"Wer wär nicht einst auch Robinson gewesen. / In unsrer gedruckten Bücher Zeit, / wir alle sind, was wir gelesen, / Und das ist unser größtes Leid." Wer ich, der Rezensent, denn schon alles gewesen wäre, darüber gäbe zur Genüge Auskunft die Liste meiner Buchkritiken, die sich hier bei Amazon - alleine in den letzten fünf Jahren, einschließlich der vor uns liegenden zu Golo Manns "Aufsätzen und Reden zur Literatur", an Anzahl hundertfünfundsiebzig - angesammelt haben. "Wir alle sind, was wir gelesen", das eingangs erwähnte Zitat von Joseph von Eichendorff (1788-1857), von Golo Mann in genialer Einfalt zum Titel seines Buches erkoren.
Ich mag sie nicht, die Sammlungen von Aufsätzen und Artikeln, die Autoren in unterschiedlichen Zusammenhängen, teilweise auch zu verschiedenen Zeiten und Lebenslagen, aus mannigfachen Anlässen geschrieben haben, bzw. Reden, die sie hielten. Und später wird daraus ein Buch gemacht. [Siehe auch meine Abhandlung zu "Die Bücher und das Paradies" (von Umberto Eco).]
Eine große Ausnahme bildet das hier zu besprechende "Wir alle sind, was wir gelesen" von Golo Mann, herausgegeben im Jahre 1989, mit Vor- und Beiträgen aus den Jahren von 1937 bis 1988 - wobei der Schwerpunkt klar auf Arbeiten liegt, die in den beiden Jahrzehnten der letzten Siebziger und Achtziger Jahre erschienen sind. Kapitel für Kapitel befasst sich Mann mit wichtigen, vornehmlich wichtigen deutschen Vertretern der Literatur. (Joseph von Eichendorff ist nicht mit dabei.)
Zunächst beginnt es lateinisch südeuropäisch mediterran. Wir erfahren "Über einige Erfahrungen beim Übersetzen aus dem klassischen Latein." Philosophen und Dichter, Redner und Historiker, sie alle hinterließen Stoff für Jahrhunderte von Generationen gequälter Gymnasiasten. Sallust, Cicero, Catull, Ovid, Vergil, Livius, Seneca, Plinius der Jüngere: sie alle bilden keine abschließende Aufzählung hochverehrter Autorenschaften aus dem alten Rom. Doch "Vor allem soll es sich um Horaz handeln."
Es folgt der "Versuch über Tacitus". Der Historiker Mann - Sohn des berühmten Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann - versucht sich am Historikerkollegen, dem "Letzten unter Roms großen Historikern". Tacitus, der bei uns vor allem wegen seiner "Germania" einen gewissen Beliebt- und Bekanntheitsgrad genießt, war, so Golo Mann, "ein Freund der Freiheit, (...) ein Freund des gesicherten Rechts, der Gerechtigkeit, der generösen Weisheit." Für den römischen Historiker und seine Zeitgenossen, die die Geschichte als überlieferte Ordnung früherer Zeiten sahen, war das Vergangene "eine Schatzkammer, gefüllt mit Geschichten."
"Rousseau offenbart sich seinen Mitmenschen. Augustinus beichtet dem Herrn." Vita Brevis. In "Des Augustinus langer Weg zum Christentum" befasst sich Golo Mann mit dem Kirchenvater, dem Verfasser der Bekenntnisse ("Confessiones"), jenen autobiographische Überlegungen, die als Glaubens- und Schuldbekenntnisse nicht nur in die Religionsgeschichte eingingen. Es werden interessante Themen angerissen, wie "die Fangfrage der Sophisten, was denn wohl Gott vor Erschaffung der Welt getrieben habe." Augustinus. "Was war nicht alles in ihm, vom Platoniker bis zum Bilderstürmer, vom Mystiker bis zum Logiker, vom Don Juan bis zum Asketen, vom Psychoanalytiker bis zum Heiligen. Willensstärke oder Segen hielten die Persönlichkeit zusammen."
Bevor Golo Mann, dessen Kapitel chronologisch geordnet sind, was die Lebenszeiten seiner auserwählten Autoren betrifft, seinen großen Schwenk hin zu den deutschen Schriftstellern begeht, darf doch einer - das Mittelalter liegt seit kurzem hinter den Zeiten - nicht fehlen: Miguel de Cervantes. Oder soll man besser sagen: "Don Quijote, Narr oder Freund der Menschheit".
"Bewunderung ist nichts Schlechtes", wobei wir schon bei Goethe angelangt sind. "Hölderlin: die Liebe eines jungen Franzosen". Es folgt Kapitel auf Kapitel: "Kleist und der Weltlauf".
Ein recht ausführliches Kapitel widmet Golo Mann einem meiner Lieblinge, dem Dichter, Denker, Übersetzer und Orientalisten Friedrich Rückert. Es ist schlicht auch nur mit "Friedrich Rückert" überschrieben. Mann bezeichnet Rückerts Hinterlassenschaften ("ungeheuere Masse" von Gedichten), als einen riesigen, kaum zu übersehenden "Garten, einem Wildpark besser vergleichbar als einem französischen, mit unzähligen, leuchtenden Blumen darin, aber mit unzähligen geringeren Blümchen auch." Rückerts Gedichte. "Luise", eines der Favoriten des hier rezensierenden Rhein-Neckar-Poeten: "Liebe, Unschuld, Inbrunst, Sitte, Ehre, / Sind der Züge fünf, die ich verehre; / Und die fünfe hab' ich, schön verbunden, / in der Freundin Namenszug gefunden." Golo Mann gibt als Beispiele: "Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt", "Das Männlein in der Gans", und zitiert andere mehr. "Sie fanden sich zu Anfang unseres Jahrhunderts", also um 1900 herum, "noch in den Fibeln, mit deren Hilfe Kinder in bayerischen Volks- und Elementarschulen die deutsche Sprache erlernten".
