Ziegler macht zunächst auf verhältnismäßig unscheinbare Probleme aufmerksam. Oft könne mit relativ geringem Aufwand Ursachen für Hungerkatastrophen beseitigt werden. Einfache Bewässerungssysteme beenden das Ausgeliefertsein an Witterungsextreme. Wanderheuschrecken, die immer wieder Ernten vernichten, könne man kostengünstig mit Insektiziden entgegengewirken. Ebenso würden solide Lagersysteme verhindern, dass Getreidereserven verderben oder durch Tiere angegriffen werden. Die nötige Infrastruktur kann bei Dürren die Versorgung sichern. Etc. Ein ausreichender politischer Wille könne hier viel bewirken.
Des Weiteren greift Ziegler das Thema Korruption auf. Er führt als Beispiel Indien an, wo regionale Verantwortungsträger immer wieder in Notzeiten Auslieferungen blockieren, um so die Preise nach oben zu treiben.
In einem interessanten geistesgeschichtlichen Exkurs geht Ziegler auf die Suche nach der Wurzel der modernen Gleichgültigkeit des Westens gegenüber der Not der armen Teile der eigenen sowie der Weltbevölkerung insgesamt. Er sieht die Wurzeln in der unkritischen Übertragung naturalistischer Denkansätze auf gesellschaftliche Fragen. So sei in Malthus Theorie vom Bevölkerungswachstum Unterernährung nicht mehr etwas, gegen das sich Menschen, die die Mittel dazu haben, engagieren müssen, sondern im Gegenteil ein notwendiges Übel, wenn Überbevölkerung nicht zu einer Hungerkatastrophe für die ganze Menschheit führen soll. Ganz ähnliche Denkansätze gab es u.a. seitens Adam Smith, D. Ricardo, E. Haeckel, H. Spencer, Ch. Darwin. Diese Art zu denken- so Ziegler - hätte schließlich zu den Exzessen des Sozialdarwinismus, Raubtierkapitalismus, skrupelloser kolonialer Ausbeutung geführt. Erst nach der Katastrophe des 2. WK hätte nach und nach ein Umdenken eingesetzt. Doch bis heute gibt es weitverbreitete Vorstellungen, dass bspw. die Zahlung von Hungerlöhnen in armen Ländern unter ökonomischen Gesichtspunkten alternativlos wäre.
Besonders harsche Kritik erfahren schließlich die Nahrungsmittelkonzerne. Diese hätten oft die gesamte Produktions- und Logistikkette unter Kontrolle - von der Saatgutproduktion über die Herstellung von Pestiziden, Fungiziden, Düngemitteln usw. bis hin zur Auslieferung - und könnten so Marktmengen nach belieben beeinflussen. Hier würden Oligopole ihre Marktmacht zur Preistreiberei und Schaffung fast schon irreversibler Abhängigkeiten benutzen. "Lediglich zehn Unternehmen - darunter Aventis, Monsanto, Pioneer, Syngenta - beherrschen ein Drittel des Saatgutmarktes, dessen Umsatz mit 23 Mrd. Dollar im Jahr beziffert wird, und 80 Prozent des Pestizidmarktes, den man auf 28 Mrd. Dollar schätzt. Zehn weitere Konzerne, darunter Cargill, kontrollieren 57 Prozent des Absatzes der dreißig größten Einzelhandelsketten der Welt und kommen auf 37 Prozent der Einnahmen, die die hundert größten Lebensmittel- und Getränkekonzerne erwirtschaften."
Ebenso problematisch seien Hedgefonds, die sich auf Agrarprodukte spezialisiert haben. Auch sie arbeiten nach dem Prinzip "Gewinnerzielung durch Erhöhung des Nachfragedrucks" - sei es durch die Initiierung von Spekulationsspiralen oder künstliche Verknappung. "Landgrabbing" sei eine Problematik, die oft damit im Zusammenhang steht. Angesichts des Bevölkerungswachstums sieht man einen kontinuierlichen Anstieg der Preise für Grund und Boden voraus. Dieser wird somit zum begehrten Objekt für Investitionen. Doch dies treibt die Preise zusätzlich nach oben.
Als wäre all dies nicht schon schlimm genug, nutzt der Westen einen Großteil der Landwirtschaft neuerdings zur Herstellung von Bio-Kraftstoffen. Hier gerät auch Obama ins Visier des Autors, da dieser in den USA mit seiner Politik den großflächigen Maisanbau vorbehaltlos unterstützt.
FAO und WFP bescheinigt Ziegler guten Willen, aber - da durch das Agieren von IWF, Weltbank und WTO oft konterkariert - wenig Effektivität. Das WFP müsse sich außerdem zum Grundsatz machen, Nahrungsmittel, etwa Getreide, am Markt zu kaufen und ggf. zu verkaufen, statt einfach Produktionsüberschüsse zu verteilen und so einheimische Märkte zu gefährden.
