Beginnen wir doch einfach mal mit einer strengen Behauptung: Unsere Libido und unsere Einstellung zur Sexualität basieren viel zu oft auf Fehlinformationen, Missverständnissen, auf seltsamer Erziehung, auf von Medien geformter Lust. Sexualität heute ist nur noch selten eine ausschließlich intime Erfahrung. Viel öfter orientieren wir uns an Sexratgebern, Internetforen und YouPorn. Mittlerweile wissen wir alles Mögliche über Sex, wie er funktioniert, wie man ihn besser macht, was man auf keinen Fall tun sollte. Und doch wissen wir eigentlich überhaupt nichts.
Aber nicht nur das: Die freie Verfügbarkeit von Sex und pornografischem Material setzt uns alle fürchterlich unter Druck. Die fünfzehnjährige Schülerin glaubt bereits, zum ersten Date gehört Oralsex schon irgendwie dazu. Und so lässt sie sich drauf ein, aber nicht, weil sie Lust drauf hat, sondern weil sie besonders gut sein will. Da träumen pubertierende Jungs von Gang-Bang-Partys, weil sie das von YouPorn kennen und für Normalität halten, und stellen dann enttäuscht fest: In der Realität kommt das eher selten vor.
Sexualität ist schwieriger geworden, als Geld zu verdienen. Da macht der eine gleich nach dem Abitur schon einen Haufen Schotter mit irgendwelchen Web-2.o-Anwendungen, und man selbst spült immer noch Gläser in der Kneipe, um die Miete zu bezahlen. Während wir uns ständig privat und beruflich mit Freunden, ehemaligen Schulkameraden, Kommilitonen und Kollegen vergleichen, konkurrieren wir auch in puncto Sex mit anderen. Wir wollen mithalten können. Wir wollen genauso gut sein. Wir wollen besser sein. Wir messen uns an den Erzählungen der anderen.
Viele Ratgeber hauen genau in diese Kerbe und liefern die Anleitung für den »perfekten Sex«, Sex für »Könner« und »Fortgeschrittene«. Sexualität wird heute auf Leistung getrimmt. Durchhaltevermögen und multiple Orgasmen sind mittlerweile Pflicht. Unsere Libido wird zum Statussymbol und Sexualität als Ausdruck eines gesunden Selbstwertgefühls und hoher Leistungsfähigkeit regelrecht zur Schau gestellt.
Nur warum sollen wir unser Sexleben überhaupt perfektionieren? Wollen wir Lust empfinden oder zu Leistungskurslern in Sachen Sex werden? Geht es um Befriedigung oder nur noch darum, das Ganze möglichst perfekt über die Bühne zu bringen? Geht es um Lust und Intimität, oder zählt nur das Gelernte, Geübte und Gekonnte?
Wir kennen Analsex, Gang-Bang-Partys und BDSM erst mal aus dem Internet, lange bevor wir es selbst ausprobiert haben. Wenn überhaupt. Dort finden wir alles, unbegrenzt, ungefiltert und unzensiert. Aber was ist eigentlich normal? Was ist erlaubt? Was wollen wir wirklich?
Natürlich enthält jede Aussage über Sexualität irgendeine Wahrheit - wenngleich es immer nur eine subjektive sein kann. Auch in diesem Buch werden ausschließlich subjektive Wahrheiten formuliert. Es gibt ganz einfach keinen richtigen oder falschen Sex. Und darum finden sich in diesem Buch auch keine zarten Strichzeichnungen von unterschiedlichen Stellungen, keine Beschreibungen von sexuellen Extravaganzen, keine Tipps oder vermeintliche Allgemeingültigkeiten. Sondern Erfahrungen, Beobachtungen und ganz einfach Meinungen.
Dieses Buch ist keine Anleitung für den perfekten Liebhaber und kein Zehn-Punkte-Plan für den idealen Blowjob. Vielmehr ist es, tja, was eigentlich? Es ist ein Buch über Sex. Ganz einfach. Ein Buch, so wie wir vielleicht mit unseren Freunden über Sex reden. Warum erklären, wie Analverkehr funktioniert, wenn man doch eher darüber nachdenken sollte, wie es sich anfühlt, was man daran mag und was nicht? Wenn wir uns mit Freunden über unsere sexuellen Vorlieben austauschen, dann erzählen wir ihnen doch auch nicht, wie wir uns dabei genau positioniert haben - das rechte Bein dahin, den Arm lieber dort, den Oberkörper am besten so. Wir erzählen, was wir beim Sex empfinden, denken, wahrnehmen. Und nicht, wie wir es gemacht haben.
