Jahr für Jahr erreichen wir den Punkt an dem wir die uns durchschnittlich zur Verfügung stehenden Ressourcen verbraucht haben früher, nicht um Stunden oder Tage, sondern Wochen, fast bereits Monate. Dramatischer könnte dieser Wandel kaum ausfallen, doch Einschränkungen in unserem Alltagsleben mussten wir bisher noch kaum erdulden, zwangsläufig dürfte uns das aber kaum erspart bleiben. "Wir konsumieren uns zu Tode" konstatieren der Augsburger Universitätsprofessor für Ressourcenstrategie Dr. Armin Reller und taz-Umweltredakteurin Heike Holdinghausen und so lautet auch der Titel ihres gemeinsam verfassten Werks über unseren alltäglichen Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen. Interessierte Leser seien jetzt schon gewarnt, die Lektüre kann durchaus zu pessimistischer Gemütsverstimmung führen.
Gewählt haben Holdinghausen und Reller für ihre Ausführungen das Beispiels eines typischen Paars mitte 40 das sich in seiner Wohnung gerade auf kommenden Besuch und ein gemeinsames Abendessen vorbereitet. Von den Vorbereitungen für dieses Essen und den Empfang der Besucher aus lädt das Autorenteam zu einem Streifzug durch eine Vielzahl von Themen ein, die uns zwar im Alltag betreffen und von hoher Dringlichkeit sind, die wir aber gerne verdrängen um überhaupt ohne permanent schlechtes Gewissen leben zu können. Es sind bekannte und doch unliebsame Wahrheiten auf die von Seiten des Autoren-Gespanns hingewiesen wird, nur dass diese überraschend tiefgehend behandelt werden. Anstatt der schon gefühlte Ewigkeiten bekannten Argumentation bringen Holdinghausen und Reller etwa im Zusammenhang mit der immanenten Wichtigkeit des fossilen Rohöls für fast alle Bereiche unseres Lebens das bei aller Kritik an Ölmultis, Förderstaaten und Außenpolitik, den unangenehmen Fakt aufs Tapet dass unsere Sicht auf den Rohstoff Öl vielleicht zu einseitig ist. Man denkt an Öl als Energieträger, nicht jedoch daran dass Ölpräparate auch ein essentieller Bestandteil der modernen Medizin sind. Den Rohstoff den wir also auch dafür benötigen um Leben zu retten und zu erhalten, den verbrennen wir.
Bewusst machen sollte uns die Problematik unseres Umgangs mit Ressourcen auch ein ganz anderes Thema, bei dem man die Gefahr eigentlich als gebannt angesehen hätte, der dramatischen Lage des Waldes. Denn in Mitteleuropa wird es durch den Klima wärmer und jeder Veränderung Klimas folgen neue Schädlinge, was den Erhalt des Waldbestandes zu einer komplexen Aufgabe werden lässt, die man nicht unterschätzen sollte. Angesichts der von Holdinghausen und Reller vorgebrachten Probleme fühlt man sich als Leser vielleicht zeitweise regelrecht erschlagen, es ist so vieles, zu vieles das unsere moderne Lebenswelt bedroht, doch auch das Autoren-Gespann gibt zu dass die Konfliktlinien längst unübersichtlich geworden sind. Man ist also mit Frustration über den Status quo und bereits wütende wie nahende Krisen und Katastrophen nicht allein.
Wie uns kurzfristige "Output-Maximierung" schon mittelfristig wieder auf den Kopf fallen kann illustriert das Beispiel der Phosphat-Nutzung in der modernen Landwirtschaft. Was ihr als Dünger einen enormen Sprung vorwärts erlaubt hat entpuppt sich zunehmend nicht nur als Zeitbombe die als schleichendes Gift wirkt, sondern basiert zudem wieder nur auf einer erschöpfbaren Ressource. Der Braten im Ofen des demonstrativen Durchschnittspaares führt sogar zu einer Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Praxis in der Mast- und Tierhaltung.
Gibt es überhaupt noch eine Hoffnung, wenn sogar das für unsere digitalen Technologien unverzichtbare Lithium eine nicht erneuerbare Ressource ist oder ist aller Fortschritt auf lange Sicht vergeblich? Gerade Bücher die unsere Konsumkultur einer intensiven Gegenwartskritik unterziehen und düstere Wolken für die Zukunft aufzeichnen sollen doch auch einem Zweck dienen, nämlich Auswege aufzeichnen. Einen solchen bieten Holdinghausen und Reller erst relativ spät an. Somit steht das Buch nicht im Zeichen einer großen Vision wie sich die Welt retten lässt, sondern über weite Strecken bleibt es bei der Vermittlung einer Dystopie und schlägt damit einen eher negativen, pessimistischen Ton an, aus dem es "aber dann doch" einen Ausweg geben kann, neben einer Umstellung unserer Konsumgewohnheiten vor allem einem radikalen Umdenken. Müssen wir Konsumenten etwa wirklich die Last der Entsorgung unserer "Abfälle" tragen oder wäre diese nicht viel besser bei den Produzenten zu verorten? Gerade vor dem Hintergrund möglichen Ressourcenmangels und weil Müll oft auch nur verbrannt wird eine spannende Frage, immerhin wäre Recycling eine Möglichkeit auch manchen sonst unter Ressourcenknappheit leidenden Wirtschaftskreislauf nach dem jeweiligen Peak am Laufen zu halten. Statt der Schreckensvision eines "Keine Handys mehr" wegen einer Explosion der Lithium-Preise also ein vom Produzenten oder zumindest Zwischenhändler getragenes Rückgabe-System für das alte schließlich auszuschlachtende Modell.
- Resümee -
Plastik, Öl, Genfood, Masttierhaltung, Überdüngung, die Folgen des Klimawandels und die tragische Wahrheit dass einige unsere technologischen, wissenschaftlichen und medizinischen Fortschritte auf Ressourcen basieren die eben nicht erneuerbar und in letzter Konsequenz irgendwann erschöpft sein werden - die Vielfalt der Themen denen sich Heike Holdinghausen und Armin Reller in "Wir konsumieren uns zu Tode" angenommen haben ist beachtlich und geht manchmal wohl aufgrund des Hintergrundwissens der beiden mehr in die Tiefe als andere Autoren. Das als roter Faden dienende Beispiel eines "Durchschnittshaushalts" ist treffend gewählt und funktioniert sehr gut als Mittel zur Einführung in die Hintergründe unseres alltäglichen Konsums. Dabei ist der Schreibstil des Buchs angenehm lesbar, also nicht mit Fachjargon und dem damit oft einhergehenden kompliziert-wissenschaftlichen Formulierungen überfrachtet. Eindringlichkeit und somit auch Verständlichkeit sind schließlich "das" Anliegen dieses Werks.