden. Diese Passagen sind trotz vieler Wiederholungen oft informativ und unterhaltsam. Nicht zuletzt findet man eine Menge neuer Begriffe (Boho, Bubu, Grup), mit denen man aus Rücksicht auf das persönliche Umfeld im täglichen Leben aber sparsam umgehen sollte.
Ob die digitale Boheme noch an Substanz gewinnt, wird zu beobachten sein. Heinz Sielmann, übernehmen sie!