Schon nach den ersten Sätzen einer jeden Geschichte, wird der Leser - ob er will oder nicht - in die Geschichte hineingezogen. Von den Storys geht ein Sog aus, eine unglaubliche Kraft, die wohl mit den einfachen Worten zu tun hat.
In Peter Stamms Geschichten gibt es keinen Beginn. Sie fangen mittendrin an, und der Leser ahnt, dass es davor schon eine Geschichte gegeben hat, eine Handlung, die irgendwo steht, vielleicht ein paar Seiten zuvor, die aber jemand anderer aus dem Buch entfernt hat. Dennoch ist man mitten in der Handlung, weiß, was warum geschieht. Nein. Der Leser weiß es nicht. Er wird dorthin getrieben, mitgenommen, zwischen die Zeilen hineingepackt und schon ist er am Ende angekommen.
An welchem Ende? Die Geschichten von Peter Stamm haben kein Ende. Sie enden so, wie sie beginnen: irgendwo mittendrin. Der Verlag sollte einen Stift und ein Blatt Papier beilegen, oder ein paar Seiten freilassen nach jeder Geschichte, damit die Geschichte, die Peter Stamm einfach abrupt enden ließ, vom Leser weitergeschrieben werden kann.
So wie die Geschichte "Männer und Knaben". Was geschieht mit der vergessenen Badehose? Holt sie der Junge, der sie vergessen hat, später noch ab? Ist es ihm peinlich in der Frauenumkleidekabine gewesen zu sein? Wagt er es ein zweites Mal? Und was geschieht mit der Frau in der Geschichte "In Erwartung"? Sie muss irgendwann wieder aufstehen von ihrem Bett. Vielleicht gibt sie ihrem Liebhaber, der sich nicht richtig traut, ein Zeichen, damit er sich traut.
Intensiv, kraftvoll und still. So sind die Geschichten von Peter Stamm. Und ohne Ende. Und mit einer bleibenden, schwebenden Nachdenklichkeit.