Kabarettisten leben ja davon, dass wir dem masochistischen Trieb nach Wahrheit nur frönen wollen, wenn wir uns bei ihrer Präsentation auf die Schenkel klopfen, lauthals lachen und vom Nachbarn ein zustimmendes Nicken erhalten. Da diese menschliche Eigenart auch den beiden Soziologen, Markensoziologen, Psychologen Oliver Errichiello und Arnd Zschiesche bekannt ist, verpacken sie ihre Beobachtungen postmodern aufgestellter Einmaliger in ein sprachliches Feuerwerk, das ihr Publikum so blendet, dass es sich im vorgehaltenen Spiegel kaum erkennt. Aber da wir unsere gewohnten Verhaltensmuster ohnehin nur in seltenen Ausnahmefällen durch Einsicht ändern, ist soziologisches Kabarett noch immer besser als eine wissenschaftliche Power-Point-Vorlesung. Und weil auch wissenschaftlich Denken auf genauer Beobachtung beruht, ist in diesem Buch ebenso viel Wahrheit enthalten wie in einer langatmigen und langweilig verfassten Sozialstudie.
Die beiden Autoren bestätigen zudem die Behauptung, Bücher würden von ihren Verfassern auch für sich selber geschrieben. Denn ganz offensichtlich suchten Oliver Errichiello und Arnd Zschiesche nach einer Bühne, auf der sie ihre Lust an schrägen Formulierungen, überraschenden Metaphern und dem Schnitzen verbalen Speerspitzen ausleben können. Aber da sie natürlich ebenso Produkte ihrer beruflichen Sozialisierung sind wie ihre Zuhörer, geben sie sich nicht mit Auftritten an Betriebsfesten, Jubiläen oder belletristischen Karaoke-Veranstaltungen zufrieden. Sie möchten schließlich auch Inhalte liefern. Die erhält der Leser zwar nicht in Form kluger Zusammenfassungen in grau unterlegten Kästchen, eingeschobenen Merksätzen oder das Wesentliche vorwegnehmenden Einleitungen oder Vorwörter, sondern nur zwischen den Zeilen. Und mit Reiseberichten von Ausflügen in die Niederungen des ganz normalen Wahnsinns unserer individualistischen Zeit.
Wir halten uns für einmalig und sind es nicht. Das ist angesichts all der mentalen, körperlichen und finanziellen Anstrengungen, die wir für unser cooles Selbstbild unternehmen, natürlich eine düstere Botschaft. Aber die Beweise für unsere Gewöhnlichkeit sind so erschlagend, dass wir uns letztlich doch überlegen müssen, ob sich der ganze Aufwand lohnt. Auch weil wir im Fazit gleich nochmals daran erinnert werden, dass die Welt auch ohne dieses oder jenes funktionieren würde, unsere linkischen Ausbesserungsarbeiten am säkular entsorgten Dach einer übergeordneten und ordnenden Instanz bloße Energieverschwendung ist und nur eine relaxtere Haltung Abhilfe verschaffen kann.
Wir Einmaligen halten uns für selbstbestimmt, können aber ohne Herdengeruch nicht leben. Um das zu erkennen, müssen wir am Tag der offenen Tür nicht in die Labors der Hirnforscher pilgern. Es genügt, die beiden Autoren zu begleiten, wenn sie sich in Equipment-Hallen der Freizeitindustrie, auf den Frankfurter Flughafen, auf Hochzeitsveranstaltungen und in die Wohnungen der Einmaligen begeben. Das lässt zwar manchmal unser individuelles Blut in den Adern gefrieren, macht aber so viel Spaß, um auch an weiteren Touren teilzunehmen. Da nicht alle Leser ein SUV-Fahrzeug besitzen, Kinderbücher schreiben, den WorldShop-Katalog studieren und sich permanent auf XING oder Facebook tummeln, gibt es auch Ruhepausen in der Selbsterkenntnis. Aber spätestens wenn es um das richtige Leben und die perfekte Erziehung des Nachwuchses geht, ist es mit der Distanzierung vorbei. Und dann hilft es auch nicht, sich in die mühsam zusammengebastelte Eigenreligion zu flüchten oder sich durch kulturell wertvolle Sendungen im Radio oder TV ablenken zu lassen. Je länger man den beiden Autoren zuhört, desto stärker nistet sich die Erkenntnis ein, dass Einmaligkeit eine Fiktion und der Glaube daran eine Dummheit ist.
Mein Fazit: Eine brillant geschriebene Abrechnung mit einem Mythos, der für vieles verantwortlich ist, das Einmalige zu Einsamen macht und weniger zu einer guten Welt beiträgt, als wir uns einreden. Zu hoffen ist nur, dass man nach der Aufführung nicht der Versuchung erliegt, aus Tätern Opfer zu machen und die Misere gewitzten Marketingleuten in die Schuhe zu schieben. Die Lektüre hat Spaß gemacht, obwohl mir beim Lachen nicht immer ganz wohl war.