Reinhard Stranzingers neues Album "Wir san ned aus Zucker", das 2011 erschienen ist, steht in den Startlöchern. Und um eines vorweg zu nehmen, es steht seinem Vorgänger in nichts nach! In 14 Jahren hat sich eine Menge Energie angesammelt. Grund genug, einen genaueren Blick zu riskieren, Song für Song'
1. "Oamoi"
Sowohl Text als auch Musik stammen aus Reinhard Stranzingers Feder. Er brettert uns gleich zu Beginn ein Riff um die Ohren, daß wir in etwa erahnen können, was die nächsten 56 Minuten auf uns zu kommt; da lässt er die Zügel schon wieder lockerer, rockt luftig locker dahin, nur um sie wenig später noch stärker anzuziehen.
Erst einmal in Fahrt, stoppt den Mann so schnell nichts mehr und die Band rast dahin, holt noch einmal kurz Luft, dann das Solo und wir sind schon am Ende des Songs angekommen.
Was bleibt, ist die Frage: "Sind wirklich 14 Jahre vergangen?"
Der Mann hat immer noch mehr Power als ein Presslufthammer!
Wahnsinn, Reinhard rockt, wieder'..nein, immer noch, wie die Sau.
2. "Wir San ned aus Zucker"
Das Titellied; eine Hammond-Orgel begleitet uns in den Song, da kommt auch schon Reinhard dahergedonnert. Riffgewitter Teil 2! Ein geradliniger Rock-Song, der live vermutlich noch an Glanz gewinnen wird, vor allem, wenn der wunderschöne wie geniale Slide-Part einsetzt!
Ein Hammond-Solo, daß ich von STRANZINGER nie erwartet hätte, verblüfft mich umsomehr, da endet das Lied auch schon! Ohne mich, das muß ich gleich nochmal hören'.
3. "Gib ma Dei Feuer"
Jetzt gehen STRANZINGER es ruhiger an'
Nein, Irrtum, da kommt Reinhard schon wieder um die Ecke gebogen. Ganz ohne Vorwarnung, ich hab zum ersten mal eine Gänsehaut. Und das obwohl es im Grunde ein Liebeslied ist, aber beim Reinhard ist das niemals peinlich, zumal er es ehrlich meint und gänzlich ohne Schmalz versehen "rausschreit".
"Gib ma Dei Feeeeeeeeiaaaaa'."
Meines kannst jederzeit haben.
4. "Weit weg"
Und es wird weitergerockt! Das Intro erinnert stark an Steve Lukather! Da wird doch wohl das Treffen auf Burg Clam nicht etwa abgefärbt haben? Ein mächtiger Song, und da ist die lukatheresque (gibt's das überhaupt?) Passage wieder, die uns ins Solo führt, über welche ich sträflicherweise noch kein Wort verloren habe. In jedem Song warte ich im Grunde unterbewußt auf das Solo; nachdem ich auf Burg Clam gesehen habe, wozu der Mann wirklich fähig ist. Und er hat mich bis jetzt nicht einmal enttäuscht, auch hier nicht.
Bitte fahr nicht 'weit weg', ich würd' das vorher noch gerne live sehen'
5. "Deine roten Hoar"
Die erste von insgesamt zwei Neuaufnahmen auf dem Album. "Deine roten Hoar" war ja schon auf dem Album "Ois oda Nix" von 1997 vertreten. Aber nicht so geil produziert! Man nehme mir das Wort 'geil' nicht übel, aber das triffts in dem Fall am Besten.
Das Intro erinnert an Metallica's "Nothing Else Matters", bis Reinhard die Liebeserklärung an die rothaarige Dame anstimmt, gleich so, als ob er über das Weggehen derselben immer noch nicht hinweg ist! Ein wehmütiges Gitarrensolo rührt mich so, daß ich ihm am Liebsten helfen möchte, da lenkt es in eine wütende Richtung ein, eine Wut, die ein Mensch verspürt, der etwas verloren hat, und es nicht wahrhaben kann, daß es unwiederbringlich weg ist. Die Art des Solos erinnert mich so sehr an Pink Floyd, daß ich kurzzeitig verwirrt bin, und nicht mehr weiß, was ich eigentlich höre.
Um ehrlich zu sein, ziehe ich die neue Version der alten vor, und nicht nur weil Stranzinger sich am Ende so richtig ins Zeug legt und die Gitarre noch mal würgt, als möchte er die letzte Energie aus ihr rausquetschen.
6. "Ui is des schee"
Wie der Titel vermuten lässt, ein beschwingter Song über die wohl angenehmste Nebensache der Welt, wie mir der Text nach der spätestens dritten geraunzten Zeile verrät (Vorsicht, hier lässt Reinhard seinen Gedanken zum ersten Mal so richtig freien Lauf). Aber in fetter Verpackung, die Hammond dröhnt und Reinhard greift mit voller Wucht in die Saiten. Der Rock-Anteil des neuen Albums ist um einiges höher, als auf seinem Vorgänger "Ois oda Nix". Was mich sichtlich freut, da ich mittlerweile meine Luftgitarre ausgepackt habe, um Reinhard nach Kräften zu unterstützen! Moment, das Solo ist wieder erstaunlich lukatheresque (spätestens jetzt gibt's das Wort). Jazzig, sogar sehr jazzig! Ich komme deswegen auf Steve Lukather, weil er auf dem Live Album "Live at Osaka" mit Larry Carlton ganz ähnliche Töne anschlägt! Kleiner Hör-Tipp am Rande!
