Auf die Autorin bin ich durch einen Zeitungsartikel gestoßen. Berichtet wurde von einer Veranstaltung der "New York Review of Books", auf der Obama euphorisch gefeiert wurde. Alle Anwesenden waren sich in ihrer Begeisterung einig - nur eine wollte da nicht mitmachen. Das war Joan Didion. Sie äußerte öffentlich ihr Unbehagen. Nicht an Obama, mit dem habe es nichts zu tun. Es rühre eher von der Art her, wie der neue Präsident gefeiert werde. Wenn nun von Amerikanern gesagt werde, die Welt freue sich mit Amerika und sei mit Amerika, dann klinge das wie 2003, als Amerika darauf wartete, von Irakern mit Blumen begrüßt zu werden. Das heutige Beschwören der Sechzigerjahre, ohne jeden Sinn für die wirkliche soziale Situation damals, oder der neuerdings inflationäre Gebrauch von Wörtern wie "transformierend" oder "inspirierend" - das ist für Didion ein Alarmzeichen dafür, dass pragmatische oder politische Fragen nun wieder wie moralische Fragen behandelt werden.
Der Artikel hatte meine Neugier auf Joan Didion geweckt. Und dieser Essayband hat mir ihre Skepsis plausibel gemacht. Er enthält vor allem Texte aus den Sechzigerjahren, aus der Zeit der Hippiebewegung. Deren spezifischen Sinnkonstruktionen widmete sie ihr besonderes Interesse: Experimente mit Drogen, Musik und sexuellen Beziehungen sowie den politischen Bewegungen und dem Zeitgeist der späten Sechzigerjahre. Was Didions Texte ausmacht, das ist diese besondere Distanz, die sie dabei einhält. Ganz so, als wäre sie Forscherin in einem Labor, die ihre Objekte unter einer Lupe betrachtet. Sie isoliert sprachliche Äußerungen, die ihr prägnant erscheinen. Als Meisterin der Sprache entlarvt Didion jeden Anflug von Selbsttäuschung, in die die Angehörigen der Flower-Power-Beat-Generation - oder auch ihre Gegner - verfallen, und manchmal wirkt sie dabei ganz schön gnadenlos. Spätestens nach der Lektüre ihres berühmt gewordenen Essays "Die Stunde der Bestie" möchte man sich jedenfalls keine Blume mehr ins Haar stecken, und San Francisco kann einem gestohlen bleiben. Didion zeichnet das Sittenbild einer zertrümmerten Gesellschaft, einer Gesellschaft, die - wie sie es nennt - immer mehr der "Atomisierung" anheim fällt.
Als Drehbuchschreiberin ist Didions anderer thematischer Schwerpunkt die Filmindustrie Hollywoods. Dabei nimmt sie ein paar Mythen und Klischees aufs Korn, die allerdings bei weitem nicht so interessant sind wie ihre gesellschaftlichen Analysen.