6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Ungewöhnliche, literarisch-experimentelle Arbeit auf hohem Niveau, 9. Juli 2006
Rezension bezieht sich auf: Winterspelt (Sondereinband)
Winterspelt - hinter diesem unbekannten Namen verbirgt sich ein unscheinbares Dorf in der Eiffel, ein Ort an dem sich im Oktober 44 - im sechstem Kriegsjahr - ungewöhliche Dinge ereignen. Alfred Andersch lässt in diesem Werk - seinem letzten Roman aus dem Jahre 1974 - seiner literarischen Experimentierfreude freien Lauf um eine Geschichte zu skizzieren, wie sie sich nie zugetragen hat, die er jedoch erfindet, um sich dichterisch verschiedene Möglichkeiten zu erschliessen, wie Geschichte vielleicht auch hätte stattfinden können.
Der Autor lässt den Leser direkt an seinen Überlegungen zum Aufbau dieser Fiktion teilhaben, verschiedenste Gedankengänge, Möglichkeiten und Hintergrundfragen werden offen durchdacht, dann geht die Erzählhandlung wieder weiter. Aber auch die Handlungsabfolge ist alles andere als fliessend : selten, dass der Erzählfluss länger als zwei Seiten anhält, schon schwenkt die Perspektive wieder ins Innenleben eines anderen Protagonisten um, alte Geschichten werden erzählt, bewegende, spannende Geschichten, dann kommt wieder eine eher nüchten verfasste Kurzbiographie um wiederum von einem Gedanken des Autors oder einem Original-Zitat eines Wehrmachtgenerals abgelöst zu werden.
Dennoch gibt es eine zentrale Geschichte : Major Dincklage trägt sich mit dem Gedanken, angesichts des verloren gehenden Krieges sein Bataillon kampflos den Amerikanern zu übergeben. In dieses Vorhaben mit eingewoben sind der amerikanische Captain Kimbrough, der als recht fies und bösartig beschriebene Obergefreite Reidel und drei sehr unterschiedliche Zivilisten - die 24 jährige lebensfrohe Käthe Lenk, der weltfremde, sympathisch-naive Kunstexperte Dr. Schefold, und der ältere Marxist und ehem. KZ-Häftling Wenzel Hainstock, welche miteinander durch recht verschiedene Beziehungen verbunden sind.
Sehr persönliche Themen, Liebesbeziehungen, marxistische Gedanken, künstlerische Betrachtungsweisen, Mut, Liebe und Angst - all diese Stoffe, aus denen menschliche Schicksale gesponnen sind, sind mit diesem gewagten Vorhaben verwoben, bzw. scheinen dieses erst möglich zu machen. Zudem erhält der Leser interessante Einblicke in militärische Struckturen und Umgangsweisen der Soldaten untereinander (Andersch selbst war bis zu seiner erfolgreichen Desertierung im Sommer 44 (siehe "Die Kirschen der Freiheit") Wehrmachtssoldat).
Manchmal klingt auch ein Thema an, welches Alfred Andersch von jeher sehr am Herzen lag : die Frage der Freiheit des Menschen. Was ist wirkliche Freiheit, wo zeigt sie sich? Wann, unter welchen Bedingungen, kann der Ausbruch aus dem Konformen, aus den Automatismen stattfinden?
Das durchaus schwierige Vorhaben der militärischen Übergabe, die verschiedenen Motivationen der Protagonisten werden von allen denkbaren Seiten beleuchtet, menschlilche Wiedersprüche und teils sehr verwinkelte Gedankengänge werden veranschaulicht, diskutiert. Dies gelingt Andersch sehr meisterlich, man kann sich direkt vorstellen, auf welche Weise dieser verschachtelte Roman im Kopf des Autors Gestalt angenommen hat und immer mehr Nebenschauplätze und Betrachtungsweisen in ihm entstanden sind.
Es war aber auch für mich ein Zuviel an Verschachtelung, an Nebenepisoden, an kleinen Geschichten - die Lektüre dehnte sich manchmal doch etwas unangenehm in die Länge; aus der Perspektive des "Unterhaltungswertes" könnte ich nur zwei bis drei Sterne geben.
