Anfang der 1990er Jahre im unterkühlten deutschen Norden: Zwei Brüder im betagten Pritschenwagen sind auf dem Weg nach Osten -- genauer gesagt: Kipp (Joachim Król) und Moss (Horst Krause), beide des Lesens unkundig und auch sonst keine Nobelpreis-Anwärter, wollen ihr Erbe besichtigen: Oma soll ihnen ein Gut bei Schwerin vermacht haben.
Nun sind Kipp und Moss zwar nicht die Hellsten, aber sie haben Charakter: Kipp hat im Heim weltmännische Umgangsformen und Fachkenntnisse in der Schweinehaltung erworben, während Moss zwar wortkarg, aber beileibe nicht auf den Mund gefallen ist und seinen Sinn aufs Wesentliche richtet. Leider scheitern sie beide am Entziffern von Wegweisern... Das Roadmovie der etwas anderen Art kann also losgehen.
Wie man sich denken kann, verläuft die große Fahrt in die ebenso große Zukunft nicht ganz reibungslos: Schon in der ersten Nacht nimmt sie der russische Deserteur Viktor (Konstantin Kotljarov) in grober Verkennung der Tatsachen als Geiseln -- und erweist sich mit seiner Kalaschnikow als willkommener Reisegefährte, als eine Horde Neonazis das schräge Trio in die Mache nehmen will. Zu erklären, dass ab sofort Leichen den Weg der drei pflastern, ist nicht übertrieben.
Natürlich braut sich über den bald unzertrennlichen Drei ein wüstes Gewitter zusammen, personifiziert von einem Kommandeur der Roten Armee, einem wortkargen Kommissar in knallharter Clint-Eastwood-Manier (Heinrich Giskes) und einigen rachedurstigen Neonazi-Kameraden. So ziemlich ganz Mecklenburg-Vorpommern ist ihnen auf den Fersen, aber davon haben sie keine Ahnung, während sie sich auf allerlei Umwegen ihrem Ziel nähern (Viktor kann zwar lesen, aber leider nur Russisch) und unterwegs noch einige arme Schweinchen aus unsachgemäßer Haltung befreien, zu den Klängen eines coolen Herrenoberbekleidungs-Shuffles Viktor zu Zivilkleidung verhelfen, einem windigen Bootsverkäufer auf den Leim gehen, einem schicken Autohändler als letzte Erkenntnis seines Lebens mitgeben, dass sie "auch anders" können, und noch einiges mehr. Und natürlich kommt am Ende noch eine schöne Frau (Sophie Rois) ins Spiel.
Weiter will ich nichts über den Plot mitteilen, außer vielleicht Kipps kluge Erkenntnis "Es gibt ja so viele schöne Länder!"
Mit "Wir können auch anders" hat Detlev Buck das witzigste deutsche Roadmovie überhaupt gedreht, und einen der witzigsten deutschen Filme der letzten 20 Jahre (mindestens!) auch. Er widersteht der Versuchung, aus der grellen Ausgangssituation eine Klamaukorgie zu machen; stattdessen durchzieht ein unterkühlter, lakonischer Witz den ganzen Film, und die furztrockenen Dialoge sind allein schon der reine Genuss.
Der lakonische Witz funktioniert aber auch ohne Worte: Etwa wenn der Kommissar gewichtig zu Minimalisten-Rhythm'n'Blues durch seine Amtsräume pest, oder wenn das Erscheinen der drei Outlaws, die garnicht mitgekriegt haben, dass sie Outlaws sind, rechtsradikale Schläger und ausgewachsene Schäferhunde in winselnde Schoßhündchen verwandelt, oder wenn der mittlerweile arg mitgenommene Kranz für Omas Grab bei günstiger Gelegenheit durch bessere Ware ersetzt wird. Auch die kleinen feinen Einzelszenen sind den Dialogen ebenbürtig; der Esprit steckt hier auch im kleinsten Detail.
Ein Roadmovie also, und gleichzeitig eine lakonische Parodie aufs Genre -- nicht nur Clint Eastwood kriegt hier sein Fett ab. Im Soundtrack machen sich Detlef Petersen und seine Band derweil mit gediegenem Minimalismus über barock instrumentierte "Tatort"-Melodien her, und der dank Viktor allgegenwärtige schmissige sowjetische Militärmarsch "N' Put!" erlebt hier ungeahnte Variationen von flottem Foxtrot bis Rotz-Punk.
"Wir können auch anders" ist ganz einfach rundum gelungen; hier stimmt alles: Die brillanten Leistungen der Schauspieler, allen voran Joachim Król, Horst Krause und Heinrich Giskes; der lakonische Witz der Dialoge und Einzelszenen; die im allgemeinen ruhige Kameraeinstellung mit ihren überraschenden Schwenks, die maßgeschneiderte Musik... Nur die Bildqualität der DVD könnte besser sein, aber dafür können sie alle nichts, die am Zustandekommen dieses Prachtstücks beteiligt waren.