Winterspelt - hinter diesem unbekannten Namen verbirgt sich ein unscheinbares Dorf in der Eiffel, ein Ort an dem sich im Oktober 44 - im sechstem Kriegsjahr - ungewöhliche Dinge ereignen. Alfred Andersch lässt in diesem Werk - seinem letzten Roman aus dem Jahre 1974 - seiner literarischen Experimentierfreude freien Lauf um eine Geschichte zu skizzieren, wie sie sich nie zugetragen hat, die er jedoch erfindet, um sich dichterisch verschiedene Möglichkeiten zu erschliessen, wie Geschichte vielleicht auch hätte stattfinden können.
Der Autor lässt den Leser direkt an seinen Überlegungen zum Aufbau dieser Fiktion teilhaben, verschiedenste Gedankengänge, Möglichkeiten und Hintergrundfragen werden offen durchdacht, dann geht die Erzählhandlung wieder weiter. Aber auch die Handlungsabfolge ist alles andere als fliessend : selten, dass der Erzählfluss länger als zwei Seiten anhält, schon schwenkt die Perspektive wieder ins Innenleben eines anderen Protagonisten um, alte Geschichten werden erzählt, bewegende, spannende Geschichten, dann kommt wieder eine eher nüchten verfasste Kurzbiographie um wiederum von einem Gedanken des Autors oder einem Original-Zitat eines Wehrmachtgenerals abgelöst zu werden.
Dennoch gibt es eine zentrale Geschichte : Major Dincklage trägt sich mit dem Gedanken, angesichts des verloren gehenden Krieges sein Bataillon kampflos den Amerikanern zu übergeben. In dieses Vorhaben mit eingewoben sind der amerikanische Captain Kimbrough, der als recht fies und bösartig beschriebene Obergefreite Reidel und drei sehr unterschiedliche Zivilisten - die 24 jährige lebensfrohe Käthe Lenk, der weltfremde, sympathisch-naive Kunstexperte Dr. Schefold, und der ältere Marxist und ehem. KZ-Häftling Wenzel Hainstock, welche miteinander durch recht verschiedene Beziehungen verbunden sind.
Sehr persönliche Themen, Liebesbeziehungen, marxistische Gedanken, künstlerische Betrachtungsweisen, Mut, Liebe und Angst - all diese Stoffe, aus denen menschliche Schicksale gesponnen sind, sind mit diesem gewagten Vorhaben verwoben, bzw. scheinen dieses erst möglich zu machen. Zudem erhält der Leser interessante Einblicke in militärische Struckturen und Umgangsweisen der Soldaten untereinander (Andersch selbst war bis zu seiner erfolgreichen Desertierung im Sommer 44 (siehe "Die Kirschen der Freiheit") Wehrmachtssoldat).
Manchmal klingt auch ein Thema an, welches Alfred Andersch von jeher sehr am Herzen lag : die Frage der Freiheit des Menschen. Was ist wirkliche Freiheit, wo zeigt sie sich? Wann, unter welchen Bedingungen, kann der Ausbruch aus dem Konformen, aus den Automatismen stattfinden?
Das durchaus schwierige Vorhaben der militärischen Übergabe, die verschiedenen Motivationen der Protagonisten werden von allen denkbaren Seiten beleuchtet, menschlilche Wiedersprüche und teils sehr verwinkelte Gedankengänge werden veranschaulicht, diskutiert. Dies gelingt Andersch sehr meisterlich, man kann sich direkt vorstellen, auf welche Weise dieser verschachtelte Roman im Kopf des Autors Gestalt angenommen hat und immer mehr Nebenschauplätze und Betrachtungsweisen in ihm entstanden sind.
Es war aber auch für mich ein Zuviel an Verschachtelung, an Nebenepisoden, an kleinen Geschichten - die Lektüre dehnte sich manchmal doch etwas unangenehm in die Länge; aus der Perspektive des "Unterhaltungswertes" könnte ich nur zwei bis drei Sterne geben.
Die Kerngeschichte ansich, die differenzierte Sprache, der darin mitunter versteckte (Sprach-)Witz, die politische Kritik und nicht zuletzt die tiefere Botschaft des Romans haben mich aber durchaus beeindruckt und ein gewisses Gefühl von "von-der-möglichen-Freiheit-des-Lebens-berührt-sein" in mir hinterlassen, ebenso eine schwer zu beschreibende Art von Traurigkeit,Ergriffenheit - dafür wären sicher fünf Sterne angebracht.
Alles in allem ein wertvolles und beeindruckendes Stück deutscher Literatur!