Auf Rückert folgt Heinrich Heine, ein weiterer meiner Lieblinge: "Heine, wem gehört er?" - Fast als Zaubersprüche, "Zaubersprüche beinahe", sieht Golo Mann die Gedichte Theodor Fontanes. In Abhandlungen "zu vier Gedichten Fontanes" geht Mann auf "Überlass es der Zeit", "Summa summarum", "Lebenswege" und "Die Frage bleibt" ein. - "Der lachende Pessimist, Wilhelm Busch" bildet, wenn man so will, den Abschluss des 19. Jahrhunderts.
"Die Erziehung des Henry Adams" bezeichnet das betreffende Mann'sche Kapitel, bei gleichzeitiger Übernahme des Titels von Adams' Autobiografie (aus dem Jahre 1907). Henry Adams, amerikanischer Schriftsteller, ein Autor mit dem sich der Rezensent des vorliegenden Buches "Wir alles sind ..." bisher zugegebenermaßen noch wenig nur beschäftigt hat. Golo Mann, nicht nur Historiker, sondern Sprössling erster Adresse literarischer Schule deutschen Schrifttums, ist selbst ein großartiger Künstler formulierter Wort- und Satzgestaltung. "In Washington, 1861, in Paris, 1870, erlebte er", Henry Adams, "wie Kriege beginnen; nämlich so, dass niemand Herr der Lage ist, niemand plant, alle mitgerissen werden und nicht wissen, wie ihnen geschieht."
Zurück nach Deutschland und ins 20. Jahrhundert. "Ein Zeitalter wird besichtigt", gemeinsam mit und über seinen Onkel Heinrich Mann. - Unter dem Attribut "Der schönste Krimi aller Zeiten" schreibt Golo Mann "Über Jakob Wassermanns 'Caspar Hauser'".
Bei "Im Wandern machen sich die Wege" über den spanischen Lyriker Antonio Machado wurde mir einmal mehr bewusst, dass ich nicht alle kennen kann - habe aber dazugelernt, dass "zumal, wie bekannt, der Tod in den romanischen Sprachen weiblichen Geschlechts ist."
Aufsätze folgen zu Ferdinand Lion ("Portrait eines Literaten"), zu Ernst Jünger ("Der 'stoische' Ernst Jünger"), zu Gedichten Hans Erich Nossacks ("Zu Gedichten Hans Erich Nossacks"), zu George Orwell ("'1984'. Zu George Orwells utopischem Roman eines totalen Staates"), zu James Jones ("Von nun an in alle Ewigkeit. Über James Jones' 'From Here to Eternity'") und eine längerer Beitrag zum Brief als schriftstellerischen Beitrag für die Literaturen, zwecks nutzbringender und sinnhafter Gestaltung von Gegenwart und Zukunft ("Der Brief in der Weltliteratur").
Golo Mann beleuchtet viele Facetten literarischer Teilfragen - die er, teilweise gemeinsam mit den jeweiligen Schriftgelehrten, seinen auserwählten Autoren, aufgreift und beantwortet. Interessant im Machado-Kapitel die Ausführungen zum gereimten und ungereimten Gedicht. "Machado glaubt an den Reim, und von seinen ungefähr 250 Gedichten dürfte die Mehrzahl ihn haben. Der Reim, so meint er, hat zwei Funktionen. Er hilft dem Gedächtnis, und Lyrik sollte man auswendig lernen können. Wichtiger: der Reim, als die 'Begegnung zwischen einem Sinnes-Eindruck und einer Erinnerung' - nämlich dem gleich auslautenden Wort eine oder höchstens zwei Zeilen weiter oben -, suggeriert Zeitlichkeit, und genau dies soll das Gedicht erreichen. Eine Verbindung von Zeitlichkeit und Essentialität."
Wort- und Satzakrobat, ein Meister ähnlich seines Vaters: Golo Mann. Zum Abschluss noch zwei Beispiele aus dem Ernst-Jünger-Kapitel: "Da nun Krieg von altersher mit Grenze zu tun hat, gilt es, die Bedeutung der Grenzen zu reduzieren." [Schöner kann man, und das sage ich ganz bewusst jetzt und hier, im Jahr 2012, dem Jahre Zwei der Euro-Krise, den europäischen Binnenmarkt nicht beschreiben.] - "Der politischen, liberalen Welt wird Jünger immer fremd bleiben, und dies ihm zum Vorwurf machen, wäre so sinnvoll wie zu beklagen, dass der Burgunder kein Rheinwein ist."
"'Bist zu Suleicha, ...?' / 'Die Suleicha', spricht Suleicha, / 'Bin ich nicht, ich bin die andre; / Jene war die sehnsuchtreiche, / Und ich bin die reichersehnte.'", von Friedrich Rückert gedichtet, nachgedichtet oder gar nur übersetzt (vieles bei Rückert ist diesbezüglich selbst von der Fachwelt oft nur schwer zuzuordnen). "'Jene war die sehnsuchtreiche, / Und ich bin die reichersehnte.' / (...) / ... zerreißt er / Heftig ihr den Saum des Hemdes. / Gabriel (im Brautgemache / War er mit dabei) sprach lächelnd: / 'Hemd um Hemde, ausgeglichen / Ist die Rechnung (...)' / Rief's und ging, und schloss die Kammer / Leise zu mit Himmelsdufte.
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