7. "Rosalie"
Es wird weiter gerockt, aber schmoove (wieder ein neues Wort). Moment, die Bridge kenne ich, aber woher? Fest steht, STRANZINGER machen einige Ausflüge in die Musikgeschichte, welche, sei dem Hörer selbst überlassen zu erraten.
Im Laufe des Liedes merkt man, dass der "Boss aus Braunau" eigentlich nur auf der Bremse steht, denn manchmal bricht es aus ihm heraus, dass einem Hören und Sehen vergeht! Freu mich schon aufs Solo! Vorher bekomme ich noch mal die volle Breitseite seiner Gitarre, als ob ich derjenige bin, vor dem er Rosalie so eindringlich warnt. Dabei nimmt er sich kein Blatt vor den Mund, da hört man ihn dann auch schon mal singen:
'... er brodt si gern die klan Mädln au
und frogts obs kochen und blosen kau...'
Der Reinhard hält anscheinend ganz große Stücke auf die Freiheit, und das lässt er einen dann auch textlich spüren! Da ist die Hammond wieder. Ein Traum, wie schön sich dieses Instrument in STRANZINGERS Sound einfügt'
Da bin ich schon - wenn auch noch etwas benommen von der Breitseite - beim Solo, ach was schreib ich, Gitarreninferno trifft es wohl eher, angekommen. Und bei was für einem; das vermutlich die meisten Amateur-Gitarristen ihre Gitarre entmutigt weglegen lässt, wie schon seinerzeit bei "Rastlos".
Ich nehme mich da gar nicht aus, ich glaube sogar, ich steige um auf Triangel!
8. "Django"
Irre, alleine schon für das Intro möchte man den Mann umarmen!
Ein paar Luftgitarrenschläge weiter, stelle ich fest: "Das ist das richtige Mitsing-Lied für Live-Auftritte! Geht direkt ins Ohr und dann lange nicht mehr raus! Und auch in die Arme (habe meine Luftgitarre immer noch fest im Griff)."
Den Text müssten sich die meisten, auch nach 6-7 Bieren, noch super merken können! Hier zum Vorabauswendiglernen fürs Konzert:
"Spui, Django, Spui" (sprich: "Schpui, Dschango, Schpui")
Ha, ein weiterer Höhepunkt steht an: Ein Gitarrenduell mit der Hammond-Orgel. Auf das freue ich mich schon live, das verspricht spannend zu werden.
9. "Amerika"
Mein absolutes Lieblingslied auf dem Album. Ich kenne das Riff ja schon vom Video, wie Reinhard im Gitarrenshop die Les Paul ausprobiert (auf der Pinnwand oder unter http://www.youtube.com/watch?v=oBwyVTowxjI). Bei der Rohversion im Musikladen ist es mir nicht so aufgefallen, aber voll instrumentiert klingt er hier nicht nur wie Lukather, nein STRANZINGER klingen gleich wie die gesamte Band 'Toto' beim Titellied auf ihrem Album "Kingdom of Desire" (nächster Hör-Tipp).
Jazzig geht's durchs Solo, dass er zwar rockig anlegt, um es dann aber immer wieder mit einer gehörigen Portion Jazz aufzufangen. Lukatheresque eben...
Im Text kritisiert Reinhard, dass wir den Amerikanern so nacheifern und noch schlimmer, wir sie uns zum Vorbild nehmen.
Da heißts dann auch schon mal:
"Wir haben T-Bone Steak und Coke,
Fast Food und guats Dope,
Genau wie in Amerika.
Wir haben Business total,
und findens normal,
genau wie in Amerika!"
Recht hast, die haben nichts, auf das wir neidisch sein müssten...
10. "An Schriatt"
Die zweite Neuaufnahme eines Titels, der auch schon auf 'Ois oda Nix' vertreten war! Neu verpackt, in bluesigem Gewand. Eigentlich eher ruhig. Jetzt komm ich endlich mal zum Luftholen. Bin aber immer auf der Lauer, ob der Reinhard nicht doch noch um die Ecke geschossen kommt, aber noch ist alles "ruhig". Aber spätestens beim Slide-Solo, hat er mich von hinten überrumpelt, und ich bin auch wieder an der "Gitarre".
11. "Feindfahrt (Instrumental)"
Reinhards erste Instrumental-Nummer. Wahnsinn, bin ich gespannt. Wird er alles aus der Gitarre rausholen, was er die letzten 10 Nummern nicht losgeworden ist? Nein wird er nicht, STRANZINGER grooven gemütlich dahin, sodass ich mich sogar des öfteren zurück in Toto's Hydra-Zeiten versetzt fühle (dritter und letzter Hör-Tipp). STRANZINGER verfolgen eine wundervolle Melodie, treiben sie langsam vor sich her, um ihr dann im nächsten Augenblick die Freiheit zu schenken.
Steht ihm gut, sehr sphärischer Song.
Ich wär ja mal für einen Abend Steve Lukather & Reinhard Stranzinger "Doin' what have to be done'!
Fazit: Das neue Album hat kaum Schwächen, und wenn doch, überspielt die Band sie elegant. Wie schon beim letzten Album, hat Reinhard auch diesmal einige sehr hochkarätige Mitmusiker um sich geschart. Neben dem Meister ist Christoph Navratil für den wummernden Bass zuständig, der mit David Pernsteiner an den Drums, wie ein Fels in der Rythmus-Brandung steht!
Für den collen Hammondsound mit Gänsehaut-Garantie ist Christoph Köhler verantwortlich (Halleluja! Schen Daung!
Lesen Sie weiter... ›