Ist unser Leben nur eine Aneinanderreihung von bloßen Zufällen oder gibt es eine größere Logik nach der sich alles richtet? Dieser Frage ging Tom Tykwer mit seinem zweiten Film "Winterschläfer" nach und näherte sich dem großen Thema mit einer magischen Bildsprache, die dem großen Werk eine nahezu übersinnliche Schönheit gibt. Auf faszinierende Weise werden die Lebensschicksale fünf unterschiedlicher Menschen in einem verschneiten Dorf miteinander verbunden. Dank der lebensnahen Figuren entsteht daraus ein psychologisch dichtes Kammerspiel, das sich allerdings nicht in seinen intensiven Porträtierungen der einzelnen Charaktere erschöpft, sondern durch seine vielperspektivische Struktur verdeutlicht, wie stark die Leben der Menschen sich gegenseitig beeinflussen. Die erhabene Winterlandschaft bildet dazu den perfekten atmosphärischen Hintergrund und verleiht vielen Stellen eine meditative Ruhe. "Winterschläfer" ist ein hochästhetisches Filmjuwel und eine intelligente Reflexion über den Lauf der Dinge.
"Winterschläfer" beginnt mit einem schweren Autounfall, dessen Folgen das Leben von fünf verschiedenen Menschen beeinflussen werden. Rene (Ulrich Matthes) hat etwas zuviel getrunken und beschließt den Nachhauseweg zu Fuß anzutreten, als er plötzlich vor sich einen nagelneuen Sportwagen mit offener Tür und Schlüssel in der Zündung stehen sieht. Kurzentschlossen beschließt er damit eine kurze Spritztour zu machen. Doch dabei rammt er fast das Auto des Landwirtes Theo (Josef Bierbichler), der mit seiner kleinen Tochter auf den Weg in die Stadt ist. Beide Autos landen im Straßengraben, doch während der verwirrte und verängstigte Rene das fremde Auto, das fast gänzlich unter Schnee begraben wurde, einfach verlässt und zu Fuß nach Hause geht, ist Theo bewusstlos und sein Tochter schwer verletzt. Marco (Heino Ferch) ist indessen stinksauer, weil sein Wagen gestohlen wurde, während er mit seiner Freundin Rebecca (Floriane Daniel) geschlafen hat. Verärgert beschließt er lieber zuhause zu bleiben anstatt sich die Premiere des Theaterstücks mit Rebeccas Mitbewohnerin Laura (Marie-Lou Sellem) in einer Nebenrolle anzusehen. Da Rebecca deshalb nach dem Stück schneller geht, um wieder bei ihren Freund zu sein, bleibt Laura alleine zurück und lernt eben jenen Rene kennen, der ein paar Stunden zuvor noch Marcos Wagen gestohlen hat. Nur kann dieser sich daran nicht mehr erinnern, da sein Kurzzeitgedächtnis nach einer schweren Kopfverletzung nur noch sehr unzuverlässig arbeitet. Der wütende Theo, dessen Tochter nach dem Unfall im Koma liegt, macht sich indessen auf die Suche nach dem Verursacher des Unfalls.
"Winterschläfer" lässt viel Zeit vergehen bis Theo eine Spur finden wird und widmet sich stattdessen intensiv den einzelnen Personen mit ihren Träumen, Sehnsüchten und Problemen. Der zögerlichen Liebesbeziehung zwischen dem angeschlagenen Rene und der verschlossenen Laura steht die hitzige Affäre von Marco und Rebecca gegenüber, während Theo durch den Unfall seiner Tochter in eine tiefe psychische Krise gerät. Und obwohl sich die Menschen wirklich Mühe geben, scheinen macnhe Dinge einfach nicht für sie bestimmt zu sein, während andere wie von selbst zu passieren scheinen. Obwohl sich Rebecca mit aller Kraft um Marco bemüht, kommt es zwischen ihnen zu einem Krach nach dem anderen, während Laura und Rene sich zwar reichlich ungeschickt anstellen, aber dennoch irgendwie immer mehr zueinanderfinden. Es scheint als ob eine seltsame Unvermeidbarkeit das Leben der Menschen im Griff hätte und jeder lernen müsste, sich mit gewissen Dingen, die er nicht ändern kann, abzufinden. Am Ende wird es der von dem Gedanken an Gerechtigkeit getriebene Theo sein, der mit seinem Verhalten ein überraschendes Ende herbeiführen wird. Es scheint als ob sich das Leben der Menschen von dem schweren Unfall auf seine Art wieder erholt und am Ende wird alles auf unerwartete Art ähnlich harmonisch sein, wie die ruhige Winterlandschaft, die das Treiben der Menschen all die Zeit über begleitete.
Um die Unterschiedlichkeit der Figuren zu betonen hat Tykwer den einfachen, aber sehr effektiven Effekt gewählt jeder eine eigene Farbe zuzuordnen. Während die lebensfrohe Rebecca etwa immer in rot zu sehen ist, trägt der kranke Rene konsequent schwarz. Vor dem durch viele Landschaftsaufnahmen als zentrales Element in den Film integrierten weißen Schnee, stechen die Charaktere so richtig heraus. Auch die kunstvollen Wechsel zwischen den verschiedenen Handlungssträngen können sich wirklich sehen lassen. Überhaupt gibt es wahrscheinlich kaum Filme, die den Winter und seine eigentümliche Schönheit so überzeugend und tiefsinnig einfangen.
Gegenüber seinem Debüt "Die tödliche Maria", das stellenweise noch ein wenig zu sehr an Klischees orientiert war, ist "Winterschläfer" ein gewaltiger Schritt nach oben für Tom Tykwer. Obwohl der zweite Film gemeinhin als besonders schwierig gilt, ist hier alles so perfekt durckomponiert und durchdacht, dass man schon von einem Meisterwerk sprechen muss.
DVD: Sehr schönes Bild in 2.35:1 und Englische und Deutsche Untertitel. Als Bonus gibt es einen Audiokommentar von Tykwer und Kameramann Frank Griebe, sowie ein Making Of.