IWF, WTO und in geringerem Maße die Weltbank bezeichnet Ziegler als die "drei apokalyptischen Reiter". Mit ihrem überzogenen Druck zur Konsolidierung der Staatshaushalte würden sie den Abbau notwendiger Verwaltungskapazitäten erzwingen, sowie eine Privatisierung in Bereichen wie Bildung, Gesundheitsfürsorge, Wasserversorgung, was dann zu einem Ausschluss der armen Bevölkerungsschichten führen würde. Die Durchsetzung der Freihandelsdoktrin - Abbau von Subventionen, Privatisierung staatlicher Produktionsbetriebe, Abbau von Zöllen - führe dazu, dass die zarten Pflänzchen einheimischer Industrialisierung unter dem internationalen Konkurrenzdruck zerstört würden. Besonders fatal ist, dass die reichen Länder gerade in dem Marktsegment, in dem ärmere Länder die Chance der Konkurrenzfähigkeit hätten - in der Landwirtschaft - massiv die einheimische Produktion subventionieren.
Ziegler, der sich selbst als Kommunist bezeichnet und jüngst für seine allzu unkritischen, freundschaftlichen Kontakte zu Leuten wie Gaddafi oder Mugabe in der Kritik stand, ist ein kantiger Zeitgenosse, der kein Blatt vor den Mund nimmt und keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass er sie nicht mag: die "Spekulations-Banditen", "Tigerhaie" und "Bank-Halunken" -"Raubgesindel", das zur Aufrechterhaltung der "kanibalischen Weltordnung" beiträgt. "Wir benötigen ein Nürnberger Tribunal für diejenigen, die Verantwortlich dafür sind, dass alle 5 Sekunden ein Kind an Unterernährung stirbt", so Ziegler.
Der ehem. UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung war befreundet mit Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Che Guevara, lehrte als Professor in Genf und Paris Soziologie. Oft überspannt er den Bogen und ist zu einseitig.
Die "Grüne Revolution" bspw. hat besonders in Asien sicher dazu beigetragen, dass Hunger reduziert werden konnte. Die Reiserträge pro Hektar konnten in Ländern wie Indien, Indonesien, Philippinen, Vietnam nach Einführung neu entwickelter Sorten im Schnitt verdoppelt werden. Es käme wie so oft darauf an, die guten Effekte zu nutzen und die negativen - Abhängigkeit von Konzernen durch steriles Saatgut, hoher Pestizid und Insektizideinsatz, Zerstörung der Existenz von Kleinbauern usw. - abzustellen.
Auch der auf Konsolidierung gerichtete Kurs des IWF ist nicht nur schlecht, um nicht zu sagen alternativlos. Er darf nur nicht so rigide verfolgt werden, dass die sozial Schwachen über Gebühr darunter zu leiden haben. Etc. Etc.
Das viele wichtige Ansätze in Zieglers Büchern kontinuierlich unterbelichtet bleiben, ist ein weiterer Punkt. Doch dies muss man ihm nicht vorwerfen. Sachs, Sen, Stiglitz, Diamond, Collier, Yunus, Duflo und Banerjee oder auch Polman, Kämpchen, Seitz - sie alle gehen das Thema Entwicklungshilfe in ihren jüngsten Publikationen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen an. Sie alle haben wichtiges zu sagen. In erster Linie liegt die Verantwortung für Entwicklung bei den armen Ländern selber. Und es ist auch nicht zu übersehen, wie Intelligenz und Engagement unzähliger Menschen - allen widrigen Umständen zum Trotz - hier gerade in den letzten Jahren signifikante Fortschritte bewirkt haben.
Dennoch hat Ziegler vom Grundsatz her recht und sein Furor und seine Leidenschaft sind der Sache durchaus angemessen. Das allzu oft skrupellose Geschäftsgebaren westlicher Unternehmen und Regierungen ist ein Skandal. Nicht weniger die Gleichgültigkeit und der Mangel an intelligenter, gezielter, konzertierter und nachhaltiger Unterstützung. Mit Schaudern verfolgt man, wie viel Zeit, Engagement und Energie die Gutmenschen in unseren Breiten in Proteste gegen Stuttgart 21 oder Berlin Schönefeld investieren, während sie für die eigentlichen Probleme dieser Welt weitgehend blind zu sein scheinen. Die Wut der Weltverbesserer und Moralisten entlädt sich an den Doktorarbeiten unliebsamer Politiker. Die Piratenpartei kanalisiert einen erstaunlich verbreiteten, neuen Willen, politisch aktiv zu werden .... doch wofür?
Schon 1970 formulierten die reichen Industrieländer im Rahmen der UNO das Ziel, 0,7 Prozent Ihres BIP für Entwicklungshilfe einzusetzen. 2010 brachte es Deutschland gerade mal auf 0,4 Prozent. Wer protestiert dagegen? Welche Summen konnten im Kontext der Finanzkrise aufgebracht werden. Die Organisation Greenpeace hat völlig recht, wenn sie den Regierungen der reichen Länder ins Stammbuch schreibt: Wäre die Welt eine Bank, Ihr hättet sie schon gerettet.