"Wir Genussarbeiter", so verspricht auch der Buchumschlag, basiert auf der Beobachtung,
dass in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen ihrer Arbeit scheinbar leidenschaftlich
nachgehen. Doch Ruhe und Müssiggang kennen gleichsam weniger Menschen. Unsere
Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft in der Menschen bis zum burnout arbeiten. Svenja
Flasspöhlers Buch geht über das veränderte Verhältnis zu unserer Arbeit hinaus. Es beleuchtet
auch Themen wie unser verändertes Streben nach körperlicher Schönheit, verändertem
Genussverhalten und veränderte Sexualität. Es wird eine "Analyse" der "kulturellen und
psychischen" Ursachen versprochen (Zitat Buchumschlag)
Diese Themen hätten es verdient, mit Werkzeugen der Soziologie oder Biologie angegangen
zu werden. Flasspöhler bedient sich jedoch der Philosophie und der Lehre Sigmund Freuds.
Ihre Schilderungen sind so für einen (natur)-wissenschaftlich aufgeklärten Menschen schwer
nachvollziehbar, manchmal geradezu befremdlich und allzu oft werden Zusammenhänge grob
auf das Sexuelle zurückgeführt. (Eine offene Wunde, beispielsweise, wird ihrem Eindruck
nach einer Vagina gleichgesetzt; die Berührung ersterer soll sogar Lustempfinden auslösen
(S.122). Die infantile Lust des Urmenschen wird einer züngelnden Flamme gleichgesetzt, die
durch Urinieren gelöscht werden kann. Die Flamme ist gleich einem Phallus und steht so auch
für einen männlichen Widersacher und Wettkampf (S. 140)).
Durch den philosophischen Ansatz liefert Flasspöhler eben genau keine kausale Analyse. Sie
selbst schreibt: "Philosophisches Nach-Denken besteht somit weniger in der
Wahrheitsfindung als vielmehr in der Wahrheitssuche" (S. 122). Das Buch kratzt daher an der
Oberfläche der beobachteten Phänomene und geht nicht tiefer als was bisher in anderen
Medien dazu veröffentlicht wurde. Auch sind häufig sehr grobe und allzu pauschale
Behauptungen zu finden, die nicht belegt werden ("Tiere", beispielsweise, "kennen keine
Gier, und kennen keinen Genuss" (S. 176)).
Leider ist dem Buch kein Gesamtkonzept erkennbar - die Kapitel erscheinen willkürlich
gewählt und zusammenhangslos. Auch innerhalb der Kapitel kommt es vor, dass alternative
Muster beschrieben jedoch nicht gegeneinander abgewogen werden.
Prägend für Flasspöhlers Buch sind häufige Vergleiche mit der Pornographie. Sie erscheinen
nicht selten künstlich und unpassend. (So wird das oben erwähnte philosophische
Nachdenken als "nicht pornopraphisch, sondern erotisch" bezeichnet (S. 122)). (Flasspöhler
hat zu diesem Thema dissertiert).
Stilistisch prägend sind zahlreiche äusserst polemische Passagen, die im starken Kontrast zu
den philosophischen Ansätzen stehen: "Hartz IV-Empfänger, Friseurinnen, Studenten,
Rentner und Referendare, sie alle stellen sich den Wecker, um reduzierte
Flachbildschirme [...] zu ergattern" (S. 166). "[...] Mütter sitzen mit ihren
naturwollepullovrigen Kindern an Holztischen, es gibt Dinkelbrötchen [...]. Dinkel ist
gesund, keine Frage. Aber schmeckt er auch? Diese Frage stellt sich die gesundheitsbewusste
Geniesserin nicht und beisst stattdessen entschlossen in die Dinkelerdbeerschnitte, ein
Kuchen, der den Namen Sandkuchen endlich einmal verdient hätte, denn er ist so trocken wie
die Sahara und lässt sich nur mit einer Tasse Yogi-Tee herunterbekommen [...]" (S. 47).
Flasspöhlers "Wir Genussarbeiter" - das ist kein grosser Wurf. Allerdings der korrekte
Beweis der "zwanghaften Selbstoptimierung, der hektischen Betriebsamkeit" (S. 180) unserer
Zeit, insbesondere der Autorin.
R.Mainiero, Basel