Was bedeutet Sexualität für uns heute? Vielleicht wird unsere Meinung provozieren und für Aufregung sorgen, den ein oder anderen aber vielleicht in seinen Erfahrungen bestätigen. Was wir aber mit Sicherheit nicht wollen, ist irgendwelche Allgemeingültigkeiten zum Thema Sex formulieren. Das überlassen wir gern denen, die sich auf Statistiken, Trends und Strömungen berufen. Wir können und wollen das nicht. Wäre ja auch ziemlich vermessen zu behaupten, wir wüssten, wo es langgeht oder was das Richtige für den Einzelnen ist.
Nein, das Buch funktioniert mehr wie ein Gespräch. Oder wie eine Sammlung von Gedanken und Erfahrungen. Über uns und unsere Sexualität. Du liest einen Text über Sperma schlucken? Das widerspricht deiner Meinung? Super! Der nächste Text, zum Thema Treue, ach, das siehst du auch so? Perfekt. Du findest alles bescheuert, was in diesem Buch steht? Auch okay, schließlich ist das deine Meinung. Gespräche über Sex entstehen meist aus unterschiedlichen Standpunkten heraus, und genau das macht sie so spannend.
Und noch eines: Das Buch erhebt auf gar keinen Fall einen Anspruch auf Vollständigkeit. Ginge auch gar nicht. Denn jeder erlebt natürlich seine ganz eigene Sexualität. Und trotzdem gibt es Übereinstimmungen, Erfahrungen und Gedanken, in denen man sich wiedererkennt. Deshalb haben wir einfach mal alles aufgeschrieben, was uns erregt.
KAPITEL 1
Sexuelle Irrtümer
Einleitung
Muss ein Schwanz groß sein? Ja, muss er. Und Männer sollten endlich aufhören, sich von wohlmeinenden Freundinnen und Männermagazinen etwas vormachen zu lassen. Mögen Männer es, wenn Frauen Sperma schlucken? Ja, Männer mögen das. Und sie mögen daran, dass sie die Frau damit erniedrigen - auf eine intime, fast zärtliche Art, aber es bleibt eine Erniedrigung.
Schockierend oder normal? Provokante These oder Konsens? Was stimmt nun wirklich? Wenn eine Frau auf große Schwänze steht, dann ist das völlig okay. Es ist aber genauso okay, wenn eine Frau das Schlucken von Sperma verweigert. Im Gegenzug dazu ist es okay, wenn Männer sich nicht um den Geschmack ihres Spermas kümmern oder beim Sex auch mal egoistisch sein dürfen.
Ist das so?
Die Suche nach Antworten beginnt meist mit dem Erfahrungsaustausch in der Schule. Der Sitznachbar kommt angeblich fünfmal hintereinander und behauptet, er hätte siebzehnmal am Tag einen Orgasmus. Und man selbst? Wenn es gut läuft, ein- oder zweimal am Tag. Die beste Freundin erzählt aufgeregt von multiplen Orgasmen. Und man selbst? Hat sich gerade in irgendeinen Musiker verliebt und wundert sich über das lustige Gefühl im Bauch, wenn man sich ein Kissen zwischen die Beine klemmt.
Wir lernen von unserem Umfeld, was all das bedeuten soll, und setzen uns damit oft fürchterlich unter Druck.
Später, wenn wir selbst schon etwas Erfahrung gesammelt haben, geht es im Grunde genau so weiter. Da vögelt die Freundin den besten Freund mit einem Umschnall-Dildo, und man selbst will auch wissen, wie das ist, traut sich aber nicht, es auszuprobieren. Oder der Partner will plötzlich etwas, das einem so gar nicht liegt. Wer wird dazu befragt? Nicht etwa der eigene Partner, sondern das Dr.-Sommer-Team der Bravo- Redaktion. Später ist es dann die Young Miss und viel später die Cosmopolitan und noch viel später die Vogue und schließlich irgendwann die Super Illu (die im Übrigen zielgruppengerechte Sextipps gibt, was sehr lustig ist). Aber nie, oder nur sehr selten, fragt man sich selbst, was man möchte und was man sich erträumt. Und ebenso selten den Partner.
Sexualität ist eine Sache von Dritten geworden, von Ratschlägen, von Tipps und vermeintlichen Tricks. Das gilt natürlich nicht für alle Menschen. Natürlich setzt sich jeder mit seiner eigenen Sexualität auseinander, und natürlich hat jeder dabei Empfindungen, die irgendwann zu Erfahrungen werden. Aber wie oft fragen wir bei Problemen unseren Partner, und wie oft suchen wir nach Lösungen in Zeitungen und Büchern?
Die Konsequenz? Es...