Wir haben (keine) Angst. Nein, die moderne Generation hat keine Angst vor atomaren Katastrophen, Wirtschaftskrisen, Terroranschlägen oder politischen Desastern, meint Nina Pauer. Zumindest ist diese Angst vor äußeren Bedrohungen nicht so tiefsitzend und tagtäglich belastend wie eine ganz andere, intimere Angst: die Angst, sich selbst zu verpassen, sein einziges Leben auf Erden zu verschwenden, indem man sich selbst nicht richtig verwirklicht.
Auf die ältere Generation mag dieser Zustand verwunderlich wirken, denn objektiv gesehen hat die moderne Generation doch alle Möglichkeiten der Welt, um sich selbst zu verwirklichen, oder etwa nicht? Die Grundbedürfnisse sind längst befriedigt, Konsumgüter im Überfluss ermöglichen ein angenehmes Leben, eine vergleichsweise gute Schulbildung eröffnet den Weg zu zahlreichen Ausbildungs- und Studiengängen. Es gibt keinen Ständedünkel, der den jungen Menschen Steine in den Weg legt, sei es in privaten Beziehungen oder in der beruflichen Laufbahn. Und neben der ideellen Unterstützung darf die junge Generation auch auf die finanzielle hoffen. Die Welt liegt der jungen Generation zu Füßen. Sie muss doch nur sagen, was sie will!
Aber genau damit ist die junge Generation überfordert: das Überangebot an Möglichkeiten übersteigt den Horizont des einzelnen Menschen. Er ist orientierungslos angesichts des unüberschaubaren, unkalkulierbaren Angebots und hadert ständig mit sich selbst und seinen Entscheidungen. Denn schließlich will er DEN Weg zum richtigen Zeitpunkt finden, fühlt sich aber nicht in der Lage, diesen Weg zu finden.
Nina Pauer erläutert das Paradoxon der unendlichen Möglichkeiten und der gleichzeitigen Unzufriedenheit mittels einer Erzählung über psychotherapeutische Sitzungen: in deren Mittelpunkt stehen die Protagonisten Anna und Bastian als Prototypen ihrer Generation. Anna ist die aufstrebende Überfliegerin, die trotz des objektiv erreichten beruflichen und privaten Erfolges nicht mit sich zufrieden ist, Bastian verkörpert den verschlafenen, vielseitig interessierten Langzeitstudenten, der alles anfängt und kein Projekt zu Ende führt. Die beiden setzten sich mit der Angst vor dem Versagen in der Arbeit, der unglücklichen Liebe, unzuverlässigen Freundschaften, der Angst vor dem Erwachsenwerden und der Angst vor der politischen Meinungsäußerung auseinander. Der Gesprächsituation entsprechend ist der sprachliche Stil recht leger gehalten.
In den Sitzungen werden die Probleme nur thematisiert, eine pauschale Lösung wird nicht gegeben. Aber: 'Thematisierung ist der erste Schritt zur Heilung'. Es scheint Frau Pauers Anliegen zu sein, ihren gleichaltrigen Mitmenschen die Augen für die Probleme zu öffnen ' und sie dazu anzuregen, einen Weg zu finden, damit umzugehen.
Mich persönlich, die ich gut 10 Jahre jünger bin als Frau Pauer, hat sie erreicht, denn die angesprochenen Ängste sind mir durchaus vertraut. Vermutlich können sich noch viele andere junge Leute mit Anna und Bastian identifizieren ' und möglicherweise haben sie dann irgendwann den Mut, etwas an ihrem Verhalten zu ändern, vielleicht auch gemeinsam.
An manch einer Stelle im Buch hätte ich mir noch etwas mehr Tiefgang der Diskussion gewünscht. Daher verleihe ich dem Buch nur vier von fünf Punkten. Auch wäre es durchaus interessant zu erfahren, wie Anna und Bastian mit den aus der Psychotherapie gewonnenen Erkenntnissen langfristig umgehen und sich verändern (oder auch nicht). Doch dieses offene Ende scheint von der Autorin gewollt zu sein, möglicherweise, um dem Leser einen freieren Denkhorizont zu lassen. Daher gibt es dafür keinen Abzug.