Die Kerngeschichte ansich, die differenzierte Sprache, der darin mitunter versteckte (Sprach-)Witz, die politische Kritik und nicht zuletzt die tiefere Botschaft des Romans haben mich aber durchaus beeindruckt und ein gewisses Gefühl von "von-der-möglichen-Freiheit-des-Lebens-berührt-sein" in mir hinterlassen, ebenso eine schwer zu beschreibende Art von Traurigkeit,Ergriffenheit - dafür wären sicher fünf Sterne angebracht.
Alles in allem ein wertvolles und beeindruckendes Stück deutscher Literatur!
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4.0 von 5 Sternen
Ein unmögliches Angebot, 10. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Winterspelt (Sondereinband)
Man darf sich durch die eher spröden Zitate aus Geschichts- und Tagebücher am Anfang des Buches nicht schrecken lassen, auch nicht durch die etwas bemühte Betonung des Autors, es handele sich bei seinem Werk um reine Fiktion - die meisten Leser eines Romans werden kaum anderes erwarten. Das Buch liest sich gut und flüssig, auch wenn der Autor immer wieder seine Erzählung unterbricht, sei es, um zu seinen Geschöpfen auf Distanz zu gehen, sei es, um sein Wissen um ihre Beweggründe zu verneinen. Wenig ist oft mehr - mir kommt gelegentlich der Verdacht, der Autor sei zu bequem gewesen, um sich mit Motiven zu befassen; oder will er nur sein Unvermögen ausdrücken, bestimmte Menschentypen (Major Dincklage) zu verstehen?
Den Ort Winterspelt gibt es wirklich in der Eifel nahe der belgischen Grenze, und in dieser Gegend ist der Roman angesiedelt, im Herbst 1944 kurz vor der Ardennenschlacht. Es herrscht die Ruhe vor dem Sturm, während deutsche und amerikanische Truppen in unmittelbarer Nachbarschaft in Stellung sind und darauf warten, dass sich die Spannung in irgendeiner Form löst.
Die Protagonisten sind alle Ausnahmeerscheinungen. Der junge Major Dincklage, überzeugt, dass Deutschland den Krieg verlieren wird, überlegt, wie er eine Situation herbeiführen könnte, in der er sich und seine Truppe den Amerikanern kampflos ergeben kann. Seine Gedankenspiele führen nur deshalb zu einer konkreten Handlung, weil er sie einer jungen Lehrerin anvertraut, in die er sich Hals über Kopf verliebt hat und die einen Kontakt zu den Amerikanern herstellen und für ihren Zweck nutzen will: Fort aus Deutschland. Helfen soll der Kommunist Hainstock, der dank eines Gönners still und unbehelligt im Eifelwald leben kann. (In geraffter Form mag dies märchenhaft klingen, ist aber im Buch glaubwürdig entwickelt.) Den tatsächlichen Kontakt zu den amerikanischen Truppen stellt ein deutscher Kunsthistoriker her, der auf belgischer Seite im Grenzgebiet lebt (er will, wenn der Krieg endlich vorbei ist, so schnell wie möglich nach Deutschland zurück) und sich erstaunlich unbehelligt auf beiden Seiten der Grenze bewegt.
Dieser Kunsthistoriker Schefold ist die für meine Begriffe am wenigsten realistische Person im ganzen Geschehen: Ein gebildeter Mensch mag weltfremd, naiv und leichtsinning sein, aber würde er vor deutschen Soldaten im deutschen Kriegsgebiet amerikanische Zigaretten rauchen und einem der Soldaten eine Zehndollarnote geben? Auch die Pläne des Mannes (Museumsdirektor werden) passen so gar nicht zu dem Charakter, den der Autor entwirft.
Deutlicher und überzeugender ist der Obergefreite Reidel gezeichnet, gegen Ende des Romans fast so etwas wie Schefolds Gegenspieler.
Das Kriegsgeschehen selbst mit seinen Kampfhandlungen ist im Roman fast völlig ausgeblendet. Wichtig sind die Interaktionen und Beziehungen einer Handvoll Personen.
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