Jensen erzählt die Geschichte, oder besser gesagt, die Geschichten der Stadt Marstal und ihrer Bewohner in der Zeit von 1848 bis 1945. Wie schon im Klappentext beschrieben, beginnt das Ganze mit dem Flug von Laurids Madsen in den Himmel. Mitten im ersten Seegefecht gegen die Deutschen beobachten die Marstaler aus ihrem Rettungsboot, wie bei der Explosion ihres Schiffes Laurids eben diesen beschriebenen Flug vollführt und danach auf beiden Beinen wieder an Deck landet. Es kommt, wie es kommen muss: Laurids wird dadurch zu einer lebenden Legende. Diese und sehr viel mehr Geschichten werden erzählt und es sind so viele, das Buch ist so prall damit gefüllt, dass es schwer fällt, sie auch nur ansatzweise zu schildern oder anzureißen.
Das Buch ist in vier Teile gegliedert und nicht nur in diesem ersten Teil beweist Carsten Jensen ganz großes Erzähltalent. Immer ist da ein versteckter Humor zu spüren, wo man eigentlich nur ernste Sätze erwartet - der Leser liest nicht nur die Anekdoten der Marstaler, nein, er erlebt ihre Entstehung mit. Leider kann Jensen diesen Humor nicht bis zum Ende des Buches durchziehen, aber er schafft es meisterhaft, viele verschiedene Handlungen, Zeitstränge und Personen so geschickt miteinander zu verknüpfen, dass man der Geschichte gut folgen kann, ohne sich zu irgendeinem Zeitpunkt zu fragen, wer denn gleich wessen Sohn oder Tochter war. Der Schreibstil hat mir gut gefallen. Er ist schnörkellos und wenig emotional gehalten, doch gerade dadurch gewinnen die Geschichten an Authentizität und ich fühlte mich als Leserin in die Rolle der interessierten Beobachterin versetzt, die ihre Augen überall hat und die sich aussuchen kann, bei welcher Handlung, welcher Person sie länger verweilen möchte. Ein bemerkenswerter Einfall ist das kollektive"Wir" als Erzählerstimme. Das "Wir" steht für die Bewohner der kleinen Stadt. Es weiß ja alle Dinge, hört und sieht alles und was es nicht weiß, dass wird eben dazu gedichtet und so erfährt man alles von einer "Gesamtstimme", die einem sozusagen den Platz in der ersten Reihe reserviert.
Es ist ein Buch, dass vom Leben und vom Sterben erzählt, von Jungen, die zuerst in der Schule und dann an Bord ihrer Schiffe geprügelt wurden, deren Väter nur einmal im Jahr zu Besuch kamen und die ihnen oft seltsam fremd blieben und deren Tod nur allzu oft in einem nüchternen Brief der Reederei mitgeteilt wurde. Es erzählt von den Frauen, die ihre Kinder allein großziehen mussten und von den leeren Friedhöfen der Stadt, da die wenigsten Seemänner ihr Grab an Land fanden - Von der Einsamkeit der Frauen, berichtet es ebenso wie von der Sehnsucht der Männer nach dem Meer und von vielen Abenteuern auf See, wie wir sie aus den großen alten Seefahrergeschichten kennen. Leider wird die Geschichte zum Ende hin immer unglaubwürdiger und da die Handlung bis weit über die Buchmitte sehr realistisch dargestellt wird, ist das mein großer Kritikpunkt. Irgendwann war alles nicht mehr glaubhaft und wirkte auf mich, als habe selbst der Autor nun genug und würde versuchen irgendwie zum Ende zu kommen, was ja auch nach 780 Seiten dann endlich der Fall ist.Trotzdem ein großes und unterhaltsames Buch.