Es gibt so ein paar zähe Mythen, die nicht umzubringen sind. Dabei widerlegt Kurt Hoffmanns "Wir Wunderkinder" gleich einige davon. Zum Beispiel den, dass sich aus
Romanen, die zu Recht fast vergessen sind, angeblich keine erstklassigen Filme machen lassen. Oder der zählebige Gemeinplatz, in den 50er Jahren hätte nur die Heile Welt im Kino Erfolg gehabt.
Vor allem aber gehört "Wir Wunderkinder" zu den Filmen, die das Gerücht Lügen strafen, in den 50er Jahren seien hierzulande keine phantastischen Filme gedreht worden, und es hätte keine fähigen, einfallsreichen Regisseure in Deutschland gegeben. Von wegen!
"Wir Wunderkinder", gedreht 1958, präsentiert 60 Jahre deutsche Geschichte als eine Mischung aus Moritat, Revue und Spielfilm. Die Biographien zweier Antagonisten, die sich seit ihrer Schulzeit zu Kaiser Wilhelms Zeiten kennen, werden einander gegenübergestellt. Hans Böckel ist der eine: klug und anständig und schon deswegen zum Scheitern verurteilt. Und Bruno Tiches ist der andere (und er heißt bei Bedarf auch schnell mal anders, also "Anders"): skrupel- und rückgratlos und geschäftstüchtig, natürlich erfolgreich, immer das Fähnlein nach dem Winde gehängt. Zwei prototypische deutsche Karrieren, die man gerade beim ersten Erscheinen des Films wohl nur allzu gut gekannt haben dürfte.
Man erlebt mit Hans Böckel, Bruno Tiches und einigen weiteren, hinreißend gespielten Figuren deutsche Geschichte an geschichtsträchtigem Ort: Das nicht allzu präsentable heimatliche Provinznest zu Kaisers Zeiten, dann München zu Zeiten der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Kurzes heiteres Intermezzo in Dänemark ("so gut geht es denen, denen Dänen wohl wollen"). Kriegsende wieder in der heimatlichen Provinz, und Wirtschaftswunder in München. Schon die Orte der Handlung hätten also nicht besser gewählt werden können.
Ein schlechterer Regisseur hätte aus diesem Stoff vermutlich einen staubtrockenen und moraltriefenden Lehrfilm gemacht. Aber nicht Kurt Hoffmann -- der packte ein hinterhältiges Lehrstück in Sachen "jüngste Geschichte" in eine Komödie, die die Mächtigen nur allzu oft ohne Hosenträger dastehen lässt und in all ihrer -- leider brutalen -- Lächerlichkeit und Dummheit bloßstellt. Zunächst einmal liegt das an der Handlung selber, gewiss, gewiss. Es liegt aber vor allem an Günter Neumanns Drehbuch, an den pointierten Dialogen, am Wortwitz, an den vielen Anspielungen. Nicht umsonst liest man im Vorspann, dass "Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Ereignissen und Personen beabsichtigt" seien; Neumanns "Insulaner"-Handschrift ist auch für Nachgeborene sofort zu erkennen.
Dann lebt "Wir Wunderkinder" natürlich von den hervorragenden Schauspielern; hier wurde von den Haupt- bis zu den allerkleinsten Nebenrollen alles perfekt besetzt: Hansjörg Felmy als aufrechter Hans Böckel, vor allem aber Robert Graf als (fast) ewiger Gewinner und Johanna von Koczian als resolute Dänin, die sich nicht den Mund verbieten lässt und mit wunderbarem dänischem Akzent knödelt, in den Hauptrollen. In den größeren Nebenrollen glänzen u.a. Elisabeth Flickenschildt als in jeder Hinsicht geschäftstüchtige Frau Meisegeier, Jürgen Goslar als ihr tumber Sohn Schally und Tiches' Mann fürs Grobe ("In meinem Kopf ist mehr Vakuum als in deinem!"), Liesl Karlstadt, Michl Lang, Pinkas Braun... und in den ganz kleinen Nebenrollen glänzen beispielsweise Lina Carstens, Ralf Wolters oder Karl Lieffen...
Die Arbeit des Kameramanns Richard Angst ist ebenfalls bewundernswert -- wie er mit wiederkehrenden Motiven arbeitet, etwa mit aufgerissenen, bei konträren Gelegenheiten Kommandos brüllenden Mündern (erinnert ein wenig an Wolfgang Staudtes "
Untertan", aber er setzt das Mittel anders ein, weniger plakativ), wie er Ausschnitte aus Dokumentarfilmen einarbeitet, wie seine Bilder und Szenen die Off-Kommentare ihrerseits kommentieren, steigern und am Ende bloßstellen (eine Orgie an Wirtschaftswunder-"Höher" beschließt z.B. ein Straßenköter an der Hauswand) -- das ist einfach gekonnt.
Aber die "Wunderkinder" zu etwas fürwahr Wunderbarem machen die kabarettartigen Intermezzi der damaligen Insulaner Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller, die die einzelnen Epochen nach Art des Berliner Kabaretts (oder auch nach Art der Moritatensänger) einleiten und zugleich kommentieren, je nach Gebot der Stunde mal forsch am Klavier und mal besinnlich am Harmonium, mal als Couplet und mal im Dialog, mal hektisch einen "arischen Marsch" suchend (1933 kann man nicht Mendelssohn spielen!). Einige ihrer Kommentare stünden längst im
Büchmann, ginge es nach mir: "Sechszylinder, Achtzylinder, Zwölfzylinder, noch mehr Zylinder" -- und natürlich das unwiderlegbare "So viele Fahrstühle können ja garnicht repariert werden!". So isses -- leider.
Was die DVD angeht: Das Schwarzweiß-Bild ist wie neu, wie frisch gebügelt und hervorragend restauriert. Die Extras sind freilich nicht weiter erwähnenswert, aber wer braucht die noch, bei einem solchen Film: Kürzestmögliche Kurzbiographien ohne nennenswerten Informationswert von Flickenschildt, Felmy und Koczian, dazu diverses Werbematerial.
Interessant und lesenswert ist nur die pdf-Datei mit Presseinformationen wegen der darin enthaltenen Kommentare vieler Beteiligter.
Wer den Film noch nicht kennt, den kann man bedauern, weil er ihn noch nicht kennt. Man kann ihn auch beneiden, weil ihm noch was bevorsteht. Deswegen braucht uns, die wir die "Wunderkinder" bereits kennen, keiner bedauern, denn man kann den Film 50mal anschauen, ohne das hernach zu bedauern. Ein Wunderfilm eben.