Der hiesige Blick auf die USA ist ja oft geprägt von TV-Serien, die in einer glitzernden Scheinwelt spielen. Der Roman Winters Knochen von Daniel Woodrell wirft einen Blick hinter die Fasaden dieser Scheinwelt auf das harte Leben der Unterschicht-Bevölkerung in den USA, die durch Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit verarmt ist. Oft verächtlich von den Wohlhabenden "White Trash (Weißer Abfall)" genannt. lebt diese Bevölkerungsgruppe den amerikanischen Albtraum.
Ree Dolly wächst in einer solchen Familie in den Ozarks auf, einer unwirtlichen Landschaft in Arkansa und Missouri mitten in den USA. Obwohl selbst noch ein 17-jähriger Teenager muss Ree sich um ihre Geschwister kümmern, da ihr Vater mehr Zeit im Gefängnis als zu Hause verbringt und ihre Mutter psychisch krank ist.
Der scheinbar finale Schicksalsschlag trifft Ree und ihre Geschwister, als der Vater spurlos verschwindet. Vorher hat er jedoch sein Haus als Kautionsleistung verpfändet, so dass das Haus, falls er seine Gefängnisstrafe nicht antritt, versteigert wird. Um die Obdachlosigkeit zu verhindern, macht sich Ree auf die Suche nach ihrem Vater. Dabei gerät sie schnell in den Sumpf von lokalem Verbrechen und Korruption, in den auch ihre eigene Verwandtschaft verstrickt zu sein scheint. Trotz Drohungen und körperlichen Attacken versucht Ree ihren Vater zu finden, obwohl sie bald anhnt, dass sie ihn nicht mehr lebendig finden wird...
Woodrell hat seine Geschichte geschickt als Mix aus Drama und Thriller konzipiert, den man nicht aus der Hand legen kann, bis man weiß, ob es Ree gelingen wird, ihre Mission zu erfüllen.
Das Buch wirft einen Blick auf die USA, wie man sie hierzulande kaum kennt. Die harte Welt in den Ozarks ist geprägt von Gewalt und dem Kampf ums tägliche Überleben. Und dennoch, bei allem Elend blickt er auch in diesem Buch wieder durch: Der amerikanische Traum, dass man es schaffen kann, wenn man nur will.
Ree Dolly ist so eine Heldin, die sich stur und verbissen gegen alle Umstände durchsetzt, um sich und ihre Geschwister zu schützen.
Woodrell hat mit Ree eine faszinierende Frauenfigur geschaffen, mit der der Leser mitfiebert und mitleidet, die aber nie wehleidig ist. Trotz aller Tristesse verströmt der Roman daher auch eine positive Grundstimmung, die in wohltuend von manch anderen Sozialdramen abhebt.
Diese positive Grundstimmung und das Spannungselement haben sicher dazu beigetragen, dass Winter's Bone von Hollywood verfilmt wurde und zwar als Außenseiter, immer immerhin für den Oscar als bester Film nominiert wurde. Ich habe den Film noch nicht sehen können, aber wenn er die Stimmung des Romans wiedergibt, dann hätte er die Auszeichnung verdient.